Von der Rolle - wir brechen(s) auf!

14.11.2004: Beschlossener Leitantrag der 23. Mitgliederversammlung vom 12. - 14. November in Köln

Präambel

Die GRÜNE JUGEND bekräftigt ihr Ziel einer geschlechtergerechten, emanzipativen und pluralistischen BürgerInnengesellschaft. Diese wird dem demokratischen Anspruch gerecht, niemanden auf Grund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder anderer Eigenschaften zu diskriminieren, zu benachteiligen oder auszuschließen. Allen Individuen sollen gleichberechtigte Teilhabe und Verwirklichungschancen eröffnet und der Raum und die Freiheit, unterschiedlichste Lebensentwürfe zu verfolgen, garantiert werden.

Unserer Vision steht in nahezu allen Gesellschaften die Konstruktion der Zweigeschlechtigkeit, die damit verbundenen stereotypen Geschlechterrollen und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern, im Weg. Diese schränken die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen und Männern grundlegend ein und sind zudem Ausgangspunkt von hierarchischen Strukturen, die vor allem das weibliche Geschlecht in unterschiedlichsten Formen benachteiligen: Vom Ausschluss von gleichberechtigter Teilhabe an politischen Macht- und Entscheidungspositionen, bezahlter Arbeit und Einkommen über sexualisierte Gewalt, einer stark sexualisierten Wahrnehmung von Frauen in den Medien und in der Gesellschaft bis hin zu Zwangsverheiratung, Genitalverstümmelung und damit der Verweigerung grundlegender Menschenrechte.

Für eine geschlechtergerechte Gesellschaft bedarf es auch einer neuen Männerpolitik. Männer werden durch die Gesellschaft in eine stereotyp-männliche Rolle gedrängt und die Männer, die davon abweichen häufig diskriminiert.

Die GRÜNE JUGEND setzt such daher für einen sensiblen Umgang mit der Geschlechterpolitik ein. Auch Männerpolitik muss in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt werden. Eine Stereotypisierung auch von Männern schadet der ganzen Gleichberechtigungspolitik.

Unser Ziel muss es sein, Geschlechterverhältnisse und -rollen, aber auch das Bewertungsgefälle zwischen typisch männlichen und typisch weiblichen Verhaltensweisen grundlegend aufzubrechen, pluralistisches Denken einzufordern und Vielfalt als Grundlage unserer Gesellschaft zu etablieren. Wir wissen: Eine solche Veränderung kommt nicht "wie der Morgen nach einer durchschlafenen Nacht." Wir brauchen dafür einen tief greifenden gesellschaftlichen Wandel, der sich grundsätzlich nur langsam vollziehen kann und auf den politisch nur begrenzt Einfluss genommen werden kann.

Es bedarf dazu emanzipierter Frauen, die bereit sind, sich entgegen ihrer Sozialisation und entgegen gesellschaftlichen Anreizen von vorgegebenen Verhaltensweisen zu befreien und die ihnen zustehenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Räume einzunehmen und sich nicht auf die ihnen zugewiesenen Gesellschaftsbereiche reduzieren zu lassen. Und es bedarf vor allem auch emanzipierter Männer, die sich mit ihrer Rolle und den herkömmliche Vorstellungen von "Männlichkeit" auseinandersetzen und die bereit sind, sich mit der Hälfte der Macht zufrieden zu geben. Dabei spielen Bildung und Erziehung eine maßgebliche Rolle.

Die erste und zweite Frauenbewegung und das feministische Engagement vieler Frauen und Männer haben im letzten Jahrhundert dazu beigetragen, dem Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft einen bedeutenden Schritt näher zu kommen. Zumindest rechtlich sind Frauen in Deutschland weitgehend gleichgestellt. Von einer alle Lebensbereiche umfassenden Gleichberechtigung, geschweige denn von der Auflösung von Geschlechterrollen kann nicht annähernd gesprochen werden. Obwohl z.B. viele junge Frauen inzwischen formal bessere Bildungsabschlüsse als ihre männlichen Mitschüler oder Mitstudenten haben, sind Frauen nur zu ca. drei Prozent in gesellschaftlichen Führungspositionen vertreten. Frauen übernehmen zudem zwei Drittel der häuslichen Arbeit, leisten den Großteil der unentlohnten Arbeit und sind stärker von sexualisierter Gewalt betroffen. Noch immer profitieren viele vom Machtgefälle zwischen Geschlechtern und noch immer wählen viel zu viele Männer und Frauen den unkomplizierten Weg der Anpassung an vorgegebene Geschlechterrollen. Eine ernst gemeinte und kraftvoll umgesetzte Politik der Gleichberechtigung und des Pluralismus wird immer auch eine Politik entgegen entschiedene und einflussreiche gesellschaftliche aber vor allem wirtschaftliche Interessensverbünde sein. Dem sind wir uns bewusst und dem wollen wir uns stellen.

Zentrale Querschnittsaufgabe der Politik muss die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit sein. Im Mittelpunkt muss die Schaffung entsprechender finanzieller und gesetzlicher Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Lebensentwürfe und Rollenmodelle stehen. Insbesondere bedeutet das, dass Frauen gefördert werden müssen. Geschlechtsspezifische Rollenbilder in Gesellschaft, Schule und Medien müssen abgebaut werden. Gender Mainstreaming muss in allen gesellschaftlich relevanten Bereichen übernommen und kritisch begleitet werden. Wir fordern politische Kampagnen, die gesellschaftlich vorhandene Geschlechtsrollenbilder infrage stellen und damit auflösen.

Die politische Umsetzung von Geschlechterdemokratie braucht unterschiedliche Strategien. Die GRÜNE JUGEND bekennt sich zur Tradition des Feminismus und dem Ziel, frauendiskriminierende Strukturen aufzubrechen. Denn solange Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen und in den allermeisten Gesellschaftsformen diskriminiert werden, kann der Faktor Geschlecht nicht vernachlässigt werden. Verbindliche Quoten in den meisten Bereichen - auch in der Wirtschaft - sind vorerst nötig um männerdominierte Entscheidungs- und Machtzentren überhaupt für Frauen zugänglich zu machen. Zudem muss insbesondere die Politik immer im Blick haben, dass politische Maßnahmen dazu beitragen, die Gerechtigkeitslücke zwischen Männern und Frauen zu schließen. Stereotype Geschlechterrollen beschränken alle Menschen und diskriminieren besonders diejenigen mit Lebensentwürfen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Deshalb geht der Abbau tradierten Rollenverhaltens alle Menschen an und muss auch von allen betrieben werden. Unser langfristiges Ziel ist es, die Welt nicht in Geschlechterkategorien wahrzunehmen, um so größtmögliche Entfaltungsspielräume für alle Menschen zu ermöglichen. Wir wollen die Befreiung der Bürgerinnen und Bürger aus den Ketten der Geschlechterkonstruktionen und Zwangsheterosexualität.

Unsere Frauenpolitik findet ihre Fortsetzung in einer neuen Frauen-, Männer-, Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. Mit der Geschlechtergerechtigkeit setzen wir auf ein Leitbild von Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung der Menschen, das weit über das heute verwirklichte Maß hinaus greift.

Lasst Euch nichts einbilden!

Den Bildungseinrichtungen kommt bei der Durchbrechung von Geschlechterverhältnissen- und Rollen eine zentrale Aufgabe zu. Schon in der frühen Sozialisation, beginnend mit der Kindertagesstätte (KiTa), müssen Geschlechterstereotypen und Rollenbilder aufgebrochen werden. Für die Identitätsfindung junger Menschen ist es dabei wichtig, Vorbilder des eigenen Geschlechts zu haben. Es ist wichtig, Kindererziehung als Aufgabe für beide Geschlechter zu begreifen und zu vermitteln. Dringend nötig sind deshalb:

• Eine geschlechtsneutrale Erziehung von Kindern ab der KiTa. Gender muss als Unterrichtsthema fächerübergreifend im Schulunterricht verankert werden. Auch die Thematisierung von Homo- und Bisexualität sowie transident lebenden Menschen gehört in die Lehrpläne.

• LehrerInnen und ErzieherInnen müssen bereits in der Ausbildung für dieses Thema sensibilisiert und in die Lage versetzt werden, als Vorbilder für ein neues Geschlechtsrollenverständnis zu fungieren. Zudem ist eine Offensive notwendig, um mehr Männer für pädagogische Berufe auszubilden, denn insbesondere im Bereich der frühkindlichen Erziehung bis hin zu den ersten Schuljahren gibt es kaum männliches Erziehungs-, und Lehrpersonal.

• Wir setzen uns darüber hinaus für mehr weibliche Lehrkräfte in naturwissenschaftlichen Fächern ein und wollen Führungspositionen an Schulen und Hochschulen mindestens quotiert besetzen. Die Förderung von Frauen muss weiter vorangetrieben werden. Frauenbeauftragte an Hochschulen sind wichtige Förderelemente, die es weiter auszubauen gilt. Spezielle Einrichtungen wie beispielsweise Frauenbibliotheken lehnen wir ab. Stattdessen gilt es vorhandene Einrichtungen entsprechend zu erweitern und allen Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Wir fordern daher die Bundes- und Landesregierungen dazu auf, hierfür weitere Mittel zur Verfügung zu stellen.

• Die GRÜNE JUGEND setzt sich dafür ein, den Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung, aber auch feministische Kritik im wissenschaftlichen Bereich zu stärken und dieser Forschungsrichtung eine größere Bedeutung zukommen zu lassen; denn die Kategorie Geschlecht zum Gegenstand von Wissenschaft zu machen, leistet einen wichtigen Beitrag zur Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse.

• Männer sind nach der Schulausbildung durch die Wehrpflicht de facto benachteiligt. Sie können erst ein Jahr später als Schulabsolventinnen eine weiterführende Ausbildung antreten. Die GRÜNE JUGEND fordert u.a. daher die sofortige Abschaffung der Wehrpflicht. Diese ist durch eine umfassende Förderung von Freiwilligendiensten für alle Männer und Frauen zu ersetzen.

Sexualität - zwischen Fesseln und Befreiung?

Die GRÜNE JUGEND setzt sich für ein vielfältiges und aufgeklärtes Sexualverständnis ein. Wir wollen, dass jedes Individuum die Möglichkeit hat, selbstbestimmt und frei seine/ihre Sexualität zu definieren und auszuleben. Dies ist nur möglich, wenn unsere Gesellschaft Schutz gewährt vor jeglicher Form sexualisierter Gewalt. Vor allem Kinder, Homosexuelle und Menschen weiblichen Geschlechts sind von dieser Form der Gewalt besonders betroffen und in ihren Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Sex zwischen Erwachsenen und Kindern ist per se als Gewalt anzusehen.

Wir kritisieren nachdrücklich die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft mit Sexualität umgegangen wird. Während einerseits immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens von einer Sexualisierung - besonders von Frauen - geprägt ist, mangelt es fundamental an einem aufgeklärten und pluralistischen Diskurs über Sexualität. Dazu ist eine Sensibilisierung und eine Selbstkontrolle bei den Printmedien und dem Fernsehen hinsichtlich sexistischer Darstellungen notwendig. Dabei kommen dem Presserat und den Rundfunkräten als Kontrollgremien eine wichtige Verantwortung zu. Zudem wollen wir sexistische Werbung verbieten. Des weiteren bedarf es einer vielfältigen und gleichberechtigten Darstellung von Sexualität und Körperlichkeit in der Öffentlichkeit sowie einer offensiven Aufklärung vor allem junger Menschen.

Aufklärung an Schulen und in der Gesellschaft

• Wir fordern nachdrücklich eine stärker an jugendlichen Lebensrealitäten orientierte Sexualaufklärung in den Lehrplänen mit dem Ziel, Kindern und Jugendlichen ein positives und gleichberechtigtes Bild von Sexualität und sexuellen Identitäten zu vermitteln.

• Wir fordern eine verbesserte Aufklärung über sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV.

• Häufig werden Jugendliche auf Grund ihrer sexuellen Identität - gerade in Schulen - diskriminiert. Hier müssen verbindliche Anlaufstellen und Beratungsangebote seitens der Schule geschaffen werden. Die Umsetzung muss von den zuständigen Jugendämtern in Kooperation mit speziell ausgebildeten externen Beratungseinrichtungen überprüft werden.

• Wir fordern die Verbesserung der Beratungsstruktur, den Aufbau oder die Ergänzung bestehender Jugendzentren um den Schwerpunkt "sexuelle Identitätsfindung". Besonders in den ländlichen Regionen gibt es massiven Aufklärungsbedarf. Speziell ausgebildete SexualpädagogInnen sollen dazu bei der sexuellen Identitätsfindung Jugendlicher unterstützend mitwirken. Wir fordern diesbezüglich eine stärkere Unterstützung nichtstaatlicher Stellen.

Pornografie

Dass Menschen ein Interesse daran haben, sich von pornografischen Darstellungen stimulieren zu lassen, erscheint uns nicht problematisch. Die Art und Weise jedoch, in der vor allem Frauen in Pornos als unterwürfige Lebewesen dargestellt werden, ist nicht akzeptabel, da es die Darstellerinnen diskriminiert und zu einem frauenfeindlichen Verständnis von Sexualität führt. Wir fordern deshalb:

• Das Verbot der Produktion und des Vertriebs von Pornofilmen mit nicht legal im Land lebenden und zu den Handlungen gezwungenen Menschen.

• Das Verbot der Produktion und des Vertriebs von Pornofilmen, in denen Geschlechtsverkehr ohne Kondome dargestellt wird.

• Ein Verbot des Besitzes von Pornofilmen, in denen Vergewaltigung dargestellt wird.

Prostitution

Die GRÜNE JUGEND ist sich darüber bewusst, dass die Probleme der Prostitution, vor allem die des Massenphänomens der weiblichen Prostitution, nicht durch Kriminalisierung der Beteiligten gelöst werden können. Deshalb begrüßen wir die Legalisierungsstrategie des rot-grünen Gesetzes zur Prostitution und vor allem die Abschaffung der Sittenwidrigkeit. Die GRÜNE JUGEND verurteilt jedoch jegliche Form der Prostitution. Der menschliche Körper ist keine Ware. Wir verurteilen vehement jeglichen Erklärungsansatz, der die Existenz der Prostitution mit dem Verhindern von Vergewaltigungen bzw. mit dem unbezwingbaren männlichen Trieb nach Geschlechtsverkehr rechtfertigt.

Wir fordern:

• Eine konsequente Ahndung und Verfolgung von Zwangs- und Kinderprostitution sowie von Frauen- und Kinderhandel.

• Den verstärkten Schutz von Prostituierten vor Gewalt, erzwungenem und ungeschütztem Geschlechtsverkehr und den Ausbau von Beratungs- und Ausstiegsangeboten.

• Bessere Zeugenschutzprogramme für Menschen, die zur Prostitution gezwungen wurden.

• Bleiberechtsregelungen für Opfer von Menschenhandel, die sich illegal in Deutschland aufhalten. Wer gegen seine PeinigerInnen aussagt, soll bleiben dürfen, auch wenn das Verfahren abgeschlossen ist.

• Hilfsangebote für Opfer von Zwangsprostitution müssen verbessert werden.

Schwangerschaftsabbruch

Das Recht auf einen sicheren und straffreien Schwangerschaftsabbruch darf nicht angetastet werden. Den Bestrebungen konservativer Strömungen in diesem Bereich müssen wir uns vehement entgegenstellen.

• JedeR GynakologIn muss im Studium eine entsprechende Ausbildung auf dem aktuellen Stand der Forschung erhalten. Diese ist weiter auszubauen, körperlich schonendere Methoden dürfen von der Politik nicht blockiert werden.

• Ein umfassendes psychologisches Beratungsangebot und gute ärztliche Beratung bezüglich eines Schwangerschaftsabbruchs auf freiwilliger Basis muss erhalten und ausgebaut werden.

• Aufgeklärtes Sexualverhalten kann nur dann an den Tag gelegt werden, wenn es auch einen effektiven Zugang zu den Verhütungsmitteln gibt. Verhütungsmittel müssen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden. Dies gilt auch für die Kostenübernahme im Fall eines Schwangerschaftsabbruchs. Insbesondere bei der "Pille danach" besteht noch Handlungsbedarf. Als Notfall-Verhütungsmöglichkeit, falls bei der eigentlichen Verhütung "etwas schief gegangen ist", sollte sie - apothekenpflichtig, aber rezeptfrei - abgegeben werden können.

• Da es leider immer noch viel Unkenntnis in Bezug auf Schwangerschaftsabbruch gibt, fordert die GRÜNE JUGEND überdies die Einführung dieses "heiklen" Themas in den Sexualkundeunterricht an Schulen.

Alternativ leben - ohne staatliche Bevormundung!

LebenspartnerInnenschaften

Obwohl das rot-grüne LebenspartnerInnenschaftsgesetz als Erfolg gefeiert wurde und sicherlich gerade auf rechtlicher Ebene einen Fortschritt für homosexuelle Paare darstellt, fordern wir eine weitgehendere, mutige Reform von Lebenspartnerschaften. Das jetzige, an die Ehe angelehnte Konzept zur Lebenspartnerschaft und die Ehe selbst sind Modelle, die eine einseitige Abhängigkeit fördern und konservativen Lebensentwürfen entsprechen. Zudem lehnen wir die symbolische und faktische Anlehnung der staatlichen Ehe an ein kirchlich- christliches Eheverständnis ab.

• Wir fordern deshalb die Abschaffung des Schutzes der Ehe im Grundgesetz und die Aussetzung singulärer staatlicher Förderung von heterosexuellen Lebensgemeinschaften, wie z.B. dem Ehegattensplitting.

• Statt der Ehe als staatlich bevorzugte "ideale Lebensform" und der mit weniger Rechten und Begünstigungen ausgestatteten "Homo-Ehe" fordern wir eine absolute Gleichstellung aller Lebensgemeinschaftsformen unter dem Überbegriff "Lebensgemeinschaften". Ob sie nun hetero- oder homosexuell sind, ob sie zwei oder mehr Menschen umfasst, darf nicht von Bedeutung sein.

• Zudem fordern wir, angelehnt an das französische Modell des zivilen Solidaritätspaktes (PACS), eine flexiblere Handhabung bei der Übertragung von Rechten, vereinfachte und kostengünstigere Scheidungsprozedere und die Verlagerung des Vertragsschlusses von der staatlichen auf eine notarielle Ebene.

• Homosexuelle sollen bis dahin schnellstmöglich und ausnahmslos mit heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden, insbesondere betrifft dies das Adoptionsrecht.

Geschlechter

Die forcierte Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft führt nicht nur zu gravierenden Einschränkungen bezüglich der individuellen Entfaltung und des Rollenverständnisses, sondern leugnet die Tatsache, dass es sowohl physisch als auch psychisch mehr als zwei Geschlechter gibt. Dem muss auch auf rechtlicher Ebene Rechnung getragen werden:

• Menschen mit zwei Geschlechtsmerkmalen (Hermaphroditen) dürfen nicht länger gezwungen werden, sich einem der beiden bereits existierenden Geschlechter zuzuordnen. Deshalb fordern wir die rechtliche Anerkennung eines dritten Geschlechtes. Es muss somit im Rahmen der Geschlechterklassifizierung aller öffentlichen Prozedere, die Möglichkeit bestehen, sich neben "männlich" und "weiblich" der Kategorie "andere" zuordnen zu können.

• Das Recht, sich einer Kategorie zuzuordnen, darf nicht von biologischen Bedingungen abhängen. Die operative Zuordnung zu einem der beiden anerkannten Geschlechter nach der Geburt lehnen wir ab.

Selbstbestimmt leben - auch mit Kindern!

Die Form des Zusammenlebens muss frei wählbar sein, genauso wie die Entscheidung für ein Leben mit oder ohne Kinder. Ein Leben in Gleichberechtigung ist eine wichtige Voraussetzung für eine moderne Familienpolitik. Überall dort, wo es gesellschaftlich akzeptiert und selbstverständlich ist, dass Frauen beruflich engagiert sind, werden Kinderwünsche eher realisiert. Je stärker erwerbstätige Frauen unter Rechtfertigungsdruck geraten, desto eher verzichten sie auf Kinder. Wir fordern daher, Schluss zu machen mit den Märchen, Frauen sollten zuhause bleiben, um so die Geburtenraten zu steigern. Wir fordern mehr gesellschaftliche Akzeptanz für erwerbstätige, karriereorientierte Frauen und familienorientierte Männer.

• Die GRÜNE JUGEND spricht sich für die Kindergartenpflicht mit Bildungscharakter ab dem dritten Lebensjahr aus. Staatliche Kinderbetreuung hat grundsätzlich unentgeltlich und wohnortnah zu sein.

• Gleichzeitig muss die öffentliche Infrastruktur, wie Krippenplätze und sonstige Formen der Betreuung für Kinder ab null Jahren, massiv ausgebaut werden. Diesem Ziel muss oberste Priorität zukommen, vor allem, wenn es um die Vergabe finanzieller Mittel geht. Langfristig setzt sich die GRÜNE JUGEND auch für eine direkte finanzielle Absicherung von Familien, in Form von Elterngeld, oder aber durch eine umfassende Ausgestaltung der Grundsicherung, ein. Zusätzlich sind Aufklärungskampagnen zur Erhöhung der Akzeptanz eines solchen Erziehungsmodells durchzuführen: Auch Väter sollen ihre Kinder betreuen.

• Um Kindererziehung zur gemeinsamen Sache zu machen, fordert die GRÜNE JUGEND die Hälfte der Förderung für Elternzeit speziell für den Vater zu reservieren. Nimmt der Vater den für ihn reservierten Zeitraum nicht in Anspruch, so verfällt die Förderung für diesen Teil der Elternzeit bei Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht.

Familienförderung darf nicht nur vom Staat betrieben werden. Auch die Wirtschaft muss hier im Eigeninteresse ihren Beitrag leisten. Weiterhin fordern wir die VertreterInnen der Personalabteilungen führender Unternehmen auf, sich dafür einzusetzen, dass Familie und Karriere keine Gegensätze darstellen. Dies gilt insbesondere für Führungstätigkeiten.

Lebensqualität für alle

Zentrales Ziel ist Gewaltfreiheit zwischen Männern und Frauen. Wie die erste repräsentative Studie zeigt, haben 37 Prozent der Frauen in Deutschland körperliche Gewalt erlitten, 13 Prozent sexuelle Gewalt. Aber auch Männer sind Opfer von Gewalt. Die Studie "Gewalt gegen Männer" des Bundesfamilienministeriums besagt, dass Männer auch unter körperlicher Gewalt vor allem von anderen Männern, aber auch von Frauen leiden. Der Staat ist in der Pflicht, die Gewaltprävention deutlich zu verbessern.

• Wir wollen präventive Programme geschlechtsspezifischer Anti-Gewalt-Arbeit auf allen Ebenen der Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit zur nachhaltigen Beseitigung männlicher, insbesondere sexualisierter Gewalt fördern.

• Jungen- und Männerarbeit muss auch darauf ausgerichtet sein, partnerschaftliche Erziehungs- und Rollenmodelle einzuüben. Gerade neue männliche Leitbilder sind für eine geschlechtergerechte Gesellschaft wichtig.

• Nach wie vor ist der gefährlichste Ort für Frauen das eigene Zuhause. Gewalt, die sich vor allem im häuslichen Bereich abspielt, gilt es weiter zum öffentlichen Thema zu machen. Das Gewaltschutzgesetz ist hier ein Meilenstein, bei der Umsetzung in den Ländern sehen wir aber noch Handlungsbedarf.

• Eine Städtebaupolitik, die architektonisch objektiv und subjektiv Sicherheit bietet, sowie der Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs muss unter Genderperspektive vorangetrieben werden. Das Sicherheitsbedürfnis von Menschen darf nicht für populistische Forderungen nach mehr flächendeckender Überwachung, mehr Eingriffen in den Datenschutz oder Ähnliches missbraucht werden.

• Professionelle Maßnahmen, die für den Schutz von Opfern sexueller, physischer und psychischer Gewalt unerlässlich sind, müssen flächendeckend als niedrigschwellige Angebote auch in Zeiten knapper Kassen ausgebaut werden.

• Nicht-koedukative Selbstverteidigungskurse im Rahmen des Sportunterrichts sollen an Schulen in den Lehrplan aufgenommen werden.

• Neben einer konsequenten Strafverfolgung fordern wir therapeutische Maßnahmen und Beratungsangebote für TäterInnen. Beratungs- und Therapieangebote für Täter, die sich am jeweiligen Grad der Gewaltbereitschaft und -ausübung orientieren, müssen ausgebaut und gefördert werden. Ebenso müssen die Beratungs- und Therapieangebote für Opfer verbessert werden.

• Kurzfristig müssen flächendeckend Stalking-Beauftragte eingesetzt werden, an die alle bei der Polizei eingehenden entsprechenden Beschwerden weitergeleitet werden müssen. Durch solche Beauftragte und Schulungen für PolizistInnen kann schon bei der bestehenden Rechtslage vielen Betroffenen geholfen werden.

Für gesunde Frauen und Männer

Im Bereich der medizinischen Forschung und im Gesundheitswesen werden geschlechtsspezifische Unterschiede nur unzureichend berücksichtigt. Vielfach wird der männliche Körper zur Norm erhoben, von der Frauen "abweichen”. Dadurch kommt es bei Frauen häufig zu einer medizinischen Unter-, Über- oder Fehlversorgung, die mit gesundheitlichen Risiken für Frauen und enormen Folgekosten verbunden ist. Männer sterben früher als Frauen. Schuld daran sind unter anderem riskante und gesundheitsschädigende Verhaltensweisen. Medizinische Vorsorge gilt als unmännlich, hier bedarf es eines Bewusstseinwechsels. Prävention muss auch für Männer selbstverständlich werden. Menschen, insbesondere Mädchen und junge Frauen, sind heute enormem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, dem Schönheitsideal zu entsprechen. Der Zwang zum perfekten Körper beginnt zunehmend auch bei Männern zu wirken. Denn was die Gesellschaft lange nur den Frauen abforderte, beginnt nun auch für die Männer zu gelten. Hier hat die Politik die Aufgabe, gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen und aktiv zu werden. Es gilt den Schönheitswahn zu stoppen, denn die Folgen sind unübersehbar:

• Die GRÜNE JUGEND fordert einen massiven Ausbau geschlechtsspezifischer Gesundheitsvorsorge. Geschlechtsspezifische Gesundheitszentren leisten wichtige Arbeit, die von staatlichen Stellen einzubeziehen und zu fördern ist.

• Essstörungen (Magersucht, Bulimie etc.) muss die Politik endlich als gesellschaftliches Problem begreifen und behandeln. Die GRÜNE JUGEND fordert hier eine öffentliche Thematisierung.

• Brustvergrößerungen live im Fernsehen u.ä. verdienen gesellschaftliche Ächtung. Es liegt auch in den Händen der Politik, dies zu thematisieren und hier für ein "Störgefühl" zu sorgen.

• Spezifische AnsprechpartnerInnen für Männer im Gesundheitssystem. Andrologen sollten langfristig in jedem Gesundheitscenter stationiert sein, mittelfristig ist das Netz andrologischer Facharztpraxen auszubauen. Lokale Männergesundheitstage wie in Österreich, wo in persönlichen Gesprächen Barrieren und Hemmschwellen abgebaut werden, sollten auch in Deutschland von den Krankenkassen gestartet werden.

Freier Markt schafft Gleichberechtigung?

Der Wirtschaft, als zentrales Subsystem der Gesellschaft, kommt eine besondere Verantwortung für die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit zu. Es muss in ihrem eigenen Interesse sein, die brachliegenden Potentiale der großen Anzahl an gutausgebildeten Frauen zu nutzen. Es ist nicht akzeptabel, dass sich die Wirtschaft mit Hinweis auf den "freien Markt" aus ihrer Verantwortung stiehlt. Besonders in Deutschland ist beides besonders ausgeprägt. Deutschland belegt im europäischen Vergleich z.B. bezogen auf Frauen in Führungspositionen einen der letzten Plätze. Noch immer liegt die Frauenerwerbsquote weit unter der von Männern. Zudem sind Frauen besonders stark von prekarisierten Beschäftigungsverhältnissen betroffen. Zugleich wird die Zuständigkeit von Frauen für Haushalt und Kindern festgeschrieben.

•Wir fordern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, denn Frauen erhalten für gleichwertige Arbeit durchschnittlich nur 70% des Normallohns. Um das zu realisieren, muss die Art und Weise, wie unterschiedliche Tätigkeiten bewertet werden, grundlegend verändert werden. Psycho-soziale Belastung muss zum Beispiel körperlicher Belastung qua Entlohnung gleichgestellt werden, Wir begrüßen Ansätze wie z.B. aus dem öffentlichen Dienst in England, wo solche Ansätze zu einer umfassend verbesserten Bezahlung von "typisch weiblichen" Berufen geführt haben.

• Da die Selbstverpflichtungen der Wirtschaft zur Frauenförderung in den letzten Jahrzehnten nur zu ungenügenden Ergebnissen geführt haben, wollen wir ihr zukünftig verbindliche Ziele vorgeben. Ein Gesetz zur Gleichstellung in der Privatwirtschaft, das z.B. die Vergabe öffentlicher Mittel an Frauenförderung und deren Erfolg in den Unternehmen koppelt, ist dabei ein zentraler Schritt. Wir fordern die rot-grüne Bundesregierung auf, hier wie im Koalitionsvertrag ursprünglich vereinbart, dringend tätig zu werden.

• Genderkompetenz-Trainigsangebote gibt es viele - sie müssen nur genutzt werden. Auch die Inanspruchnahme solchen Trainings z.B. durch die Privatwirtschaft kann als Kriterium für öffentliche Vergabeverfahren genutzt werden.

• Das Prinzip des Diversity Managements soll in allen staatlichen und privaten Arbeitsbereichen eingeführt werden.

• Wir wollen, dass ein Gleichberechtigungsgesetz auf Bundesebene die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an öffentlichen Positionen und Ämtern sichert. Wir fordern die Einführung von Unisex-Tarifen in allen relevanten Bereichen. Die Bildung von Frauennetzwerken und Mentoring-Projekten muss aktiv unterstützt werden, um Aufstiegswege für Frauen und Mädchen zu öffnen und zu erleichtern. Der ungleiche Zugang von Männern und Frauen zu Entscheidungspositionen, Einkommen, bezahlter Arbeit und staatlichen Sozialleistungen ist sowohl Ausdruck mangelnder Geschlechtergerechtigkeit als auch Mittel, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufrecht zu erhalten. Um unserem Ziel Geschlechtergerechtigkeit näher zukommen, wollen wir deshalb dieser ungleichen Verteilung entgegenwirken. Erwerbs-, Pflege- und Reproduktionsarbeit müssen gerecht zwischen den Geschlechtern verteilt werden.

• Die beitragsfreie Mitversicherung von EhepartnerInnen in den Sozialversicherungen benachteiligt DoppelverdienerInnenhaushalte gegenüber den tradierten AlleinverdienerInnenhaushalten. Dies läuft dem Bedürfnis von Frauen, durch Erwerbsarbeit eine eigenständige Lebensabsicherung zu erreichen, zuwider. Wir wollen deshalb die beitragsfreie Mitversicherung sozialverträglich abschaffen - in einem ersten Schritt wollen wir im Rahmen der BürgerInnenversicherung ein negatives EhegattInnensplitting einführen.

• Wir wollen, dass Frauen innerhalb der Sozialsysteme eigenständige Leistungsansprüche erwerben. Die Einführung einer sozialen Grundsicherung, unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit ist eines unserer zentralen Ziele. Die Anrechnung von PartnerInneneinkommen konterkariert dieses Ziel. Langfristig wollen wir diese Anrechnung vollständig aufheben. Dabei muss zuallererst die verschärfte Anrechnung von PartnerInneneinkommen im ALG II von der rot-grünen Bundesregierung zurückgenommen werden. Die größten Probleme bestehen in der derzeitigen Rentenversicherung, da diese seit ihrem Bestehen auf dem Stereotyp der kontinuierlichen, männlichen Erwerbsarbeit ausgerichtet ist. Da Frauen aufgrund ihrer gesellschaftlich aufgedrückten Verpflichtung zur Erziehung von Kindern und zur Pflege von Mitmenschen verstärkt diskontinuierliche Erwerbsbiographien haben, können sie häufig kaum Rentenansprüche aufbauen. Wir fordern, zukünftig private Erziehungs- und Pflegeleistungen, die zumeist von Frauen erbracht werden, stärker auf die Rentenansprüche anzurechnen. Eine soziale Grundrente als Mindestanspruch ist zudem unerlässlich.

• Bei der gesetzlichen Regelung von PartnerInnenschaften brauchen wir deutliche Verbesserungen bei Rechtsansprüchen, Versicherungsansprüchen und Anrechnungen.

• Alle haushaltspolitischen Entscheidungen und besonders die Vergabe von öffentlichen Mitteln muss sich am Genderbudgeting orientieren. Projekte, die der Förderung, bzw. dem Schutz von Frauen dienen, dürfen nicht dem angeblichen Sachzwang knapper Kassen zum Opfern fallen.

Medien machen Meinung

Medien machen Meinungen, Medien gestalten Weltbilder. Deswegen ist es notwendig, weibliche Vorbilder in den Medien zu präsentieren: Frauen, die handeln und wissen, anstatt zu reagieren und zu klagen.

• Entscheidend ist es vor allem, bei JournalistInnen ein Gender-Bewusstsein zu schaffen. Ein erster Schritt ist das vom BMFSFJ geförderte "Gender-Training für Medienschaffende". Die GRÜNE JUGEND fordert, dass ein solches "Gender-Training" obligatorisch in die Ausbildung (Volontariate, Ausbildungen) für alle Medienschaffenden integriert wird.

• Es sind immer noch wenige Frauen, die sich im harten JournalistInnenalltag behaupten; die Männer machen Meinung! Die GRÜNE JUGEND kritisiert diesen Umstand und drängt auf quotierte Besetzung der Führungspositionen in öffentlich-rechtlichen und auch in privaten Sendern, in Print- und Online-Medien. Außerdem begrüßen wir Projekte, die mehr Frauen für Medienberufe begeistern.

• Nur wenn JournalistInnen von Expertinnen wissen, können diese befragt werden. Dafür ist es nötig, Expertinnen-Netzwerke zu schaffen. Die GRÜNE JUGEND begrüßt Initiativen für ein überregionales Expertinnen-Portal im Internet.

• Frauen werden nicht nur in der Berichterstattung auf Rollenbilder reduziert, gerade in der Werbung wird mit Klischees wie "die Hausfrau", "die Mutter" und vor allem "die junge attraktive Frau mit Sex-Appeal" Geld verdient. Werbung hört aber bei Klischees nicht auf, es kommt immer wieder vor, dass Frauen (Männer nur selten) in klar sexistischer Art und Weise dargestellt werden. Die GRÜNE JUGEND lehnt sexistische und frauenverachtende Werbung ab. Wir setzen uns für ein Verbot sexistischer Werbung ein. Die GRÜNE JUGEND fordert dazu werbefreie Zonen in und um Schulen und öffentlichen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Darüber hinaus soll gleichzeitig im Rahmen des Lehrplans die Schaffung von Medienkompetenz erfolgen, die junge Menschen sensibilisiert und ihnen hilft, sich kritisch mit den Inhalten von Medien, insbesondere Werbung auseinanderzusetzen.

Um den Einsatz abwertender Rollenbilder als Mittel der Werbung zu verhindern, sollen bereits bestehende Gesetze in diesem Sinne ausgebaut und konsequent umgesetzt werden. Ein sinnvolles Mittel zur Kontrolle von Werbung im Rahmen dieser Kriterien wäre eine unabhängige Institution ("Stiftung Werbetest")

• Wir fordern besondere Förderprogramme für Mädchen und Frauen, um ihnen den Zugang zu digitalen Medien zu erleichtern. Doch gerade weil der Mann als technisch versierter gilt, haben es Männer, die keinerlei Erfahrung in dieser Hinsicht haben umso schwerer. Daher sind die Frauen-Computerzentren so umzugestalten, dass sie auch Männern als Anlaufstellen dienen können.

Sprache schafft Bewusstsein

Nach wie vor setzen wir uns für eine konsequent geschlechtergerechte Sprache ein. Sprache reflektiert nicht nur, sonder gestaltet auch Realität. Wir fordern deshalb:

• Ein Gesetz der Bundesregierung, wonach alle neuen Gesetzestexte, Satzungen etc., als auch alle staatlich finanzierten Veröffentlichungen, in geschlechtergerechter Sprache verfasst werden müssen.

• Im Rahmen der EU besteht die großartige Möglichkeit, den Genderansatz in vielfältigen Sprachen der Europäischen Union zu verwirklichen. Diese Chance sollte sie sich zu einem Grundsatz machen und sich ihm nachhaltig verpflichten.

• Wir sprechen uns zudem explizit für die verbindliche Einführung von gegenderter Sprache im Rahmen der nächsten Rechtschreibreform aus.

• BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN müssen ihrem Grundsatzbeschluss gerecht werden und in ihren Veröffentlichungen eine gegenderte Sprache durchzusetzen. Besonders bei Binnenwörtern kritisieren wir vehement das mangelnde Bewusstsein zur Integration von Frauen in die Sprache. Das gilt auch bzw. besonders, wenn es sich um Begriffe handelt die medienwirksam eingesetzt werden sollen. Wir empfehlen BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN, einen Satzungsänderungsantrag zu verabschieden, der die Verpflichtung zum Gendern beinhaltet.

Geschlechtergerechtigkeit weltweit!

Frauenrechte sind Menschenrechte, die es weltweit einzufordern und zu schützen gilt. Weltweit werden Millionen von Frauen unterdrückt und ihrer Grundrechte beraubt, vergewaltigt, zwangsverheiratet und gefoltert. Noch immer sind Frauen in besonderem Maße von Armut betroffen. Auf Grund ihres biologischen Geschlechts werden immer noch weibliche Föten abgetrieben oder Neugeborene getötet. In vielen Ländern gelten Mädchen und Frauen auch heutzutage noch als weniger wert. Opfer von Menschenrechtsverletzungen sind auch immer noch in besonders schwerer Weise Frauen. Wir setzen uns für die Durchsetzung weltweiter Frauenrechte ein. Auch die Rechte von Homosexuellen, besonders von homo- und bisexuellen Frauen werden weltweit eingeschränkt. Den Lippenbekenntnissen der Staatenwelt, diese Missstände zu beseitigen, müssen nun endlich Taten folgen.

• Die GRÜNE JUGEND fordert, dass dem Abkommen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung von Frauen (Cedaw) in Deutschland und auf internationaler Ebene mehr politisches Gewicht zukommt. Wir stehen für die Umsetzung von wichtigen frauenpolitischen UN-Beschlüssen, wie beispielsweise die Resolution 1325 des Sicherheitsrates vom Oktober 2000 zu "Frauen, Frieden und Sicherheit".

• Frauen müssen das Recht und die Möglichkeit haben, ihre Rechte vor einem internationalen Gerichtshof einzuklagen.

• Die Internationale Gemeinschaft muss (Massen-)Vergewaltigung als Kriegsverbrechen endlich ernst nehmen und als Folter statt als Ehrverbrechen einstufen.

• Der Menschenhandel, insbesondere der mit Frauen und Mädchen in Zwangsprostitution, muss stärker bekämpft werden als bisher. Zwangsprostitution ist eine Form sexueller Gewalt, eine Form von Folter.

• Um dem Frauenhandel, der Zwangsheirat, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution- den modernen Formen der Sklaverei - entgegenzuwirken, fordert die GRÜNE JUGEND Kontrollen von grenzüberschreitend arbeitenden Ehevermittlungs- und Beschäftigungsagenturen sowie eine Strafgesetzanpassung an diese Form der Gewalt. Wir fordern die strafrechtliche Erweiterung des Begriffs "Menschenhandel". Präventionsarbeit in den Herkunftsländern ist unerlässlich. Für ehemalige Zwangsprostituierte fordern wir einen Abschiebeschutz bei gleichzeitiger Gewährleistung einer sicheren Unterkunft.

• Wir sprechen uns für die Einrichtung eines internationalen Registers mit den Daten verschwundener Personen aus.

• Genitalverstümmelung von Frauen, das so genannte FGM (= Femal Genital Mutilation), muss endlich ein Ende haben. Afrikanische AktivistInnen und Nicht-Regierungsorganisationen sowie internationale Organisationen müssen in ihrer Arbeit viel stärker als bisher unterstützt werden. Die Bedrohung durch FGM muss als Asylgrund anerkannt werden.

• Staaten, die vorsätzlich gegen die Menschenrechte verstoßen, sind mit wirtschaftlichen Sanktionen und dem Einfrieren bilateraler Beziehungen zu bestrafen. Die internationale Gemeinschaft ist in der Pflicht, sich für die Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte einzusetzen.

• In die Reform des Internationalen Währungsfonds muss das Instrument des Gender Budgeting einfließen, damit sich dessen Politik nicht allein an Zahlungsbilanzen, Zinsraten und Geldwertstabilität orientiert.

• Wir fordern eine verbindliche Frauenquote von mindestens 50 % in internationalen Gremien. Hier sollte Deutschland als gutes Beispiel vorangehen und mehr Kandidatinnen nominieren.

• Auch auf EU-Ebene fordern wir eine breitere Auseinandersetzung mit dem "Gender"-Thema. So müssen Gleichstellungskampagnen und Kampagnen für eine kritische Auseinandersetzung mit Geschlechtsrollen sowie andere Initiativen zu diesen Themenfeldern forciert werden. Deutschland muss in der EU und darüber hinaus eine Vorreiterinnenrolle bei der Gleichstellung einnehmen.

Glossar

  • Arbeitslosengeld 2, ALG II: Zuwendung aus der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe auf dem bisherigen Niveau der Sozialhilfe.
  • Binnenwort: zusammengesetzte Wörter, z.B. BürgerInnenrechte.
  • BMFSFJ: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  • diskontinuierliche Erwerbsbiographie: unterbrochener beruflichen Lebenslauf (z.B. durch Erziehungszeiten, Arbeitslosigkeit).
  • Diversity Management: bezeichnet den Ansatz, die Vorteile von Verschiedenheit in Gruppen zu nutzen, Vielfalt als Chance zu begreifen (z.B. in Unternehmen Mütter, MigrantInnen, Homosexuelle u.a. als Bereicherung im Team zu sehen/gezielt einzustellen).
  • DoppelverdienerInnenhaushalt, häufiger Doppelverdienerhaushalt: der Zustand, wenn beide LebenspartnerInnen über ein eigenes Einkommen verfügen, also zwei Gehälter in den Haushalt einfließen.
  • EhegattInnensplitting, häufiger Ehegattensplitting: steuerliche Bevorzugung der EinverdienerInnenehe/des Hausfrauendaseins.
  • EhegattInnensplitting, negatives: die doppelte Anrechnung der Einkommen auf die Bemessung von Beiträgen zur Sozialversicherung.
  • Frauenbewegung, erste / Frauenrechtsbewegung: kämpfte (1848 - 1933) für die politischen und bürgerlichen Rechte der Frauen, insb. Recht auf Erwerbsarbeit & Bildung & Wahlrecht. Die Mitstreiterinnen wurden Frauenrechtlerinnen oder abwertend Suffragetten genannt.
  • Frauenbewegung, zweite, auch Neue Frauenbewegung: kämpft(e) (1968-heute) unter dem Motto "Der Frau die Hälfte der Welt - dem Mann die Hälfte des Hauses” für gleiche Rechte, insb. gegen den §128. Die Mitstreiterinnen werden Feministinnen oder abwertend Emanzen bezeichnet.
  • Geburtenrate: die Anzahl der lebendgeborenen Kinder pro Einwohnerin (in Deutschland 1,4; zur Stabilität der Bevölkerung (ohne Zu/Abwanderung) sind 2,1 notwendig).
  • Gender Budgeting: ein Analyse-Instrument zur Erfassung von Geschlechtergerechtigkeit: Wie viel Geld z.B. des EU-Haushalts kommt Frauen zu Gute, wie viel Männern, wie viel ist neutral?
  • Gender Mainstreaming: das Prinzip, bei allen Handlungen und Entscheidungen die Auswirkungen auf Männer und auf Frauen zu berücksichtigen.
  • Geschlechterkonstruktion: gesellschaftliche Konstruktion von Geschlechterrollen.
  • Geschlechterrolle: die Verhaltensweisen, die in einer Kultur für ein bestimmtes Geschlecht als typisch oder akzeptabel gelten (kulturelle Geschlechtsrolle) (früher galt: Männer: Oberhaupt und Ernährer der Familie, Zuständig für Kontakte nach Außen, stark, rational, kämpferisch, sexuell aktiv, "Jäger” -Frauen: abhängig von und unterworfen einem männlichen Beschützer (Vater, Ehemann etc.), zuständig für die sozialen Bindungen innerhalb der Familie, schwach, emotional und irrational, ausgleichend, sexuell passiv oder desinteressiert, Frauen als auf Jäger angewiesene "Brutversorgerinnen”).
  • Hermaphroditen: Menschen, die mit zwei Geschlechtsmerkmalen geboren wurden (in Deutschland schätzungsweise 100.000)
  • Mentoring: Instrument zur qualitativen (Frauen)Förderung: Erfahrene Person weist junge/neue in Arbeitsgebiet ein und steht beratend zur Seite.
  • transident: Menschen, deren Identität nicht dem biologischen
  • Geschlecht entspricht (z.B. männlicher Körper, aber weibliche Identität).

  • prekarisiertes Beschäftigungsverhältnis: Situationen potenzieller Armut, die durch den Verlust normaler Arbeitsverhältnisse entstehen (Niedrig-Lohn-Jobs, die nicht zum Leben reichen).
  • Pille danach: eine hormonelle Notfallverhütung, die innerhalb von 12 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr die sicherste Wirkung verspricht, aber insgesamt innerhalb von 72 Stunden einsetzbar ist.
  • Quotierung, auch Quote: Anteil an einer Gruppe, der hier verbindlich vorgeschrieben wird; konkret: der Frauenanteil muss mindestens 50% betragen (paritätische Quote).
  • Schwangerschaftsabbruch: auch Abtreibung genannt. In Deutschland gilt sog. Fristenregelung; gem. §128 bleibt bis zur 12.Schwangerschaftswoche ein Abbruch nach vorheriger Pflicht-Beratung straffrei (illegal, aber von Strafe wird abgesehen).
  • Sexuelle Orientierung, auch "s. Ausrichtung” oder "s. Neigung": die Hauptzielrichtung der sexuellen Interessen einer Person in Hinblick auf die gewünschten Partner (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität).
  • Sexuelle Identität: schließt im Gegensatz zu "sexueller Orientierung” auch Transsexuelle und Transgender mit ein.
  • Sozialisation: bezeichnet den Anpassungsprozess, durch den ein Individuum zu einem vollwertigen Teil der Gesellschaft wird. Wenn die Sozialisation erfolgreich verläuft, verinnerlicht das Individuum die sozialen Normen, Werte, Repräsentationen, aber auch z.B. die sozialen Rollen seiner gesellschaftlichen und kulturellen Umgebung.
  • Zweigeschlechtlichkeit: die Einteilung von Menschen in Mann-Frau (andere Kulturen kennen bis zu 8 Geschlechter).
Zugehörige Dateien:
von_der_rolle_wir_brechens_auf.rtfDownload (126 kb)

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