Schädliche Patenschaften

19.01.2006: Viele Menschen spenden Geld an die Dritte Welt, doch gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Vorsicht ist zum Besispiel angesagt, wenn ein Hilfsprojekt Werbung mit Patenschaften für einzelne Kinder macht.

Das Jahr 2005 war im Bezug auf Spenden ein Rekordjahr: Insgesamt wurden 3 Milliarden Euro in Deutschland für soziale Zwecke gespendet, davon 670 Millionen alleine für die schrecklichen Folgen des Tsunami in Südostasien. Unter den EmpfängerInnen dieser Spenden befinden sich auch einige Hilfsorganisationen, die sich explizit mit der Not der Kinder befassen und um Förderung ihrer Arbeit durch Kinderpatenschaften bewerben.

Einer dieser Werbeflyer für Kinderpatenschaften befand sich auch in der letzten "schrägstrich" (der Mitgliederzeitschrift von Bündnis 90/Die Grünen), in der eine Patenschafts-Organisation um die Gunst von SpenderInnen wirbt. Unabhängig davon, wie die Organisationen mit den betroffenen Menschen vor Ort arbeiten, ist es wichtig, die Art und Weise der Werbung zu betrachten. Denn viele Patenschaftsorganisationen versuchen mit miesen - menschenverachtenden - Tricks die Gefühle von SpenderInnen anzusprechen, um dadurch deren Unterstützung für ihre Projekte zu gewinnen. So werden für Fotos bevorzugt Kinder verwendet mit kleinen Gesichtern und großen runden Augen, wie sie an einem verrosteten Wasserhahn Wasser aus ihren kleinen Händen schlürfen.

Großer Pate, kleines Kind

Es gibt leider noch immer einige Menschen in Deutschland, die der Meinung sind, dass wir aus dem reichen Norden den Menschen in der "Dritten Welt" zeigen müssten, wie wirtschaftliches Arbeiten (z.B. in Unternehmen) funktioniert und was Kultur bedeutet. Diese Menschen sehen sich noch immer gerne als großer Pate eines kleinen schwarzen Kindes, dem es einmal im Monat ein wenig Geld in die Hand drückt und ihm dabei erzählt, wie die Welt funktioniert. Dieses paternalistische Menschenbild ist absolut verachtend den Menschen gegenüber, die aus den Ländern des Südens kommen. Doch viele Patenschaftsorganisationen zielen mit ihrer Werbung genau auf dieses Bild ab und bestätigen dadurch in den Köpfen der weißen SpenderInnen dieses paternalistische Verhältnis von SpenderIn und EmpfängerIn.

Grundsätzlich muss mensch sagen, dass es bereits Fortschritte in den letzten Jahren gegeben hat: So gehen die Gelder der SpenderInnen nicht mehr direkt an ein einziges ausgewähltes Kind, sondern werden in Projekten verwendet, von denen dann die Kinder (und ihre jeweilige Umgebung) profitieren. Diese Praxis ist jedoch in Deutschland nicht so werbewirksam. Daher versuchen die Organisationen für Kinderpatenschaften teilweise, die Darstellung dieser Praxis durch unklare Formulierungen zu vertuschen.

Schlimmer wird’s jedoch, wenn mensch sich die bildliche und textliche Beschreibung der Lebenssituation der Kinder ansieht. Häufig wird da den interessierten SpenderInnen ein einseitig negatives Bild dargestellt, das weit davon entfernt ist, ein objektives Bild von Kindern aus Entwicklungsländern zu erzeugen. Diese Werbung prägt das Bild, das wir von Menschen aus Entwicklungsländern haben, einseitig negativ und in einem paternalistischen Verhältnis. Es schreit beinahe aus dem Bild heraus: "Du, weißer Mann! Du weißt genau, wie es besser geht, bitte hilf mir!" Kein Wunder, dass es manchen Leuten in unserem ach so klugen Deutschland immer noch schwer fällt, die EmpfängerInnen von Entwicklungshilfe einfach als das anzusehen, was sie sind: Menschen.

Partnerschaft statt Patenschaft

Doch es gibt noch weitere Aspekte, die gerade in der Werbung für Kinderpatenschaften ethisch nicht korrekt sind. Denn obwohl nun heute die Spendengelder für Projekte verwendet werden, besteht doch heute immer noch eine formale "Patenschaft" der SpenderInnen mit den Kindern. Allein der Begriff der "Patenschaft" macht es doch unmöglich, diese Kinder und auch Jugendliche (häufig bis zu 18 Jahren) als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten zu betrachten. Meiner Meinung nach sollte mensch stattdessen klar formulieren, dass die Spendengelder in Projekte gehen, von denen vor allem Kinder profitieren und der Begriff der "Patenschaft" sollte im Bezug auf Nord-Süd-Beziehungen für immer eingemottet werden und - wenn nötig - durch den Begriff der "Partnerschaft" ausgetauscht werden.

Weiterhin ist es auch absolut verwerflich, dass den SpenderInnen teilweise suggeriert wird, sie könnten sich eines dieser kleinen und schön einzeln abgebildeten Kinder aussuchen. Die Aufeinanderreihung von kleinen Bildchen - mit Angabe des Namens, des Alters und des Herkunftslandes - scheint fast wie auf einem modernen Sklavenmarkt.

Kinder werden zu Dankesbriefen gezwungen

Ebenso wird es häufig den angehenden PatInnen versprochen, dass sie jährlich einen Brief oder eine Zeichnung von ihrem Patenkind erhalten. Die Kinder aus ihrer Not heraus zu verpflichten oder gar zu zwingen, Kontakt mit der Patin oder dem Paten zu halten ist Paternalismus pur! Im Internet beschreibt dies eine Organisation, die Patenschaften vermittelt, folgendermaßen: "Ihr Patenkind schreibt Ihnen Briefe, malt Bilder oder bastelt kleine Geschenke. So nehmen Sie am Leben und der Entwicklung des Kindes teil. Einige Beispiele - lehrreiche, rührende, farbenfrohe - können Sie sich hier schon einmal anschauen." Es ist wirklich traurig, wenn SpenderInnen heute noch aufgrund solcher Werbung eine Kinderpatenschaft eingehen werden!

Auch wenn sich die praktische Arbeit in den Projekten für Kindern in den letzten Jahren wohl deutlich verbessert hat, was ja schließlich das Ziel der Arbeit betrifft, dürfen die Mittel, die dazu verwendet werden, um "PatInnen" zu werben, trotzdem nicht außer acht gelassen werden. Der Zweck heiligt also nicht die Mittel! Daher müssen die in diesem Bereich tätigen Organisationen in ihren Werbemaßnahmen noch kräftig nachbessern:

  • den Begriff der "Patenschaft" beseitigen und wenn nötig durch "Partnerschaft" ersetzen,
  • auch die Fotos sollten darauf hinweisen, dass die Gelder nicht direkt für ein spezielles/ausgesuchtes Kind, sondern für (Gemeinschafts-)Projekte verwendet werden
  • der Eindruck, mensch könne sich ein spezielles Kind aussuchen, das dann direkt unterstützt wird, darf nicht mal im Ansatz entstehen
  • die Lage der Kinder darf nicht einseitig negativ dargestellt werden, sondern es sollten auch die besonderen Fähigkeiten der Kinder unterstrichen werden
  • bei Zusicherung von einem Brief/Zeichnung im Jahr: Flyer sofort recyceln

Solange Organisationen dieser ethischen Verpflichtung nicht nachgekommen sind, sollten die geneigten SpenderInnen diese Form der internationalen Solidarität ablehnen. Es gibt genügend Projekte, die es in ihrer Werbung vermeiden können, ein irgendwie hierarchisches Verhältnis oder Bewusstsein zwischen den SpenderInnen und den betroffenen Menschen vor Ort entstehen zu lassen.

Michi Kömm ist Sprecher des Fachforums Europa & Internationales der GRÜNEN JUGEND. Er studiert an der Universität Bielefeld Soziologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik und Entwicklungsplanung.

Siehe auch

Universität Erlangen-Nürnberg: Die öffentliche Darstellung von Kinderpatenschaften - eine kritische Bestandsaufnahme aus entwicklungspädagogischer Sicht (PDF)

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