Genuss: Harte Arbeit, oder was?

15.11.2009: Ein Artikel, der sich mit Normen, Werten & Calvinismus auseinandersetzt

Genießen kann jede_r Einzelne von uns vieles, ob nun Kunst, Nahrungsmittel, oder legale und illegalisierte Drogen. Was wir als Genuss empfinden, ist zu einem nicht unwesentlichen Teil von dem eigenen individuellen Wertesystem abhängig, welches, je nach Sozialisation, mehr oder weniger stark von den existierenden gesellschaftlichen Normen beeinflusst ist. Aus diesem Grund haben über alle Zeiten Menschen verschiedene Antworten auf die Beziehung zwischen Genuss auf der einen und Normen und Werten auf der anderen Seite gefunden.

So spielt im Calvinismus, einer reformierten Bewegung des Christentums, Genuss keine und Enthaltsamkeit eine große Rolle. Denn für Calvinist_innen stehen harte Arbeit, Fleiß und Sparsamkeit im Mittelpunkt. Von Luxus halten die Gläubigen nicht viel, allerdings kann wirtschaftlicher Erfolg ein Zeichen Gottes sein, dass sich die Person auf dem richtigen Weg befindet. 1904 analysierte der Soziologe Max Weber den Calvinismus als wesentlichen Einfluss für die positive wirtschaftliche Entwicklung vor allem in den USA. Seiner Ansicht zu Folge wohne dem modernen Kapitalismus immer noch der Geist des Protestantismus inne, allerdings würde Askese (auch: Enthaltsamkeit) nicht mehr zwangsläufig mit einem religiösen Motiv oder einer Weltflucht einhergehen.

Und in der Tat: Enthaltsamkeitsbewegungen können auch Teil einer Protestkultur sein. So bezeichnet sich bis heute ein Teil der Hardcore-Szene als „Straight Edge“. Was ursprünglich als Gegenbewegung junger Punks vor allem zum ausgeprägten Alkohol- und Zigarettenkonsum innerhalb der Szene gedacht war, bekam eine ganze eigene Dynamik. Mit dem gemeinsamen Zeichen, dem X auf dem Handrücken, das ursprünglich genutzt wurde, um den Alkoholausschank an Minderjährige zu unterbinden, wurde Zusammengehörigkeit definiert. Der Minor Threat Song „Out of Step“, der das Bekenntnis kurz in den Worten „I don't smoke, I don't drink, I don't fuck - at least I can fucking think“ zusammenfasste, wurde zu einer Art Manifest der Szene. Die Interpretationen war weitläufig: Insbesondere das „I don't fuck“ wurde sogar im Sinne des Verbotes von vorehelichem Geschlechtsverkehr interpretiert, während der Sänger Ian MacKaye in Interviews immer wieder betonte, er lehne nur „schnellen“ Sex ab. In der zweiten Straight-Edge-Welle Mitte/Ende der 80er Jahre wurde der Begriff noch um den Veganismus erweitert.

Tatsächlich haben allerdings nicht nur junge Punks etwas gegen den Konsum von Alkohol und anderen Drogen, sondern auch stalinistisch-maoistisch inspirierte Kleinstparteien wie die MLPD. Ihr „Jugendverband“ Rebell hält auf seiner Internetseite fest, dass Haschisch eine Droge sei, die Individualismus und Vereinzelung fördere. In dem Artikel wird ein großer Bogen gespannt von den spanischen Konquistadoren, die mit Alkohol die indigenen Gemeinschaften Lateinamerikas unterjocht hätten, bis hin zu der Tatsache, dass Arbeiter_innen im England des 19. Jahrhunderts ihr Gehalt zu Teilen in Alkohol ausgezahlt bekommen hätten. Deshalb seien Drogen im Allgemeinen und Haschisch im Speziellen ein Instrument der herrschenden Klasse gegen die „Rebellion gegen den Imperialismus“. Im Weltbild dieser Partei gibt es keinen selbstverantwortlichen Genuss.

Sichtbar wird: Durch alle Zeiten spielt bei der Beschreibung von Genuss auch immer die Enthaltsamkeit als Gegenbewegung eine Rolle. Diese beiden Antipoden (auch: Gegenspieler) machen sich gegenseitig überhaupt erst sichtbar - Normen und Werte wirken als Katalysatoren.

Tobias Edling