Der Holocaust in Film und Buch
02.02.2012: Welche Bedeutung haben Buch und Film für die Beschäftigung mit dem Holocaust, für das Erinnern, für das Gedenken an das Leid? Ein Artikel von Jacob Hildebrand
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg haben gezeigt, dass bis in die Gegenwart die Publikation und Aufführung von Filmen und Büchern über den Holocaust öffentliche Kampfplätze der Auseinandersetzung sind, die viel Aufmerksamkeit bekommen. Film und Buch kommen mehrere Aufgaben in der Auseinandersetzung zu: Zunächst die schlichte Dokumentation. Das Geschehene wird festgehalten und beschrieben. Es wird unumwunden ausgesprochen, was passiert ist. In „Shoah“ von ehemaligen KZ-Insassen über ihren Leidensweg, Jahrzehnte später. In den Tagebüchern des jüdischen Germanisten Victor Klemperers über sich selbst, Tag für Tag in den Zeiten der Inhaftierung und Erniedrigung. In „EscapefromSobibor“ von Richard Rashke über die Flucht von Lagerinsassen aus einem Vernichtungslager.
Der Film „Sobibor“, gedreht auf der Grundlage des Buchs von Rahske, dramatisiert die historischen Tatsachen an einzelnen Stellen. Trotz der dramatischen Aufbereitung der Shoa in diesen Werken, so zum Beispiel in „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg oder in „Der Pianist“ von Roman Polanski nach der Autobiografie „Das wunderbare Überleben“ von Wladyslaw Szpilman, fußen sie auf handfesten Tatsachen, auf Erlebnisberichten und wissenschaftlichen Recherchen. Die Fiktionalisierung und Verdichtung in einem Kunstwerk stellt die zweite Ebene der Auseinandersetzung dar.
Neben der Präzision und Wahrheit dieser Dokumente, ist die emotionale Konfrontation der letzte Aspekt der Holocaustfilme und –bücher, die dritte Aufgabe, die ihnen zukommt. Die Verfolgung bekommt ein Gesicht, der Zuschauer musst immerfort den verzweifelten Blick des „Pianisten“Szpilmanaushalten oder den verzweifelten Frohsinn des Vaters in „Das Leben ist schön“ von Roberto Bengini.
Erfolgreichstes Werk in dieser Beziehung bleibt „Das Tagebuch der Anne Frank“, in dem ein jüdisches Mädchen ihrem Tagebuch anvertraut, wie sie den Alltag im Amsterdamer Versteck in ständiger Angst vor Entdeckung durch die Gestapo erlebt. Menschen jeder Altersgruppe können kaum die Eindringlichkeit dieses Zeugnisses von sich weisen, wenn sie das Tagebuch lesen, die täglichen Aufzeichnungen der Frank sind erschreckend nah und persönlich, man wird sie nicht vergessen, nachdem die letzte Seite gelesen ist.
Für mich eine der bewegensten Darstellungen ist „Maus“ von Art Spiegelman. Ein Comic, dessen Underground-Zeichenstil mit groben Strichen mich optisch zunächst abgestoßen hat. Die Erzählung handelt von dem Sohn eines KZ-Insassen, dem Vater von Art Spiegelman, dessen polnisch-jüdische Familie vollständig von den besetzenden Nationalsozialisten umgebracht worden ist, nur seine Frau und er konnten aus Auschwitz entkommen und wanderten in die Vereinigten Staaten aus. Art Spiegelman veröffentlichte in einem kleinen Underground-Comicmagazin 1972 eine kurze Story über den Selbstmord seiner Mutter in seiner Jugendzeit. Sein Vater stößt durch Zufall auf diese Geschichte und ist erschüttert, was Art zum Anlass nimmt, seinen Vater für eine Reihe von Comicstrips über seine Erfahrungen während des Kriegs zu interviewen. Das Buch ist neben der Darstellung des Holocaust aus der Sicht des Vaters zugleich eine Auseinandersetzung eines Nachkommen mit dem schrecklichen Erbe und den damit geerbten familiären Problemen. Das Erlebnis der Verfolgung in der zweiten Generation, die Art durch die Geschichten seines Vaters immer wieder erfahren musste, wandelte er in eine starke Metapher um: die Juden werden als Mäuse, die Deutschen als Katzen gezeichnet. In Deutschland wurde die literarische Auseinandersetzung durch die historischen Prozesse wie die Auschwitzprozesse in Frankfurt am Main 1963-1968 gefördert. Die Aufarbeitung wurde auch zu einer Auseinandersetzung mit der Elterngeneration, die in irgendeiner Weise mit dem Grauen des Zweiten Weltkriegs zu tun gehabt haben mussten und wenig davon wissen wollten, was geschehen war. „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth über die Haltung des damaligen Papst Pius XII. und der katholischen Kirche zu Nazideutschland kann in diesem Kontext gesehen werden (1963), ebenso wie „Die Ermittlung“ von Peter Weiss über die Frankfurter Auschwitzprozesse (1965).
Mittlerweile ist die Entwicklung - von den ersten antinazistischen Werken amerikanischer Prägung wie der Film „Tödlicher Sturm“ von Frank Borzage (1940) bis hin zu den dokumentierenden und emotionalen Werken- auch ein Großteil an Werken mit betont künstlerischem Anspruch erschienen, der zwar die moralische Dimension des Themas nicht ausklammert, aber die Ausgestaltung des Themas über die reine Dokumentation oder Inszenierung hinaus versucht. Gerade Werke wie „Die Ermittlung“ versuchten möglichst sachlich und nüchtern durch die Dokumentation anzuklagen. Somit hat der Holocaust in der Verfilmung von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ durch Stephen Daldry eine solch breite Rezeption erfahren, die weit von der ablehenden Haltung gegenüber „Shoa“ noch in den Achtzigern (!) entfernt ist. „Shoa“ wurde unter anderem im Fernsehprogramm auf unpopuläre Sendezeiten gelegt und von der polnischen Regierung wegen der Offenlegung heutigen Antisemitismusses in Polen boykottiert. Ein ebensolches Werk mit künstlerischen Ambitionen ist „Alles ist erleuchtet“ von Jonathan Safran Foer, verfilmt von Liev Schreiber 2005, worin ein Nachkomme jüdischer Holocaustüberlebender den Herkunftsort seines Großvaters in der Ukraine zu finden versucht. Bittere Erkenntnisse wechseln sich in dem Text mit haarsträubend lustigen Momenten ab.
Das historische Bewusstsein über die Verbrechen des Holocaust wurde über diese Werke erhalten und wiederbelebt. Sie werden noch lange eine Brücke zu der Vergangenheit bauen und uns helfen, den Opfern zu gedenken.
“I have reflected many times upon our rigid search. It has shown me that everything is illuminated in the light of the past. It is always along the side of us, on the inside, looking out.“ “Ich habe oft über unsere unnachgiebige Suche nachgedacht. Sie hat mir gezeigt, dass alles durch das Licht der Vergangenheit erleuchtet wird. Sie ist immer an unserer Seite, in uns drinnen, nach draußen schauend.“ Aus Everythingisilluminated von Liev Schreiber Fritz Michel, Januar 2012