Seminar Kyoto-Plus - Wege aus der Klimafalle?

18.10.2006: Am 28. und 29. September fand in Berlin ein Kongress der Heinrich Böll-Stiftung statt, um neue Allianzen für den Kampf gegen den Klimawandel zu schmieden und gemeinsam Wege aus der Klimafalle zu finden.

Unterstützt wurde der Kongress vom WWF, European Climate Forum, Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie und von Schirmherr Professor Klaus Töpfer.

Bei den Auftaktreden am Donnerstagnachmittag wurden die Ziele der Konferenz benannt. Die Konferenz soll helfen in der Öffentlichkeit die Ignoranz gegenüber dem Klimawandel zu beseitigen, außerdem neue Allianzen zu schmieden zwischen der Wissenschaft, Politik, NGOs und der Gesellschaft, denn nur so lässt sich der Kampf um mehr Klimaschutz gewinnen. Diese Allianz muss global sein und mit viel Biss neue Reduktionsziele der Treibhausemissionen fordern. Der Klimawandel muss als eine Frage der sozialen Gerechtigkeit erkannt werden. Schon heute tötet der Klimawandel viele Menschen. Deutschland und die EU sind gerade dabei, ihre Vorreiterrolle im Klimaschutz zu verlieren. Vor allen die große europäische Autoindustrie und die Energiekonzerne blockieren alle Fortschritte.

"Der Klimaschutz wird kein Spaziergang", rief Renate Künast ihren ZuhörerInnen zu und stellte gleich konkrete Forderungen auf. Vor allem Deutschland sollte in der EU weiter um eine Vorreiterrolle kämpfen und die EU-Ratspräsidentschaft sowie den G8 Gipfel dazu nutzen, um Klimaschutz an die Spitze der Tagesordnung zu setzen. Deutschland müsse bis 2020 seine Emissionen um 40 Prozent senken und Europa um 30 Prozent. Außerdem brauchen wir ein Bioenergiesiegel für richtige Bioenergie, damit nicht noch die letzten Urwälder für die Herstellung von Palmöl abgeholzt werden. Die Selbstverpflichtung der Autoindustrie, klimafreundlichere Autos zu bauen, hat nicht geklappt. Der durchschnittliche Flottenverbrauch muss aber bis 2012 auf fünf Liter gesenkt werden und bis 2020 auf drei Liter. Die Technologien gibt es - es fehlt lediglich der Wille, es umzusetzen.

Ein anderer Redner stellte die Gleichung auf, dass Klimaschutz Frieden bedeutet, denn die durch den Klimawandel verursachte Wasser- und Landknappheit und die Energieknappheit durch den hohen Ressourcenverbrauch schaffen Krisengebiete, Armut und Unsicherheit. Vielen Entwicklungsländern fehlt es an Technologien, um sich gegen die Klimafolgen zu schützen. Die Industrieländer stehen in der Pflicht, sie auch von ihren technologischen Entwicklungen profitieren zu lassen. Der Klimaschutz muss auf jede Schulter gerecht verteilt werden.

Freitagmorgens ging es weiter mit einem Grußwort von Klaus Töpfer. Er findet ebenfalls, dass es die zentrale Aufgabe ist, jetzt Bündnisse zu schließen, wie etwa die Globale Allianz der BürgermeisterInnen. Denn die Menschen müssen begreifen, wie wichtig es ist, die Emissionen zu reduzieren. Europa muss gegenüber den anderen Staaten glaubwürdig im Klimaschutz bleiben. Vor allen die Schwellen- und Entwicklungsländer brauchen eine klares Signal von uns und auch viel Hilfe, um selber konsequenten Klimaschutz von Anfang an zu gewährleisten. Die Zwei-Grad-Grenze wird nicht realisierbar sein, wenn wir uns jetzt nicht ändern. "Wir brauchen eine Klimarevulotion", sagte Töpfer wörtlich und bekam dafür viel Applaus. Alles müsse auf den Prüfstand. Durch Gebäudesanierung ließe sich langfristig sehr viel Energie sparen. Der Klimaschutz und die Nachfrage nach neuen effizienten Technologien wird die Wirtschaft ankurbeln. Die öffentliche Hand muss da mit Investitionen vorangehen. Was vielleicht zu Anfang als Utopie erscheint, kann schnell durch Forschung real werden.

Auf dem Kongress waren mehrer Klimazeugen des WWF geladen. So etwa Peter Triloff, Pflanzenschutzberater der Marktgemeinschaft Bodenseeobst. Er berichtete uns wie die Pflanzen am Bodensee unter den regionalen Auswirkungen des Klimawandels leiden. Immer früher kommt es zu Warmzeiten, was zum Austreiben der Obstbäume führt. Durch wiederkommenden Frost werden sie kaputt gemacht. Die Bäume werden auch immer krankheitsanfälliger. Mehltau und Feuerbrand, aber auch die Anzahl der Schädlinge nimmt zu. Der Hagel wird extremer, die Körner größer und wenn es hagelt, dann immer mehr, weshalb viele Bäume schon durch Hagel ihr ganzes Laub verlieren. Die Obstplantagen werden zum Teil schon mit Hagelnetzen überzogen. Im Sommer wird es immer trockener. 50 Prozent weniger Niederschlag als noch 19990 gab es im Sommer 2005. Im Mai/ Juni ist es jetzt im Durchschnitt 2,5 Grad wärmer. Die Früchte leiden auch unter Sonnenbrand. Durch die Hitze und stärkere Sonneneinstrahlung stirbt die Fruchthaut. Der Apfelschorf ist die gefährlichste Krankheit. Sie nimmt seit zehn Jahren rapide zu. Im Herbst hat im Gegensatz zum Sommer die Feuchtigkeit um 40 Prozent zugenommen. Die Wintermonate werden kälter, die Temperaturen extremer. Katastrophal für die vielen an die dortige Naturbedingungen angepassten Obstsorten, von denen es viele in einigen Jahren nicht mehr geben wird.

Auf dem Kongress gab es eine Reihe von verschiedenen Foren. Hier ist Bericht über eines von ihnen: "Mehr Bewegung im Klimaschutz!"

Dort wurde zu Beginn die niederländische WWF Klimakampagne "Hier" vorgestellt. Dort arbeiten viele NGOs in Klimafragen an einem Strang und auch die Kampagne wird von fast allen unterstützt. Besonders im Hinblick auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft und den G8-Gipfel ist es wichtig, dass die vielen NGOs zusammenarbeiten und auch gemeinsam eine Klimakampagne machen. Der Vertreter von WWF machte deutlich, dass nun Schluss sein müsste damit, dass viele NGOs die Zusammenarbeit mit anderen schwer fällt. Nur mit einem breiten Feld an Verbänden könnten wir etwas bewegen. Wir sollten nicht für den einen oder anderen Verband kämpfen, sondern alleinig für das Ziel konsequenten Klimaschutzes. Auch brauchen wir klare Ziele und Forderungen, die wir an die Politik stellen. Zum Beispiel 30 Prozent weniger CO2-Ausstoß in der EU.

Auf dem Kongress waren sich alle der Dringlichkeit des Handels bewusst und scheuten sich auch nicht davor, radikale Forderungen zu stellen, was verändert werden muss. Lösungen gibt es viele. Von der besseren Energieeffizienz der Technologien bis zu den Erneuerbaren Energien. Konkrete Reduktionszahlen wurden ebenfalls genannt. Das Problem wird nun sein, wirklich ein breites Bündnis zwischen Wissenschaft, Politik, Industrie und Gesellschaft hinzubekommen und auch die Menschen für den Klimawandel weltweit zu sensibilisieren.

Ein Bericht von Kathrin Henneberger, Koordinatorin des Fafo Ökologie.