Ich kaufe, also bin ich?
07.06.2005: Das Treffen von Kritikern der Globalisierung und umweltbewussten Menschen mit dem Namen "McPlanet.com" feierte sein großes Comeback in der Universität Hamburg. Über tausend TeilnehmerInnen und ReferentInnen diskutierten über Konsum, Globalisierung und Umwelt. Aus Hamburg berichtet Kadda Rönicke.
Attac, der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), Greenpeace, die Heinrich-Böll-Stiftung (hbs) und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie waren bereit, ideologische Grenzen zu vergessen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen, denn ihnen allen war klar: Umweltschutz macht an keinen Grenzen halt. Globalisierung muss ökologisch und sozial gestaltet werden. So entstand die Idee von McPlanet.com. Der Auftaktkongress in Berlin war ein großer Erfolg - internationale Größen wie Vandana Shiva, Walden Bello und viele mehr riefen zu einer großen, globalen Bewegung auf. Zwei Jahre nach diesem Erfolg startete der Comebackversuch - und glückte.
Wie in einem Bienenstock
Emsig und beflissen summten die Menschen in roten Orga-T-Shirts durch das freitagabendliche Atrium der Universität Hamburg und stimmten die letzten Kleinigkeiten ab. Das erste große Panel, "Der Planet, die globale Konsumentenklasse und ich" war schon voll im Gange und zog ein Audimax voller Zuhörer in seinen Bann. Draußen zogen sich dicke Wolken zu einem Gewitter zusammen - fast symbolisch für den Groll der TeilnehmerInnen des großen Eröffnungspanels über die rücksichtslose Ausbeute der globalen Konzerne unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit - überall auf der Welt.
"Die zarteste Versuchung - Konsum zwischen Freiheit, Politik und Verführung" hieß die samstagmorgendliche Diskussion, zu der auch ein grüner MdB geladen war: Reinhard Loske. Dieser forderte, dass Produkte den wahren Preis wiederspiegeln sollten, so dass Bio-Produkte nicht mehr teurer, sondern billiger als Diskounter-Massenwaren werden. Der im Saal laut gewordenen Forderung nach Konsumverzicht als Lösung aller Probleme widersprach er, das sei in Zeiten einer Konsumflaute und hoher Arbeitslosigkeit nicht gerade eine gern gehörte Forderung - anders gesagt: Ein gefundenes Fressen für die Springer Presse und neoliberale Parolendrescher. Während der Vertreter des Otto-Versandes, der damit auch stellvertretend für die Wirtschaft an sich auf dem Podium saß, betonte, dass Konsum an sich ja etwas schönes und angenehmes sei, da sich Menschen nun mal einfach ihre Wünsche erfüllten - ein Raunen ging bei diesen Worten durch das Audimax - statt dessen aber ressourcenschonendes Wirtschaften von allen beteiligten einforderte, stellte Stefan Flothmann von Greenpeace ein kleines, grünes Etwas auf den Tisch. "Das," sagte er "hat mein Sohn geschenkt bekommen." Es handle sich dabei um einen Lutscher, der dazu in der Lage sei, zu leuchten! Er habe ihn auseinander genommen und festgestellt, dass mehrere kleine Batterien zum Betrieb dieses Lutscher nötig seien und bezeichnete infolgedessen das gesamte Corpus Delikti als absoluten Müll und beweis dafür, dass die Wirtschaft eine Unmenge an Zeug produziere, die kein Mensch braucht.
Die dümmsten Produkte der Welt
... wurden in der Vorhalle der Universität ausgestellt. Jeder durfte eines dazustellen und so fand sich in dem kleinen Regal ein kleines Gruselkabinett der Konsumgüter zusammen: der leuchtende Lolly, ein Raumbedufter der Marke Airwick, selbstklebende Leuchtlibellen, Red Bull, eine Zigarette und vieles mehr. All diese Produkte hatten nur einen Zweck: demonstrieren, wie dumm und unüberlegt so mancher unserer Einkäufe ist - was für seltsame Dinge, die keiner braucht, manchmal als perfektes Geburtstagsgeschenk über die Ladentheke gehen. Wie wenig darüber nachgedacht, was wir da konsumieren: wo kommt das her? Wer stellt das her? Wie ökologisch und sozialgerecht ist denn das alles überhaupt??
Auch Reinhard Loske legte viel Wert auf eine Beantwortung dieser Frage. Seine Ansatz: Labelling - wie das Bio-Label. Das gibt dem/der VerbraucherIn wenigstens die Möglichkeit, darauf zu achten, was gekauft wird.
Auch die Jugend diskutierte über den Sinn und Unsinn von Konsum. In einer Runde, in der sich vier ExpertInnen aus Universitäten, Wirtschaft und Berlin (jaja, tolle "Vertretung" eines Bereiches - aber er war ausgesprochen hip!) den Fragen der Jugend (genauer der Greenpeace-Jugend und der BUND-Jugend) stellen mussten wurde über den Sinn und Unsinn von Werbung diskutiert und wie die Konzerne versuchten, den KonsumentInnen weiszumachen, mit welchen Produkten sie Bedürfnisse befriedigen könnten, die damit eigentlich gar nichts tun haben.
"Wenn Jugendliche sich mit dem Geld, das sie nicht haben, Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, um Leuten imponieren, die sie leiden können!" - nannte einer die neue Mode, sich über die Klamotten, die man trägt und über das Handy, mit dem man telefoniert, zu definieren.
Unter den Zuhörern kam die uralte Forderung nach Konsumverzicht auf - oder: "Wieso sollten wir noch konsumieren? Wenn wir weniger, oder gar nichts mehr konsumieren, dann können wir auch nichts falsch machen, dann belasten wir weder die Umwelt, noch die Kinder in der dritten Welt". Eine Erklärung dafür, dass ein Großteil der auf dem Kongress vertretenen Jugend fast uniform herumlief: Mit Chucks, Rastas und Röcken, die irgendwie alle gleich geschnitten waren, konnte diese Rednerin allerdings nicht liefern.
Wenn alle Chinesen...
Tja, wenn sie denn alle so werden wollen wie wir, das große, hedonistisch-westliche Vorbild, dann werden sie allein Energie in dem Umfang benötigen, den wir mit der derzeitigen weltweiten Ausstattung herstellen können. Will heißen: Bitte, bitte liebe Chinesen, tut es uns nicht gleich! Zumindest nicht so bald. Mit Michaele Hustedt, ebenfalls bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete, und der Chinesin Ailun Yang (Greenpeace China) nahmen ReferentInnen und Zuhörerschaft den Vertreter von Vattenfall in die Zange, der nicht so recht verhehlen konnte, dass es ihn nicht stören würde, sollte eine vielleicht-CDU-Regierung den Atomkonsens zum Tode verurteilen. Und das, obwohl er für die Sektion erneuerbare Energien zuständig ist!
Genau hier liegt aber die Chance, so Hustedt, denn würde man den Chinesen, in ihrem steigenden Energiebedarf von Anfang an die Möglichkeiten und Technologien für Erneuerbare zukommen lassen und ihnen dabei unter die Arme greifen, diese in erster Linie zu nutzen, sei das die einzige Möglichkeit, dem Energiebedarf eines Landes solcher Größe, das ein jährliches Wirtschaftswachstum von 7-10% aufweise, zu begegnen. Deswegen sei das Erneuerbare Energien Gesetz ein wichtiger Meilenstein der grünen Regierungspolitik, den wohl auch eine vielleicht-Kanzlerin Merkel nicht wieder abschaffen werde - da dies wirtschaftlich und unter nachhaltigen Aspekten dumm sei.
Ein Kreislauf der Verantwortung: Politik - VerbaucherIn - Wirtschaft
Wenn es um die Frage geht, wo man denn nun ansetzen sollte und könnte, um eine Veränderung im Konsumverhalten, eine ökologischere, nachhaltigere und sozialere Welt- und Energiewirtschaft herbeizuführen, dann ist es ein beliebtes Spiel zwischen den AktuerInnen, sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben: Die Wirtschaft sagt: Ja, was die KonsumentInnen nicht wollen, wofür es also keine Nachfrage gibt, da ist auch kein Markt. Womit sie die Verantwortung geschickt auf die VerbaucherInnen abgewälzt hätte. Ähnlich tut es die Politik: Da ihr so oft die Hände gebunden seien, denn die wirtschaftlichen Zwänge unter dem Aspekt einer hohen Arbeitslosigkeit in Zeiten, wo die Globalisierung der Wirtschaft immer weiter voranschreitet, seien enorm, sei es vor allem an den gesellschaftlichen Bewegungen, für eine nachhaltige, ökologische und soziale Politik den Nährboden zu bereiten, denn gerade so kleine Parteien wie die Grünen seien ja auf den Rückhalt in der Gesellschaft angewiesen, der sich unter anderem an Wahlabenden zeige, um etwas bewegen zu können. Die NGOs, die auf diese Weise die Verantwortung zugeschoben bekommen haben, zeigen auf die Skrupellosigkeit der Konzerne und nehmen KonsumentInnen, Politik und Wirtschaft gleichermaßen in die Pflicht, hier zu handeln.
Der wahre Lösungsansatz, man kann es sich bald denken, liegt in der Mitte, zwischen den vier Parteien, denn das ganze System besteht aus sich gegenseitig bedingenden, wechselwirkenden Bestandteilen: Klar muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen, doch das geht nur, mit einer nötigen politischen Mehrheit, für welche die BürgerInnen dieses Landes (und anderer Länder) zu sorgen haben. Die BürgerInnen achten aber auch sehr stark darauf, dass sie von ihrem Geld leben können, dass sie ihren Lebensstandard halten können - nach diesen Kriterien, die eng mit der Zahl der Beschäftigten zusammenhängt, machen viele ihr Kreuz. Da auf die Politik aber heutzutage sowieso sehr wenig gegeben wird, ist es auch an den NGOs, zur Meinungsbildung und Aufklärung im Lande beizutragen und das geht nur, wenn Konzerne und Wirtschaft aufhören, falsche Tatsachen in Form von Werbung zu verbreiten und andere Tatsachen unterschlagen(Herstellungsbedingungen, soziale und ökologische Standards etc.), zudem muss sich die Wirtschaft stärker für die Menschen verantwortlich fühlen.
Barbara Unmüßig, von der Heinrich-Böll-Stiftung, kommt zum Resümee: "McPlanet.com hat die zentralen Herausforderungen unserer Zeit ins Blickfeld gerückt. Die produktiven Debatten um die soziale und ökologische Verantwortung von Politik, Wirtschaft und Verbrauchern haben ein großes, vor allem junges Publikum mobilisiert. Von McPlanet.com geht ein kraftvolles Signal aus: gegen ein umweltpolitisches Rollback und für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung.” Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, außer: bleibt zu hoffen, dass dieses globalisierungskritisch-ökologische Bündnis auch in Zukunft an die Zusammenarbeit glaubt und noch mehr Menschen mit sich ziehen kann.


