Vom Norden in den Süden.. Justizpolitik in zwei unterschiedlichen Ländern.
24.09.2008: Der Spunk leistet sich AuslandskorrespondentInnen. Ab dieser Ausgabe werden Südafrikakorrespondentin Judith Adam und Skandinavienkorrespondent Rasmus Andresen im Mailwechsel über das jeweilige Spunkschwerpunktthema berichten.
Liebe Judith,
Wenn du an Skandinavien denkst, woran denkst du dann? Sicherlich u.a. an Offenheit und Toleranz, oder? In vielen Bereichen stimmt dies auch, aber seitdem in Dänemark (2001) und Schweden (2006) bürgerliche Regierungen unterstützt von Rechtspopulisten das Sagen haben, hat sich hier vieles verändert. Seit ungefähr 2 Jahren sind in Dänemark Jugendkriminalität und Messerstechereien im Nachtleben ein Problem. So sind schon einige Personen Nachts mit Messern angegriffen worden, einige mussten mit ihrem Leben zahlen. Die Zahl von personengefährdenden Straftaten stieg in den vergangenen Jahren allein in Kopenhagen um 500 pro Jahr. Der Kriminalpräventive Rat ist der Meinung, dass mehr Präventions- und Sozialarbeit der richtige Weg wäre und dass es dort in der Vergangenheit Versäumnisse gab. So gibt es nun verschiedene Präventionsprogramme, aber auch Visitationszonen der Polizei, wie wir sie aus Hamburg kennen, wurden eingerichtet. Nun ist es keineswegs so, dass man Angst haben muss, Abends in Kopenhagen auf die Strasse zu gehen, allerdings ist die Zunahme an Gewalt natürlich erschreckend. Die konservative Regierung trägt allerdings nicht gerade zur Problemlösung bei. So fordern letztgenannte, dass man nicht erst ab 15 Jahren, sondern ab 12 Jahren in Dänemark strafbar sein soll. So haben auch VertreterInnen der anderen Regierungsparteien mit typischen "Law and Order-Forderungen" reagiert. Beispielsweise forderte Søren Pind, ein recht bekannter Politiker der liberalen Partei, elektronische Fussfesseln für 12 Jährige. Auch wurde der Dauerbrenner Videoüberwachung ins Spiel gebracht. Erkennst du einiges aus Südafrika wieder?Gruss, Rasmus
Lieber Rasmus, seit dem Ende des Apartheid-Regimes 1994 und dem politischen Umbruch hat sich in Südafrika einiges geändert. Während der Jahre der weißen Diktatur wurden Straftaten von der militärischen Apartheids-Polizei sehr brutal unterbunden. Mittlerweile feiert man die 14jährige Demokratie des Staates, jedoch gibt es immernoch und gerade in Townships, also dort wo keine gesicherten Sozialstrukturen bestehen, eine auffällig hohe Anzahl von Straftaten. Hauptsächlich die schwarze Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze und nicht zuletzt aufgrund der hohen Vergewaltigungs- und Mordrate innerhalb der großen Städte zieht sich die größtenteils weiße Bevölkerung in abgeriegelte Vororte zurück. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Verbindung zwischen noch nicht vollständig aufgearbeiteter Apartheid und der hohen Kriminalität existiert. Obwohl die Kriminalität in Südafrika eine große Rolle spielt, wird durch westliche Medienberichte ein mitunter verzerrtes Bild der Wirklichkeit über vorfallende Gewalt- und Staftaten wiedergegeben. Kleinkriminelle Delikte wie Taschendiebstähle oder Autoeinbrüche stehen auf der Tagesordnung. Statistisch gesehen besitzt das Land eine der größten Kriminalitätsraten weltweit. Als Grund kann einerseits die wachsende schwarze Mittelschicht gesehen werden, die die Kluft zwischen arm und reich geringfügig unterdrückt. Andererseits werden auch vergleichsweise schwache Delikte stark verfolgt. Ebenso wurden spezielle Einheiten, Scorpions, gebildet, welche gegen das organisierte Verbrechen angehen sollen. Sieht es in Skandinavien ähnlich aus, dass kleinere Delikte hart bestraft werden? Gruss, JudithLiebe Judith,
Schönen Dank für deine interessante Antwort aus dem Süden. Kleine Delikte werden in Dänemark nicht hart bestraft, da ist die Gesetzgebung relativ liberal geblieben. Was in Dänemark interessant ist, ist aus jugendstrafpolitischer Sicht die Gefängnispolitik. Dänemark hat seit 1973 keine Jugendgefängnisse im klassischen Sinne mehr, sie fungierten damals auch nur als Wegsperranstalten. Stattdessen setzt Dänemark seitdem verstärkt auf Präventionsarbeit mit Psychologen und Sozialarbeitern. Die Jugendlichen sind teilweise getrennt und teilweise in offenen Abteilungen von Staatsgefängnissen untergebracht und werden dort auch betreut. Dieser sehr pädagogische Ansatz passt zu Skandinavien und hat sich trotz bürgerlicher Mehrheit nicht radikal verändert. Das Problem, so stellte es erst neulich eine der wichtigsten politischen Zeitungen fest, ist die Haulshaltskürzungspolitik der Regierung. Sie führt dazu, dass immer mehr Jugendliche in "normale” Gefängnisse mit schlechter Betreuung gesteckt werden. Diese Tendenz gibt es aber so weit ich weiss leider fast überall.Gruss, Rasmus
Lieber Rasmus, gut, dass du die Gefängnis-Problematik ansprichst. Die Gefängnisse in Südafrika sind mit 130% Prozent der eigentlichen Gefängniskapazität vollkommen überlastet. Der Bau neuer Gefängnisse und die Verwaltung derer wurde hier als erstes in private Hand gegeben. Du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, dass sich die Tendenz Jugendliche in "normale" Haftanstalten zu sperren ausbreitet. So sieht es auch hier aus. Menschen unter 35 sind für über die Hälfte aller vorfallenden Straftaten verantwortlich aber die Präventions- und Resozialisierungsmaßnahmen für junge Menschen sind noch viel zu gering. Viel zu oft wird das Einsitzen im korrupten Knast als Grundstein für weitere Straftaten und für Gangbildungen gesehen. Andererseits gibt es aber ebenso engagierte NGOs, die sich mit jungen StraftäterInnen in verschiedener kreativer Weise auseinandersetzen. Diese Tendenz gibt es glücklicherweise auch. Viele Grüße, Judith
| Rasmus (22)bekämpft Ansätze rechtspopulistischer Innen- und Rechtspolitik, auch in Skandinavien. Judith Adam (19) ist SPUNK-Redakteurin und beginnt im Oktober ihren Freiwiliigendienst in Südafrika |


