Gib mir mehr!

15.11.2009: Die Qual ohne Wahl. Ein kurzer Artikel über Sucht und die damit einhergehenden Probleme.

Genüsslich ziehe ich an meiner Zigarette. Zwei Wochen war ich rauchfrei. Nicht ganz freiwillig, weshalb ich diese eine Zigarette nach vierzehn Tagen wirklich genieße. Ich stelle fest, dass ich dieses leicht schwindelige Hochgefühl in den letzten Jahren meines Rauchkonsums eigentlich gar nicht mehr hatte. Es gibt einen Unterschied. Der Konsum dieser Zigarette verändert meine Wahrnehmung. Da gab es auf einmal etwas anderes neben meiner Normalität, etwas, das sie bereicherte. Ich fühle mich erleichtert auf eine gewisse Art und Weise und stelle fest, dass diese Zigarette, als Belohnung gedacht, diese Funktion ausnahmsweise tatsächlich erfüllt.

Davor war ich wohl klassisch abhängig. Das Rauchen hatte sich perfekt in meinen Alltag integriert. Es diente nicht mehr der Belohnung, sondern lediglich der Aufrechtrechterhaltung einer Normalität, in der ich und meine Umwelt mit mir zurecht kamen. Ohne Zigaretten war ich launisch, unausgeglichen und konnte mich nur schwerlich konzentrieren.

Doch wie lässt sich dieser Unterschied zwischen Genuss und Sucht feststellen, wenn es keine Sicherheit geben kann? Ich versuche einen Test bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, falsche Angaben zu machen, um mein Ergebnis in eine Richtung zu beeinflussen, mache ich bewusst einen Test, der herausfinden soll, ob ich spielsüchtig bin. Der sollte negativ sein, sind doch die einzigen Spiele um Geld, die ich mache, Pokerrunden mit Freund_innen und der Einsatz liegt bei einem Euro. Ich klicke mich durch Fragen, die oftmals überhaupt nichts mit meinem Spielverhalten zu tun haben oder etwas zu vage sind. Denn natürlich habe ich Onlinespiele gespielt. Ob um Geld oder nicht, wird allerdings nicht abgefragt. Am Schluss sagt mir der Test, ich wäre in einer Risikogruppe und sollte meinen Spielkonsum einschränken, wenn ich finanzielle Konsequenzen für mich und meine Familie umgehen möchte. Die BzgA ist also auch keine große Hilfe, um den schmalen Grat zwischen Genuss und Sucht unterscheiden zu können.

Letzen Endes hilft hier wohl nur bewusster Konsum. Dazu gehört die konkrete Entscheidung, jetzt einen bestimmten Wirkstoff zu sich zu führen mit einer bestimmten Erwartung an diesen Wirkstoff. Das bedeutet auch, dass die Fähigkeit zu genießen ständig hinterfragt werden muss. Hilft eine Zigarette jetzt nur beim Bewältigen einer Aufgabe, weil es ohne sie nicht mehr geht, oder ist sie Belohnung für eine Leistung? Und belüge ich mich gerade selbst? Hier wird mehr Ehrlichkeit verlangt, als viele sich selbst gegenüber aufbringen können. Deswegen ist das ja auch so was Vertracktes mit der Sucht.

Katharina Spiel