Mahnmaldebatte unwürdig für die Opfer!
29.08.2006: Eigentlich ist es ein großer Erfolg, dass den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus mit einem Denkmal gedacht werden soll. Eigentlich. Denn schon ist eine Diskussion um die Gestaltung der Gedenkstätte entbrannt. Der Entwurf des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset zeigt nämlich nur die männlichen Opfer - und vergisst die Lesben.
Zu den Hintergründen: Im Jahre 2003 hat der Bundestag beschlossen, ein Denkmal für die Opfer der Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich errichten zu lassen. Die komplexe Aufgabenstellung lautete, die verfolgten und ermordeten Opfer zu ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach zu halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben zu setzen. Der von der Jury ausgewählte Entwurf von Elmgreen und Dragset zeigt eine Stehle, die bewusst mit dem Mahnmal für die ermordeten Juden Europas korrespondiert, mit einem Guckloch, das den Blick auf zwei sich küssende Männer freigibt. Lesbische Opfer finden keine Erwähnung in diesem Entwurf.
"Emma" startet eMail-Protestaktion
Die Reaktionen auf diesen Umstand sind äußerst vielfältig. Die "Emma" initiierte eine Unterschriftenaktion für die Aufnahme lesbischer Frauen in den Entwurf. Auch sie seien Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden. Zwar sei es richtig, dass homosexuelle Frauen kein Zeichen, das sie eindeutig als lesbische Frauen kriminalisiert hätte, tragen mussten - so wie die Männer den rosa Winkel - trotzdem mussten auch sie mit Verfolgung rechnen, wenn sie ihre Lebensweise nicht verstecken wollten. Genau auf diesen Umstand verweist der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) in seiner Stellungnahme zur Mahnmaldebatte. Lesben und Schwule müssten in dem Mahnmal gleichermaßen eine Würdigung erfahren, aber das dürfe nicht zu Lasten historischer Fakten gehen.
Nazis missachteten Sexualität der Frauen
Der Paragraph 175 im Strafgesetzbuch stellte nur männliche Homosexualität unter Strafe, nicht aber weibliche. Dieser Umstand ist nicht etwa einer besondern Freundlichkeit geschuldet, sondern der allgemeinen Missachtung weiblicher Sexualität durch die Nationalsozialisten. Trotzdem wurden auch lesbische Frauen Opfer des NS-Terrors. Die Historikerin Claudia Schoppmann fand bei der Durchsicht unzähliger KZ-Akten bei einigen Insassinnen den Vermerk "lesbisch". Es konnte bis heute noch nicht recht geklärt werden, aus welchen Gründen genau lesbische Frauen in ein Konzentrationslager verbracht wurden. Sie fielen, wie gesagt nicht unter den § 175, sondern wurden dort entweder als politische Häftlinge, Asoziale oder Jüdinnen inhaftiert. Dieser Umstand erschwert die Aufarbeitung der Verfolgung lesbischer Frauen massiv. Es steht aber außer Frage, dass es lesbische Frauen gegeben hat, die in erster Linie wegen ihrer gelebten Sexualität verfolgt wurden.
Lesbische Lebensweisen kommen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor
Durchaus umstritten ist das Denkmal auch aus lesbischer Sicht. Der Lesbenring, immerhin größter deutscher Interessenverband lesbischer Frauen, zeigt ein bemerkenswertes Desinteresse an der Debatte und befindet sich in seltener Eintracht mir dem LSVD. Auch der Lesbenring weist auf die unterschiedlichen Schicksale lesbischer Frauen und schwuler Männer hin und plädiert deshalb für die Erhaltung des Mahnmals in seiner "schwulen" Form. Aus Sicht des Lesbenrings sollte Erinnerung nicht nur in Stein gehauen, sondern lebendig gehalten werden durch weniger starre Formen des Gedenkens. Ob sich der Lesbenring mit dieser Haltung allerdings einen Gefallen tut, ist mehr als fraglich. Lesbische Lebensweisen kommen in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. Es gibt kaum prominente Frauen, die sich zum lesbisch-Sein bekennen. Die Schauspielerin Maren Kroymann verglich die heutige Situation der Lesben in einem Interview für die taz mit der im Dritten Reich. Frauen, und besonders Lesben, würden stets missachtet und totgeschwiegen - damals wie heute.
Vielleicht ist es nicht nötig, sich unbedingt dieser verschärften Aussage anzuschließen. Aber im Kern bleibt es wahr - Lesben tauchen auch heute in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auf. Wenn sie nun nicht wenigstens auf ihre Opfer aufmerksam machen, werden auch diese irgendwann vergessen sein.
Josefine Paul ist 24, Koordinatorin des FaFo LesBiSchwul und studiert Geschichte in Münster
Links:
Unterschriftenaktion der "Emma" für ein Denkmal für schwule UND lesbische Opfer des Nazi-Terrors
Homepage der Denkmal-Initiative für NS-verfolgte Homosexuelle