Mein Freiwilligendienst in Serbien
25.01.2007: Benjamin Grochowski ist seit vier Monaten als European Volunteer in Serbien und arbeitet dort beim junggrünen Dachverband für Osteuropa (CDN) mit. "Es ist hochinteressant für mich, die Arbeit der Grünen Jugend Serbien zu verfolgen", sagt er im Interview mit Anna Cavazzini.
Anna: Du bist jetzt schon länger für CDN aktiv, was genau ist das eigentlich?
Benji: Genau genommen ist CDN ein Netzwerk grüner Jugendorganisationen (genauso oder ähnlich der Grünen Jugend in Deutschland) in Osteuropa, vom Baltikum zum Balkan, von Zentraleuropa bis zum Kaukasus. Zugleich ist es jedoch auch noch vielmehr, eine Plattform zum Austausch, zum Weiterentwickeln und zur Artikulation. CDN ist aus der FYEG hervorgegangen, die mit zunehmender Größe und verstärkter Einbindung in die europäische Politik nicht mehr über genügend Kapazitäten verfügte, auf die besondere Situation in den Ländern Osteuropas einzugehen. Dies drückt sich in zwei Dingen am deutlichsten aus: Internationale Kooperation, Zusammenarbeit und Austausch haben aufgrund der eingeschränkten Reisemöglichkeiten (die gerade für Studenten im Grunde nicht vorhanden sind: Visa, Kosten etc.) eine besondere, ausgeprägtere Stellung als in den Ländern der EU. Vorurteile gegenüber anderen Ländern und Menschen können so weitaus länger bestehen und neue Entwicklungen erreichen kaum die Menschen.
"Vorurteile können hier länger bestehen"
Darüber hinaus sind diese Jugendorganisationen auch politisch mit ganz anderen Problemen konfrontiert - grüne Ideale müssen im Osten erst noch als solche erklärt werden und ihre Legitimation über die Anlehnung an aktuelle Probleme der jeweiligen Gesellschaft erlangen. Hier sind vor allem historische grüne Ideen wie Hierarchielosigkeit, Gleichstellung der Geschlechter, Basisdemokratie, Überzeugung als Antrieb freiwilliger Arbeit, Anti-Materialismus etc. gefragt als Gegenentwurf zur geldorientierten, häufig korrupten und verkrusteten Gesellschaft, die ihre Ideale verloren und höchstens durch Nationalismus ersetzen konnte. CDN bietet in diesem hoch komplexen Gewirr aus Politikverdrossenheit und der Unverbrauchtheit der grünen Bewegung in diesen Ländern eine Plattform, über die sich junge Grüne aus den Länder außerhalb der EU austauschen und vernetzen können um gemeinsam ihre Ziele verfolgen zu können. CDN gibt die nötige administrative Hilfe, indem es organisatorische Hilfe gibt und seinen guten Namen zur Verfügung stellt, um die Finanzierung der Ideen dieser jungen Menschen mithilfe europäischer Institutionen sicherzustellen. Somit bildet CDN ein Netzwerk, das innerhalb von FYEG Ressourcen zur Verfügung stellt, um auf die besondere Situation in den Ländern Osteuropas einzugehen und Mitgliedsorganisationen, die noch nicht Mitglied von FYEG sind, auf ihren Beitritt vorzubereiten. Politische Arbeit wird dabei vor allem durch grüne politische Bildungsarbeit im Rahmen von Seminaren und Workshops geleistet. Darüber hinaus soll sichergestellt werden, dass keine parallelen Strukturen und erst recht keine Konkurrenz zur FYEG aufgebaut werden.
"Keine Konkurrenz zur FYEG"
Wie hat sich dieses Netzwerk in den letzten Jahren verändert und was ist die Rolle der GRÜNEN JUGEND dabei?
CDN hat eine rasante Entwicklung erlebt. Gegründet in 2003 konnte CDN jedes Jahr neue Mitgliedsorganisationen aufnehmen und durchgehend erfolgreiche Arbeit leisten die sich in der gesteigerten Unterstützung seitens des Europarates und des Green Forum Swedens, der Stiftung der schwedischen Grünen Partei ausdrücken. Die Grüne Jugend war seit dem Jahr der Gründung als Mitglied vertreten, anfangs stellvertretend durch die Grüne Jugend Brandenburg, ab 2005 durch den Bundesverband. Im selben Jahr wurde aufgrund der höheren Anzahl der Mitglieder durch die Einführung der Partnerschaft eine stärkere Fokussierung auf Osteuropa geschaffen. Somit wurden Mitgliedsorganisationen, die aus Ländern der EU kommen zu Partnern, um somit sicherzustellen, das osteuropäische Organisationen nicht in die Minderheit geraten.
Die Grüne Jugend Deutschland hat von Anfang an durch ein starkes Einbringen und ein hohes Interesse ihrer Mitglieder eine entscheidende Rolle im CDN gespielt. Die Delegationen der GJ sind auf allen CDN-Veranstaltungen anzutreffen und stellen durch diesen Austausch eine wichtigen Faktor dar, um Ideen und Erfahrungen, die die GJ sammeln und entwickeln konnte, den Organisationen Osteuropas zur Verfügung zu stellen. Viele Individuen haben starkes Interesse an der grünen Arbeit in Osteuropa gezeigt und durch persönliches Engagement viel beigetragen.
Wie sind die jungen Grünen in unseren (süd-)östlichen Nachbarländern so aufgestellt - gibt es auch inhaltliche Unterschiede zur GRÜNEN JUGEND?
Die jungen Grünen sind in den Ländern Osteuropas in höchst unterschiedlichen Situation und Entwicklungsstufen, von der relativ gut entwickelten und erfolgreichen Grünen Jugend Serbiens bis hin zu den noch jungen und im frühen Stadium des Aufbaus befindlichen jungen Grünen in Rumänien. Gemein haben diese Organisationen häufig, dass sie meist besser entwickelt als die ansässige Grüne Partei sind.
"Grüne Jugendorganisationen sind hier oft besser entwickelt als die grünen Parteien"
Jedoch sind auch nicht alle Mitgliedsorganisationen mit der Grünen Jugend in Deutschland vergleichbar, denn in manchen Ländern sind solche Organisationen schlichtweg nicht existent. So hat CDN in Mazedonien die Jugendorganisation der größten mazedonischen Umweltorganisation (vergleichbar der BUND-Jugend) als Mitglied, deren politische Arbeit auf ökologische Themen begrenzt ist. In Weißrussland ist CDN zum Beispiel durch eine Umweltorganisation vertreten, für die eine politische Artikulation schlichtweg nicht möglich ist. Häufig jedoch leistet CDN die notwendige Aufbauarbeit für einzelne junge Menschen, die durch die Teilnahme an den Veranstaltungen an dieser Form der Jugendarbeit interessiert wurden und ähnliche Strukturen in ihren Ländern aufbauen möchten. So haben rumänische Teilnehmer von CDN-Veranstaltungen VERZII, die grüne Jugend Rumäniens, gänzlich ohne Anwesenheit einer Grüner Partei aufgebaut.
Alle Mitglieder von CDN haben gemeinsam, gänzlich und ohne Abstriche mit den grünen Idealen, die CDN vertritt, übereinzustimmen. Bei einzelnen Themen sind sie manchmal naturgemäß nicht genauso wie die GJ vertreten, so ist z.B. die Frage der Drogenpolitik europaweit nicht einheitlich zwischen den Grünen Organisationen geklärt.
Unterschiede bei der Drogenpolitik
Du hast in Serbien einen EVS absolviert. Was waren deine Erfahrungen und wie bist du dazu gekommen?
Die Chance, ein Jahr in Serbien zu verbringen, habe ich durch den Europäischen Freiwilligendienst - auch unter EVS-European Volunteer Service bekannt - bekommen. Diese unter Action 2 des "Youth in Action Program" der Europäischen Kommission laufende Jugendarbeit ist ein durch die Kommission finanziertes Instrument, um jungen Menschen innerhalb Europas zu ermöglichen, durch freiwillige, nicht-kommerzielle Arbeit in verschiedenartigsten Projekten ein europäisches Land näher kennen zu lernen und gleichzeitig sinnvolle Arbeit zu leisten. Unterstützt durch in allen EU-Staaten ansässige Nationale Jugendkommittees und durch die Kommission direkt können so junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren zwischen 3 und 12 Monate in einem Land Europas oder auch außerhalb verbringen.
Als European Volunteer in Serbien
Mein Aufenthalt wurde durch eine Kooperation der Grünen Jugend mit CDN ermöglicht, indem ich durch die GJ zu dem CDN-Projekt "European Cultures from East to West" entsendet wurde. Diese Möglichkeit ist einzigartig und ich bin froh die Chance genutzt zu haben. Bisher habe ich gerade einmal vier meiner zwölf Monate absolviert und dennoch fühle ich mich schon zuhause zwischen sehr freundlichen und liebenswerten Menschen, die mir die Gelegenheit geben, eine andere Kultur aus einem sehr nahen Blickwinkel zu erleben! Und es ist hochinteressant für mich, die Arbeit der Grünen Jugend Serbien - Zelena Omladine Srbije - zu verfolgen und durch zahlreiche Kontakte nach Deutschland die häufig vertretenen Klischees der aggressiven und unkultivierten Serben abbauen zu können. Ich kann nur jedem, dem sich diese Chance bietet, raten sie zu nutzen. Es ist eine Möglichkeit tiefer in ein Land einzudringen als es zum Beispiel durch einen Studienaustausch möglich ist.