Genussfähigkeit als Teil der Drogenmündigkeit

15.11.2009: Ein philosophischer Text über die Genussfähigkeit der Menschen und was für Folgen das eigentlich auf den Drogenkonsum haben sollte

Das Wort Genuss hat zwei Grundbedeutungen: 1. Aufnahme von Nahrung und ähnlichem, 2. Freude, Wohlbehagen bei etwas, was jemand auf sich wirken lässt. Im Duden Band 10 (Bedeutungswörterbuch) sind vier Zusammensetzungen mit Genuss aufgeführt: Alkohol-, Fleisch-, Kaffee- und Tabakgenuss. Bezeichnend ist hier die Verbindung von Drogen mit dem Wort Genuss.

Ein Mittel ist etwas, was die Erreichung eines Zieles ermöglicht (eigentlich „das was sich zwischen dem Handelnden und dem Zweck befindet“), zum Beispiel ein Heilmittel. Man nimmt ein wirksames Mittel gegen Husten oder zur Förderung der Durchblutung. Ein Genussmittel ist demzufolge etwas, das wegen seines guten Geschmacks und seiner anregenden Wirkung, nicht aber wegen seines möglicherweise vorhandenen Nährwertes genossen wird. Wortverwandt mit Genuss bzw. mit dem Verb genießen, von dem das Wort Genuss abgeleitet ist, sind: Genosse (eigentlich „der die Nutznießung einer Sache mit einem oder mehreren anderen gemeinsam hat“), nütze und nützlich (eigentlich „was gebraucht werden kann“). Das Wort Genussmittel impliziert, dass eine Substanz in Verbindung mit einem bestimmten Zweck eingenommen wird. Das heißt, dass die gleiche Substanz, die der eine dämonisiert und als Todesdroge verteufelt, von einem andern als Genuss- oder Heilmittel, ja sogar als bewusstseinserweiternde Droge genutzt werden kann. Um das Letztere richtig zu bewerkstelligen, bedarf es im allgemeinen bestimmter Vorkenntnisse bezüglich Dosierung und Wirkung. Das heißt mit anderen Worten: Drogenkompetenz und Drogenmündigkeit. Wahrer Genuss ist bewusster Genuss. Das Wort „bewusst“ stammt von dem nicht mehr gebräuchlichen Verb „bewissen“, was soviel bedeutet wie „sich zurechtfinden“, „um etwas wissen“. Erwähnenswert ist hier noch, dass Bewusstsein grammatikalisch zwar ein Hauptwort ist, dem Sinn nach jedoch eine Tätigkeit. Bewusstsein kann man eigentlich nicht erlangen, sondern entweder man ist bewusst oder man ist es eben nicht.

Es gibt Drogen, die in bestimmten Dosierungen den Geist und die Sinne anregen, die Wahrnehmung intensivieren und auch die Genussfähigkeit steigern. Werden diese Drogen bewusst und zielgerichtet eingesetzt, können sie helfen, die Kunst des Genießens zu erlernen, wobei die Droge allein das nicht vermag, sondern es braucht dazu immer auch die eigene Initiative, eine bewusste Tätigkeit in einem dafür geeigneten Rahmen. Eine Gesellschaft, die beispielsweise in der Lage ist, für bestimmte drogeninduzierte Wahrnehmungsveränderungen den richtigen Rahmen zu schaffen, damit dieselben ganz bewusst von allen Teilnehmenden lust- und genussvoll erlebt werden können, darf man mit Fug und Recht eine kultivierte Gesellschaft nennen. Wahrer Genuss will gelernt sein, ja wahrer Genuss ist eine echte Kunst. Auch der Genuss von Drogen will gelernt sein, damit man die Drogen als Genussmittel optimal nutzen kann. Die Kunst, Drogen in einem kultivierten Rahmen bewusst als Mittel zum Genuss zu nutzen, nennt man Drogenkultur. Drogenkultur oder die bewusste Nutzung von Drogen als Mittel zum Genuss setzt genaue Kenntnisse über die Wirkungsweise der genutzten Drogen voraus. Die gleichzeitige Nutzung mehrerer Drogen als Mittel zum Genuss setzt zudem nicht nur voraus, dass man die Eigenschaften der einzelnen Drogen genau kennt und deren Wirkungsprofile verinnerlicht hat, sondern dass man auch mit den Wechselwirkungen der Drogen vertraut ist. Es gibt Drogen, die zusammen gut verträglich sind und deren Wirkungen sich gut ergänzen. Nur diese Drogen sind zum Mischkonsum geeignet, alle anderen nicht!

"Wahrer Genuss ist bewusster Genuss"

Der Gebrauch von Drogen findet im allgemeinen gemeinschaftlich in speziellen Kulturräumen statt und wird von den praktizierenden Psychonautikern (Gebraucher psychotrop wirkender bzw. psychedelischer Substanzen) als fester Bestandteil ihrer Lebenskultur bzw. ihres Kulturerbes angesehen. Statt die Gebraucher psychotrop wirkender Substanzen zu diskriminieren, sollte man in einem kulturell eingebetteten Rahmen den Umgang mit diesen Substanzen zulassen. Hierbei gilt es, Drogenkompetenz und Drogenmündigkeit zu fördern, damit ein vernünftiges Risikomanagement zur Schadensminderung machbar wird. Zudem muss es für die Riten der Psychonautik geschützte Räume geben, damit das Erfahrungswissen betreffend psychotroper Substanzen und ihrer Wirkungen weitergegeben werden kann. Nur so kann das Individuum auf lange Sicht Drogenautonomie erlangen. Autonomie bzw. Selbstbestimmung ist das Gegenteil von Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Drogenautonomie ist somit das Gegenstück zu Drogenabhängigkeit und zur Drogenautonomie gehört die Tradierung der psychonautischen Riten, damit dieses Erfahrungswissen und damit das immaterielle Kulturerbe weiterhin von Generation zu Generation weitervererbt werden kann. Deshalb wird hier den Regierungen der Welt vorgeschlagen, die Vereinten Nationen dazu aufzufordern, das Politikfeld „Drogenkontrolle“ bzw. „Umgang mit psychotrop wirkenden Substanzen“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Suchtstoffkommission (UNODC) zu entziehen und der Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) anzuvertrauen.

Hans Cousto