Strahlende Aussichten

22.07.2005: Wie AtombefürworterInnen die bestehenden Realitäten einfach ignorieren. Während Union und FDP sich zur Freude der Atomlobby lautstark für längere Laufzeiten von deutschen Kernkraftwerken stark machen, hat SPUNK-Redakteur Jan Philipp Albrecht die wahren Fakten ergründet.

Wir schreiben das Jahr 1988. Im ehemaligen Salzbergwerk Asse II werden mysteriöse Wasserzuflüsse registriert. Etwa 12,5 Kubikmeter Lauge pro Tag fließen seither in die Abbaukammern des Salzstocks. Dies führt in der Regel zu einer Lösung des Milchsalzgesteins. Das Bergwerk säuft ab. Bei einem normalen Salzbergwerk nichts Ungewöhnliches. Hier aber handelte es sich um das einzige bisher bestehende Atommülllager in der Bundesrepublik. Von 1967 bis 1978 wurde in dieses als "Versuchsendlager" bezeichnete Loch bei Wolfenbüttel der gesamte deutsche Atommüll in 500 bis 750 Metern Tiefe vergraben. Zum Teil hatte man die 125.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll einfach in die Gruben herabgekippt. Darunter auch 23 Kilogramm hochgiftiges Plutonium. Zum Vergleich: Etwa ein millionstel Gramm Plutonium löst in jedem Fall Krebs aus. Um das von den niedersächsischen Behörden seit 1994 offiziell befürchtete Absaufen des Lagers zu verhindern, wurden die verbliebenen Hohlräume mit Salz aufgefüllt. Erfolg wird dies auf Dauer nicht bringen - wo Wasser reinkommt, kommt es auch wieder raus.

Etwa 30 Kilometer östlich bei Helmstedt liegt die Saline Morsleben. Direkt hinter der ehemaligen innerdeutschen Grenze wurde sie in der DDR zum Atommülllager umgewidmet. Etwa 14.000 Kubikmeter mittelradioaktiver Müll wurde dort bis zur Wende eingelagert. Eineinhalb mal soviel folgte danach durch die gesamtdeutsche Regierung. Bis sich im November 2002 ein tonnenschwerer Salzbrocken von der Decke löste. Hätte dieser den Atommüll getroffen, wäre Radioaktivität ausgetreten. Auch das zweite deutsche Atommülllager wurde daraufhin geschlossen. Asse II und Morsleben: Zwei Salzstöcke, die nie als Endlager geeignet, geschweige denn genehmigt waren. Eine Rückholbarkeit des Mülls ist unmöglich.

Um den Bau von Atomkraftwerken zu rechtfertigen, wurde endlich ein Endlager benötigt. Ein Beispiel ist die wenige Kilometer westlich bei Salzgitter liegende Eisenerzgrube Konrad. Hier begannen die Erkundungsarbeiten 1975. Zur Förderung der Akzeptanz in der Bevölkerung wurden vom Bund etwa 20 Millionen Euro an die Stadt Salzgitter geleistet. Außerdem, aber "völlig unabhängig davon", wurde das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) dort angesiedelt. Es wurde versucht, vollendete Tatsachen für das viel versprechende Bergwerg zu geschaffen, dessen Kapazitäten auf etwa 650.000 Kubikmeter geschätzt werden. Doch WissenschaftlerInnen zufolge hätte ein Endlager Schacht Konrad, mal von der Sicherheit ausgegangen, im Routinebetrieb eine höhere Strahlungsbelastung als jedes deutsche Atomkraftwerk.

Ende der siebziger Jahre wird auch noch der Salzstock im etwas entfernten wendländischen Gorleben inspiziert. Hier war vor allem die strukturelle Lage (wenig Einwohner und nah an der DDR gelegen) ausschlaggebend. Doch auch über 25 Jahre und 1,3 Milliarden(!) Euro Untersuchungskosten für die Erforschung des Bergwerkes auf seine Eignung als Endlagerstätte später ist klar: Gorleben hat Kontakt zum Grundwasser und die Eignung des Salzes auf seine Lagerfähigkeit ist äußerst umstritten. Auch hier wäre eine Wiederöffnung nicht möglich. Eine deutliche Absage kommt vom Hannoveraner Geologen Dr. Detlef Appel: "Die Spätfolgen des Salzabbaus sind unterschätzt worden. Es sollten keine ehemaligen Gewinnungsbergwerke für die Endlagerung genutzt werden." Im Herbst 2002 erklärt Jürgen Trittin die Erkundungen aus Sicherheitsgründen für beendet.

Dennoch galten Schacht Konrad und Gorleben trotz fehlenden Eignungsnachweises als gesetzlich vorgeschriebene Entsorgungsgarantien für den Bau und Betrieb der deutschen Atomkraftwerke. Und entgegen aller Warnungen von WissenschaftlerInen wollen Union und FDP sie nun endlich zu den beiden ersten (offiziellen) deutschen - nein, besser noch: europäischen - Atommüllendlagern machen. Na dann, gute Nacht.