Massives Sicherheitsaufgebot der Polizei (Foto: mujitra http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de [cc])

G8-Protest auf japanisch

09.07.2008: Heiligendamm war in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für gelungenen Protest. Auf Hokkaido erwarteten die Gipfelgegner in diesem Jahr unverhältnismäßige Repressionen und Einschränkungen ihrer Demonstrationsfreiheit.

Ein Jahr nach Heiligendamm wird die GRÜNE JUGEND den Weltwirtschaftsgipfel auch in diesem Jahr wieder kritisch begleiten. Eine Artikelserie des Fachforums Europa und Internationales formuliert Erwartungen an das internationale Netzwerk der acht reichsten Industriestaaten, das gerade mal 14 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert und dem es allein deshalb an demokratischer Legitimität mangelt. In diesem Jahr hat Japan den G8-Vorsitz inne.

G8-Proteste sind ja traditionell eine Spur anders als andere Proteste. Deshalb wird die Polizei vorsorglich vom Militär unterstützt. In seiner großen Angst vor Gipfelgegnern hat die japanische Regierung eine neue Institution mit Sonderrechten geschaffen, die sich mit 20.000 Männern und Frauen der Gefahr in den Weg stellt. Und die Informationen laufen reichhaltig zwischen den verschiedenen staatlichen Institutionen - gerne auch über Staatsgrenzen hinweg. Japanische Behörden bekamen selbstverständlich alle angeforderten Informationen der deutschen Behörden über uns ach so gefährliche Gipfelgegner. Und? War es wirklich nötig, uns so unserer Bürgerrechte zu berauben?

Massive Einschüchterung in Sapporo

Die japanischen Behörden haben noch ganz andere Waffen. Die japanische Gesellschaft hat ihre eigenen Druckmittel, um jeglichen Protest klein und leise zu halten. Man erzählt nämlich überall herum, dass diese Menschen sich nicht gesellschaftskonform verhalten. Im Land des Lächelns ist das eine Katastrophe, nicht nur für die Karriere. Stellt Euch vor, Ihr werdet überall gemieden, nicht mehr eingeladen, nicht mehr beachtet. Ihr gehört nicht mehr dazu! Und nicht nur Ihr werdet aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Es gilt leider auch für die Familie und die engeren Freunde. Denn die müssen ja zumindest eine Teilschuld haben, dass Ihr Euch so seltsam benehmt und die gesellschaftliche Grundordnung gefährdet. Wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, gehört zu den Menschen, die als warnendes Beispiel inhaftiert werden. Nach unseren eigenen Erfahrungen für Nichtigkeiten, wie z.B. der DJ, der für seine zu laute Musik auf dem Demo-Lautsprecherwagen festgenommen wurde.

Demonstrationszug durch den Stadtkern von Sapporo (Foto: skasuga http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de [cc])

Das Ergebnis war leider nur eine kleine Anzahl von Menschen, die sich auf die Straße und in die Camps gewagt haben. In der Millionenstadt Sapporo haben es gerade mal knappe 5.000 Leute zum Hauptact geschafft - zum Peace-March am 5.Juli, dem International Action Day. Ein äußerst skurriles Erlebnis. Die Auflagen waren für unsere Verhältnisse absolut inakzeptabel: der Verkehr auf der mehrspurigen Straße musste weiter laufen, der Demo-Zug durfte nur eine Spur benutzen, es durften nicht mehr als 4 Menschen nebeneinander laufen. Auf den Bürgersteigen liefen die shoppenden Bürger, als wäre nichts. Ein paar Bürger zeigten sich erschrocken über solch ungewohnte Bilder und flüchteten in die Geschäfte, wo eifrige Sicherheitsleute sich beeilten, ihnen Schutz zuzusichern. Wovor sollten sie Angst haben? Vor der zahlenmäßig größten Gruppe, den FriedensaktivistInnen, bestimmt nicht. Diese waren in ihre traditionellen Kimonos gehüllt und sangen wenig schwungvoll vor sich hin. Die ca. 500 Kleinbauern von Via Campesina und so was wie ein anarchistischer Block mit ca. 200 Leuten machten da schon mehr Alarm. Aber auch das war einfach nur quietschbunt (auch der anarchistische Block) und laut und zu keiner Zeit bedrohlich.

Anpassung und Widerstand - Diesmal sind es gar zwei Alternativgipfel

Allein aufgrund der Entfernung zum Tagungsort konzentrieren sich die Aktionen auf die nächstgelegene und zugleich größte Stadt dieser nördlichen Insel Japans - Sapporo. Hier finden auch die inhaltlichen Veranstaltungen statt. Eine Gruppe von über 140 internationalen NGOs lädt zum Alternativgipfel in das größte Kongresszentrum der Stadt ein. Man denkt eher an Aktionärsversammlungen, wenn man hier reinkommt. Es ist richtig chic und gigantisch groß. Man kann sich gut vorstellen, dass das Gerücht von Finanzmitteln des japanischen Außenministeriums für den Alternativgipfel stimmt.

Aktion von Oxfam International (Foto: Oxfam International http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.de [cc])

Dem G8-Action-Network ist diese ganze Veranstaltung zu angepasst und deshalb lädt es zum eigenen Gegengipfel. Hier hört man wesentlich deutlichere Worte zu dem, was die G8 von sich geben und wie man sich eine andere Welt vorstellen kann. Beim Alternativgipfel freut man sich schon, wenn die G8 eine handvoll Dollar Entwicklungshilfe versprechen - beim Gegengipfel will man die G8 abschaffen. Ihr könnt jetzt mal raten, wo Attac sich beteiligt.

Auch die Blockaden bleiben aus

Und was gehört spätestens seit Heiligendamm zum G8-Protest? Blockaden. Diese sind zwar angekündigt, aber leider nur schwer vorstellbar. Und vielleicht auch nicht ratsam. Diese Polizeikräfte hier in Japan sind schlecht ausgebildet für Blockadeverhandlungen und schlicht gar nicht ausgebildet für Blockadenräumung. Auch wissen wir nichts von Blockadetrainings unserer japanischen Kollegen, wie sie für den Erfolg von Heiligendamm unverzichtbar waren. Schade. Aber so ist es wohl in diesem Jahr.

Wir dürfen eines nicht vergessen: wir reden hier von Gipfelprotesten in Japan. Für japanische Verhältnisse finden wir es äußerst mutig. Denn: wir reisen wieder ab und unsere Freunde von Attac Japan und vielen anderen Organisationen bleiben diesem seit Jahrhunderten funktionierenden System ausgeliefert.

Sabine Zimpel ist Mitglied im G8-Team von Attac Deutschland.

Achtung: Datendiebstahl

Eine unbekannte Person oder Personengruppe hat sich durch den kriminellen Zugriff auf die Mailverwaltung der GRÜNEN JUGEND alle Emails der Bundesgeschäftsstelle und einiger Vorstandsmitglieder seit März 2011 an eine Emailadresse im Ausland weiterleiten lassen. Wir wissen nicht, wer hinter diesem Datendiebstahl steckt oder mit welcher Intention er durchgeführt wurde. Die Emails wurden samt Text, Anhang und Signaturen weitergeleitet.

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