Aktiv gegen Rechts - aber wie?

21.07.2005: Verhaltenstipps gegenüber rechter Gewalt, Kapitel 6 und 7 aus der Rechtsextremismusbroschüre

Wo auch immer Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu Tage treten, müssen sie bekämpft werden. Und dabei bist Du der entscheidende Faktor, denn wenn Du nicht die Initiative ergreifst, tut es niemand. Wir wollen Dir nun ein paar Verhaltenstipps mit auf den Weg geben, die sich im Umgang mit Rechtsextremismus bewährt haben. Aber bedenke, Musterlösungen gibt es nicht, denn jede Situation benötigt ihre ganz individuelle Lösung.

Allgemeine Tipps

  • So unterschiedlich die Situationen auch sein mögen, Waffen und Gewalt sind immer die falschen Antworten. Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man Dir das nicht erzählt . . ."
  • Sprich andere immer direkt an, seien es die Angreifer oder die PassantInnen.
  • Bringe eineN dazu Dir zu helfen, der Rest geht meistens wie von alleine (Schneeballeffekt).
  • Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit sind Rassisten nicht gewohnt, also schockiere sie!
  • Werde kreativ! Aus "Ausländer raus!" - Tacks kann man ganz leicht "Deutsche und AusländerInnen raus zum 1. Mai" machen.
  • Zeige an! Eine Anzeige bietet immer den besten Schutz vor erneuten
  • rassistischen Gewalttaten.GewalttäterInnen müssen wissen, dass sie für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Polizei ist rund um die Uhr da, am schnellsten über den Notruf 110.
  • Handle! Eine Kleinigkeit zu tun ist besser, als über große Heldentaten nachzudenken. Ein einziger Schritt, ein kurzes Ansprechen, jede Aktion verändert die Situation und kann andere dazu anregen, ihrerseits einzugreifen.
Du hast eine rechtsextreme Seite im Internet gefunden und weißt nicht, was Du jetzt machen sollst?

Dann melde die Seite am besten bei www.hagalil.com Die Meldung erfolgt anonym. Du musst also keine Angst haben, alles weitere übernehmen die Beitreiber der Seite für dich.

In der Öffentlichkeit

Rassismus findet man überall und er versteckt sich schon lange nicht mehr. Seien es rassistische Aktionen in der Fußgängerzone oder diskriminierende Berichterstattungen in Zeitungen, Dein Handeln ist gefragt.

  • Widerspreche laut und deutlich
  • Argumentiere inhaltlich dagegen (Siehe Seite 28)
  • Fordere Respekt ein - in Wort und Tat
  • Frag nach
  • Lass Dich nicht provozieren
  • Sieze die Angreifer
  • Sprich PasantInnen direkt an und bitte sie zu helfen.
  • Informiere die Öffentlichkeit - mit LeserInnenbriefen oder Trillerpfeifen
  • Fordere PolitikerInnen aus Deiner Region zum Handeln auf
  • Stelle Strafanzeige

Schlägereien

Oft bleibt es nicht nur bei Worten. Gerade wenn körperliche Gewalt angewandt wird, ist Handeln angesagt.

  • Schlag Alarm, mach Krach
  • Schicke jemanden die Polizei holen
  • Versuche die Gewalttäter direkt anzusprechen (gehörter Name oder andere Identifikationsmöglichkeiten), sie haben große Angst, wiedererkannt zu werden.
  • Lass es nicht zu, wenn eingeschüchterte Opfer die Gewalt gegen sie herunterspielen oder sogar leugnen ("War doch nur Spaß.").

Bahn/Bus

Gerade in der Bahn oder im Bus fühlen sich Rassisten sicher und sind andere MitfahrerInnen ängstlich und schüchtern. Aber auch in der Bahn oder im Bus gilt: kein Fußbreit den Faschisten!

  • Informiere die/den FahrerIn, sie/er muss die Polizei rufen
  • Mach den RassistInnenen klar, dass sie stören
  • Fordere Mitfahrende auf, mit dir "Hört auf, hört auf" zu rufen
  • Sprich andere Mitfahrende direkt an,
  • mit Dir einzugreifen

Du sitzt im Zug, der S-Bahn oder im Bus und beobachtest Rechte Gewalttaten? Dann rufe am besten die Hotline des Bundesgrenzschutzes an: 01805 - 23 45 66

Kneipe

Gerade in Kneipen kann es schnell vorkommen, dass RassistInnen sich im Recht fühlen. Sie ziehen über andere her, beleidigen sie oder greifen gar an. Wenn jemand versucht, die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigen sie möglicherweise mit einem zackig gebrüllten "Heil Hitler", wer in dieser Kneipe angeblich das Sagen hat.

  • Widerspreche laut und deutlich
  • Fordere andere Gäste auf Dir zu helfen
  • Wenn ihr in der Mehrheit seid, stellt euch zwischen die Randalierer
  • Fordere die/den WirtIn auf, die Polizei zu rufen - die Lizenz ist weg,wenn sie/er Straftaten nicht zu verhindern versucht.
  • Ruf selbst die Polizei, zur Not außerhalb der Gaststätte

Gewalt gegen Dich

Irgendwann wirst vielleicht auch Du einer Minderheit angehören. Wenn sie dann auch gegen Dich los gehen, solltest Du wissen, was du tust!

Versuche!

  • ruhig zu bleiben
  • Dich nicht von der Angst lähmen zu lassen
  • aus der Opferrolle auszubrechen und Dein eigenes Drehbuch zu schreiben
  • Kontakt zur/m AngreiferIn zu halten
  • zu kommunizieren
  • nachzufragen
  • keine geringschätzigen Äußerungen zu machen
  • nicht zu drohen
  • klar und deutlich zu sprechen
  • Dir Hilfe zu holen
  • immer einzelne Personen anzusprechen
  • Körperkontakt zu vermeiden
Mobile Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt

Die Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt unterstützt Opfer von rassistischen, rechtsextremen oder antisemitischen Angriffen. Sie beraten kostenlos vor Ort und auf Wunsch anonym. Sie intervenieren, wenn sich Opfer rechter Gewalt alleine gelassen fühlen. www.mobileopferberatung.de

(Die Website ist auf deutsch, englisch, arabisch, vietnamesisch, französisch und russisch lesbar.)

Plumpen Parolen entgegnen

In der Kneipe sitzend, regt sich der Tischnachbar über "die Ausländer" auf, die den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Der verbale Rassismus und Rechtsextremismus kommt immer häufiger vor und noch in der "besten Gesellschaft" werden Stammtisch-Parolen gegrölt. Reaktionen darauf sind leider selten. Daher nun ein paar knackige Antwortvorschläge von uns:

"Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!"

Gesetzlich ist dies gar nicht möglich. Erst wenn keine Deutschen für einen bestimmten Arbeitsplatz gefunden werden, wird der Job an AusländerInnen weitervermittelt. Besonders in Ostdeutschland ist diese Aussage falsch, denn gerade einmal 0,8 Prozent der Erwerbstätigen sind dort AusländerInnen, haben also keinen deutschen Pass. Viele Deutsche mit Migrationshintergrund werden trotz ihres deutschen Passes jedoch als "Ausländer" gewertet.

"Die Ausländer klauen doch alles!"

Kriminalität hat nichts mit der Nationalität zu tun, sondern viel mehr mit Alter, Geschlecht und sozialer Situation. Wenn man diese Punkte beachtet, sind AusländerInnen nicht krimineller als Deutsche. Teilweise begehen sie auch Straftaten, die per Definition nur sie begehen können, beispielsweise Verstöße gegen das AusländerInnengesetz oder das Asylgesetz.

"Die Alliierten waren doch auch Kriegsverbrecher, sie haben deutsche Städte bombardiert!"

Hier sollte man sich nicht auf irgendwelche Zahlenspielchen der Rechten einlassen, sondern von Anfang an vor Augen haben, dass die systematische Massenvernichtung von Menschen durch die Nazis ein einmaliges geschichtliches Ereignis darstellt, das in seinen Ausmaßen und in seiner Grausamkeit unvergleichbar bleibt.

"Ausländer leben auf unsere Kosten!"

Volkswirtschaftlich sind AusländerInnen ein Zugewinn für Deutschland. Sie zahlen mehr an Steuern und Abgaben ein, als für AusländerInnen vom Staat ausgegeben wird. Tatsache ist beispielsweise: Ohne die Arbeitsmigration hätte es nie die Erfolgsgeschichte der deutschen Wirtschaft seit den fünfziger Jahren gegeben. Dazu kommt, dass AsylbewerberInnen momentan weniger als das Arbeitslosengeld II erhalten, was eigentlich schon als Existenzminimum angesehen werden muss, also weit davon entfernt sind, sich "auf unsere Kosten" ein gutes Leben in Deutschland zu leisten. Erwachsene haben noch nicht einmal 50 Euro Taschengeld im Monat.

Buchtip: Jonas Lanig, Marion Schweizer (Hrsg.), "Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg", Mühlheim: Verlag an der Ruhr (2003)
Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt

Du kannst aktiv werden

Jede und jeder hat die Möglichkeit, sich gegen Rechtsextremismus einzusetzen, dafür muss man nicht in einem Parlament sitzen oder bei der Antifa aktiv sein. Es gibt vielfältige Arten, sich im Kampf gegen Rechtsextremismus zu engagieren. So gibt es viele bunte Initiativen, von denen wir einige in dieser Broschüre vorstellen. Aber schau dich auch mal bei dir vor Ort um, oft gibt es lokale Verbände, sowie Bündnisse, bei denen du aktiv werden kannst.

Rechts im Netz melden

Das Internet steht als Austauschplattform den Rechtsextremen als optimales Kommunikationsinstrument zur Verfügung. Sie können fast unkontrolliert ihre Inhalte jedem zugänglich machen. Wer beim Surfen eine Seite mit rechtsextremen Informationen findet - sei es die Auschwitzlüge, Volksverhetzung oder die Anstiftung zu Straftaten, kann auf dem Internetportal für jüdisches Leben in Deutschland www.hagalil.com diese Seite melden und damit eventuell eine Strafanzeige einleiten. Der Inhalt der Seite wird dann überprüft und hagalil stellt eine Anzeige, die eigenen persönlichen Daten bleiben also geheim.

Feiern gegen Rechts

Übers Land verstreut gibt es immer wieder Parties und kleine Festivals, die sich gezielt gegen Rechtsextremismus einsetzen. Der Eintritt ist oft mit einer kleinen Spende an eine lokale Organisation oder eine Stiftung verbunden. Gestalte deinen Abend mal politisch und geh nicht einfach nur in einen Club, sondern zeig bei einem Konzert, einem Festival oder einer Par ty gegen Rechts Dein politisches Engagement. Häufig sind auch Konzerte der Brothers Keepers in diesem Zusammenhang empfehlenswert.

Courage zeigen

Wichtig im Handeln gegen Rechtsextremismus ist das Hinschauen. Das heißt: Aktiv werden, wenn AusländerInnen angepöbelt oder behinderte Menschen malträtiert werden. Einschreiten, wenn es möglich ist, und ansonsten auf jeden Fall für Aufmerksamkeit sorgen: weitere Personen heranziehen und/oder die Polizei rufen. Das Gleiche gilt auch im Alltag. Wenn im Nachbarhaus wieder Nazimusik dröhnt, nicht warten, sondern einfach die Polizei rufen. Aktiv werden gegen Rechts ist das einzige Mittel, dem braunen Gedankengut Paroli zu bieten, denn wenn der öffentliche Raum den Rechtsextremen überlassen wird, sei es in der Bahn oder im Jugendzentrum, hat die Demokratie verloren.

Hilfestellungen und Fortbildungen im Umgang mit Rechtsextremen werden unter anderem vom DGB-Bildungswerk Thüringen www.dgbbwt.de , IDA-NRW www.ida-nrw.de oder auch der Aktion Courage www.aktioncourage.de angeboten.

Aktiv grün

Der Bundesverband der GRÜNEN JUGEND bietet ebenfalls ein umfassendes Materialund Informationsangebot zu dem Thema an. Was es aktuell gibt und wie Du es bestellen kannst, findest Du unter www.gruene-jugend.de

"Aufmucken gegen Rechts"

16 renommierte Bands und Künstler aller Stilrichtungen haben sich auf dem Antirassismus-Sampler "Aufmucken gegen Rechts" zusammengetan, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. 50.000 CDs wurden und werden kostenlos auf Schulhöfen verteilt.

Seeed | Die Sterne | Dritte Wahl | Konstantin Wecker | Beginner | Nosliw | Virginia Jetzt! | Attila the Stockbroker| Ferris MC | Irie Révoltés | Lex Barker Experience | Mellow Mark | Jan Delay | Schwarz auf Weiß | Such a Surge | Die Fantastischen Vier |

"Aufmucken gegen Rechts" ist ein Projekt von ['solid], der ver.di-Jugend, der DGBJugend, der "Jungen Welt" und der IG-Metall-Jugend. Die CD ist (gegen Spende) erhältlich bei ['solid]:

Aufmucken gegen Rechts c/o [´solid] - die sozialistische Jugend e.V., Kleine Alexanderstr. 28, 10178 Berlin, www.aufmucken-gegenrechts.de

Link und Literaturtipps

> Klick dich gegen Rechts durchs Netz!

Lesen gegen Rechts!

  • Eugen Kogon; Hermann Langbein, Adalbert Rückerl (Hrsg.), Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas, Frankfurt: Fischer
  • Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 , Hamburg: Hamburger Edition. (1996)
  • Bailer-Galanda; Benz, Neugebauer (Hrsg.), Die Auschwitzleugner , Elefanten Press
  • Jens Mecklenburg (Hrsg.), Handbuch deutscher Rechtsextremismus, Elefanten Press (1996)
  • Klaus Schroeder (et al.); Bayerische Landeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.), Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland , Schöningh.(2004)
  • Alfred Janzik, "Skinheads - gewalttätige Subkultur und politisches Phänomen"
  • Loh, Hannes; Güngör, Murat (Hrsg.), Fear of a Kanak Planet: HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap , Höfen: Hannibal-Verlag (2002)
  • Hoffman, Ruth, „Weil die ohne Weiber gar nicht können – Junge Frauen in der rechtsextremen Szene“,Freiburg: Herder Spektrum (2003)

Quellenangaben:

  • "Skinheads - gewalttätige Subkultur und politisches Phänomen", Alfred Janzik
  • "Für Freiheit, Ehre, Vaterland - Burschenschaften und Verbindungen in Geschichte und Gegenwart", JUSOS Bayern (Hrsg.)
  • Evaluierung (Auswertung) von Aktionsprogrammen und Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Roland Roth und Anke Benack (Hrsg.) Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.), www.fes-online-akademie.de
  • Informationen zur politischen Bildung, Vorurteile - Stereotype - Feindbilder (Heft 271) Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) www.bpb.de
  • “Die Entwicklung des Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland” von Armin Pfahl- Traughber, Bundeszentrale für politische Bildung


Das sind zwei von 7 Kapiteln aus der Rechtsextremismusbroschüre der GRÜNEN JUGEND.