Das Huhn ruft zur Demo auf.

Raus aus der Massentierhaltung? Raus auf die Straße!

11.01.2012: Der jüngste Lebensmittelskandal zeigt einmal mehr, dass eine Landwirtschaft grundsätzlich falsch ist, die versucht, die Tiere an möglichst billige, arbeitssparende Haltungsformen anzupassen, anstatt die Haltungsformen an den Bedürfnissen der Tiere auszurichten. Er kommt pünktlich zur Demo Wir haben es satt!, auf der auch dieses Jahr zum Beginn der Grünen Woche in Berlin wieder Tausende gegen die klassische Agrarpolitik demonstrieren werden.

Was ist passiert? Ein paar ExpertInnen vom Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) gehen in Supermärkte, kaufen willkürlich abgepacktes Geflügelfleisch und untersuchen es. In ungefähr jeder zweiten Packung finden sie Keime, die gegen die gängigen Antibiotika resistent sind. Diese Bakterien können sehr gefährlich sein, weil ein Mensch, der an ihnen erkrankt, nicht einfach durch die übliche Behandlung mit Antibiotika geheilt werden kann.

Die Stichprobe des BUND ist vielleicht keine vollwertige wissenschaftliche Studie, aber das Ergebnis ist erschreckend. Du kannst völlig zufällig Hähnchen aus der Kühltruhe im Supermarkt nehmen und hast eine Fifty-Fifty-Chance auf hochresistente Keime. Das ist kein Zufall, sondern eine direkte Konsequenz aus der Art und Weise, wie das meiste Geflügel- und Schweinefleisch in Deutschland produziert wird. Haltungsformen, in denen es den Tieren so schlecht geht, dass sie notwendigerweise krank werden, führen dazu, dass in der Praxis der Hähnchenmast präventiv allen Tieren Antibiotika verabreicht werden. Infolge dieser massiven Antibiotikavergabe in der Massentierhaltung werden nicht nur immer mehr Bakterien resistent, sondern auch die VerbraucherInnen (mit Ausnahme der VegetarierInnen) nehmen im Alltag, ohne krank zu sein, eine Menge Medizin auf. Die Lösung für das Problem: Der Ausstieg aus der Massentierhaltung. Wenn der Mensch Tiere halten will, muss er das an den einzelnen Tieren orientiert tun.

Wenn nun der Bauernverband dem BUND vorwirft, er hätte bei seiner ganzen Kritik an der Massentierhaltung keine richtige Definition von Massentierhaltung, dann ist das nicht mehr als eine Abwehraktion der alten Agrarlobby. Wir brauche keine klare Definition von grenzwertigen Grenzfällen, um sagen zu können, dass es falsch ist, wenn ein Huhn nur soviel Platz hat wie ein ausgeklappter Flyer zur Demo Wir haben es satt!; dass es falsch ist, wenn Menschen krank werden, weil in miserablen Haltungsbedingungen gesunde Tiere Medizin bekommen; dass es falsch ist, wenn die Politik eine immer größere Überproduktion von schlechtem Fleisch subventioniert, das zu Niedrigstpreisen auf den Weltmarkt wirft und deshalb in ärmeren Ländern die Landwirtschaft vor die Hunde geht; dass es falsch ist, wenn in Gegenden, in denen Menschen hungern, auf Millionen Hektar Gentechsoja für die Fleischproduktion in der EU angebaut wird. Sprich: Dass Massentierhaltung scheiße ist.

Da wirft sich der Bauernverband mal wieder für die Agrarindustrie in die Bresche, anstatt den Bauern und Bäuerinnen zu dienen. Denn wenn nun zum Beispiel in Niedersachsen ca. 400 neue Großställe gebaut werden sollen, um die Puten für die stündlich 27.000 Schlachtungen in geplanten Schlachthof von Wietze zu liefern, leiden darunter auch die beteiligten LandwirtInnen. Sie werden de facto zu Angestellten des Schlachtunternehmens. Es liefert ihnen die Küken und das Futter und holt die Tiere bei Erreichen des Schlachtgewichts wieder ab. Die Firma ist ihrE einzigeR ZuliefererIn und ihrE einzigeR AbnehmerIn zugleich. Von einer bäuerlichen Landwirtschaft, eingebettet in Dorf und Umwelt, dem Handwerk und den VerbraucherInnen verbunden, bleibt: Nichts. Von der unternehmerischen Freiheit der LandwirtInnen bleibt, dass sie bei Preis- und Nachfrageschwankungen das wirtschaftliche Risiko für einen Großkonzern mit schlechtem Ruf tragen. Dem Dorf Feind geworden sperren Bauer und Bäuerin täglich den Stall auf und zu, werfen 40.000 Viechern das Futter in die Förderbänder und die verendeten Tiere in den Müll.

Wir aber wollen eine bäuerliche Landwirtschaft, die Tiere, Klima, Biodiversität, Wasser und Boden nutzt und schützt. Ein Lebensmittelhandwerk, das Bauern und Bäuerinnen wie VerbraucherInnen ein guter Partner ist. Ein internationales Handelsregime, das fair ist und allen Menschen ermöglicht, ihr Bedürfnis auf Essen zu stillen. Und wir wollen richtig gutes Essen.

Es ist jetzt die Zeit, in der die Agrarpolitik sich ändern kann, denn bis 2013 wird entschieden, wie der Haushalt der EU für die sieben Jahre ab 2014 aufgestellt sein wird. Dabei wird auch der Rahmen für die zukünftige Agrarpolitik gesetzt. Für uns heißt das: Es ist jetzt an der Zeit, mal wieder zu demonstrieren. Am 21.1.2012 ab 12:00 findet zum zweiten Mal die Großdemo „Wir haben es satt!“ in Berlin statt, während am Rande der Internationalen Grünen Woche die internationalen LandwirtschaftsministerInnen mit WirtschaftsvertreterInnen zusammensitzen. Bereits letztes Jahr zeigten hier 22.000 Menschen, dass sie eine andere Agrarpolitik wollen.

Also: Wer jetzt raus will aus der Massentierhaltung, muß jetzt mit raus auf die Straße. Kommt auch ihr nach Berlin zur Demo, über 80 Busse bringen euch aus allen Ecken hin. Die Grüne Jugend trifft sich um 11:30 zwischen dem Hauptbahnhof und dem Kanal unter der S-Bahn-Brücke. Wir sehen uns.