Terror und Gewalt: Der Kaschmir-Konflikt
05.09.2007: Drei Kriege, mehrere Krisen, Zehntausende von Toten und unzählige terroristische Anschläge: Das ist die traurige Bilanz des Kaschmir-Konflikts, der nun schon über ein halbes Jahrhundert andauert. Eine Bestandsaufnahme von Laura Appeltshauser.
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Der Ursprung der Dauer-Krise ist am Ende der britischen Kolonialzeit zu suchen. Die Mehrzahl der EinwohnerInnen des Subkontinents waren und sind Hindus, die jahrhundertelange muslimische Herrschaft hatte nie zu einer ernsthaften Missionierung der Landbevölkerung geführt. Vielmehr resultierte sie in einer muslimischen Diaspora, sodass heute circa 10 Prozent aller InderInnen Muslime sind. Mit dem Kampf um die Unabhängigkeit Indiens wurde 1940 die "Zwei-Nationen-Theorie" formuliert: Demnach bildeten Muslime und Hindus zwei Nationen und sollten daher auch territorial und politisch getrennt werden. Diese Theorie war somit die Basis der Teilung des Subkontinents in Pakistan, Indien und - seit den siebziger Jahren - Bangladesh. Diese Lösung schien relativ praktikabel - wären da nicht die (hauptsächlich muslimischen) Provinzen Jammu und Kaschmir gewesen, die zu diesem Zeitpunkt ein unabhängiges Fürstentum unter dem (hinduistischen) Maharaja Hari Singh waren. Beide neue Nationen beanspruchten das landschaftlich reizvolle Kaschmir-Tal sowie die strategisch wichtigen Himalaya-Pässe. Als Pakistan 1947 militärischen Druck auf den Maharaja ausübte, fühlte sich dieser genötigt bei Indien um Militärhilfe zu bitten und zeitgleich ein Beitrittsdokument der Provinzen zu Indien zu unterzeichnen.
Die Indo-Pakistanischen Kriege
Pakistan konterte, dass der Maharaja nicht im Namen der Bevölkerung handelte, der Beitritt zu Indien somit ungültig sei, und fordert nach wie vor eine Volksabstimmung. Der sich anschließende erste Indo-Pakistanische Krieg endete mit einer UN-Resolution, die eine Waffenstillstandslinie, die Line of Control (LoC), festlegte und ein solches Referendum forderte - die Durchführung wurde mit der Zeit aber immer unwahrscheinlicher. Zwei weitere Mal versuchte Pakistan sein Einflussgebiet zu erweitern, musste aber immer herbe Rückschläge und Verluste einstecken. Zuletzt bemühten sich pakistanische Soldaten die Gipfelregionen zu kontrollieren und lösten damit 1999 den Kargil-Krieg aus, zogen sich aber aufgrund des internationalen Drucks zurück. Damit ergibt sich die aktuelle territoriale Aufteilung: Indien beansprucht die Provinzen Jammu und Kaschmir, ein Drittel der Region befinden sich unter pakistanischer Kontrolle (vor allem der Norden und "Azad Kashmir", das "Freie Kaschmir") und ein kleiner Teil ist von China besetzt.
Terror und Gewalt
Allerdings ist der offensichtliche Interessenskonflikt zwischen den Staaten Pakistan und Indien längst nicht alles. Seit den achtziger Jahren ist die Situation weitaus brisanter geworden, denn seitdem ist die Anzahl terroristischer und gewaltbereiter Gruppierungen nahezu explodiert. Oft wird dies in mit dem Ende der sowjetischen Invasion Afghanistans in Verbindung gebracht, fest steht jedenfalls, dass sich inzwischen die Mehrzahl der TerroristInnen aus Pakistan und Afghanistan rekrutiert. Ursprünglich waren es nur die Unabhängigkeitsbewegungen, die terroristische Anschläge verübten (besonders die Jammu and Kashmir Liberation Front JFLK), in den neunziger Jahren ließ sich jedoch bald der islamistische Hintergrund feststellen. Ein Großteil der Terroranschläge gingen auf das Konto der Hizbul-Mujahideen (HUM), der Partei der Glaubenskämpfer im Heiligen Krieg, die heute noch mit mehreren Tausend KämferInnen im Kaschmir präsent ist. Das Gewirr der einzelnen Organisationen, Untergruppen, Führer und Ziele ist komplex und kaum durchschaubar. Im Allgemeinen sind diese islamistisch-motivierten Organisationen jedoch pro-pakistanisch und werden von dort moralisch unterstützt. Vielen Berichten zufolge wurden in Speziallagern in Pakistan sowie in den pakistanischen Teilen Kaschmirs TerroristInnen ausgebildet und kamen im Kaschmir zum Einsatz. Der pakistanische Präsident Musharraf wurde oft zu Recht dafür kritisiert, nicht genug gegen diesen grenzüberschreitenden Terrorismus zu tun. Im indischen Teil des Kaschmirs, den Provinzen Jammu und Kaschmir, ist außerdem die All Parties Hurriyat Conference (APHC) von Bedeutung, die sich als eine Art außerparlamentarische Opposition versteht und damit eine Vermittlerrolle inne hat. Bis jetzt boykottiert sie die Wahlen und lehnt Militanz grundsätzlich nicht ab. Opfer sind wie immer zumeist die Zivilbevölkerung: Es wird geschätzt, dass in den letzten 20 Jahren an die 30 000 Menschen bei terroristischen Anschlägen und Verfolgungen ihr Leben gelassen haben, insbesonders die hinduistische Bevölkerung hat unter dem islamistischen Terror zu leiden. Infolgedessen haben an die 300 000 Hindus die Region bereits verlassen beziehungsweise irren ohne feste Bleibe umher.
Menschenrechte - vergessen und verdrängt
Gewalt provoziert Gegengewalt - das gilt auch im Kaschmir-Konflikt. Zum allgemeinen Entsetzen sind es jedoch nicht die pro-hinduistischen Nationalisten, sondern die indischen Sicherheitskräfte und Milizen die mit Gewalt reagieren. NGOs prangern zum wiederholten Male die täglichen Menschenrechtsverletzungen an, da indische Militärs die Zivilbevölkerung mit Exekutionen, Folter, der Praxis des "Verschwindenlassens" und Vergewaltigung unterdrücken. Unter dem Vorwand TerroristInnen bekämpfen zu wollen, werden in den alltäglichen Scharmützeln meist Unschuldige getroffen oder ganze Dörfer in Angst und Schrecken versetzt.
Die "Kuba-Krise" des Kaschmirs
Seit Ende der neunziger Jahre sind sowohl Indien als auch Pakistan in die Liga der Atommächte aufgestiegen - mit immensen Folgen für den Kaschmir-Konflikt. Nachdem sich die beiden im Rahmen des Koalition gegen den Terror 2001 etwas angenähert hatten, stand die Region kurze Zeit später vor einem Atomkrieg: Ein Terroranschlag auf den indischen Landtag in Kaschmir und das indische Parlament in Neu-Delhi im Dezember 2001 wurde mit Pakistan in Verbindung gebracht; dabei ist es viel wahrscheinlicher, dass die Anschläge von islamischen TerroristInnen ohne direkte Unterstützung vom Staat Pakistan durchgeführt wurden. Es kam zu einer massiven Truppenverstärkung an der Line of Control, die Möglichkeit eines nuklearen Krieges schockierte die Weltöffentlichkeit. Aufgrund großer diplomatischer Bemühungen konnte diese "Krieg-in-Sicht-Krise" jedoch entschärft werden, seitdem ist es sogar zu einer regelrechten Friedensinitiative gekommen.
Und jetzt?
Seit 2004 ist die Verständigung zwischen den Staaten also relativ erfolgreich, der Terrorismus lässt sich aber davon rein gar nicht beeindrucken. Im Gegenteil, mit gezielten Anschlägen wie dem am 22. Februar 2007 auf einen Schnellzug sollen die Friedensgespräche verhindert werden. Jedes Jahr stirbt eine vierstellige Zahl von Menschen, im Auge der Weltöffentlichkeit wird dies jedoch kaum wahrgenommen. Das einzige, was noch kurzfristig die Aufmerksamkeit erregte, war das Erdbeben im Kaschmir im Oktober 2005. Diese Naturkatastrophe hat die humanitäre Situation natürlich noch extrem verschärft, die Menschen im Kaschmir leiden unter Hunger, Mangel an Wohnraum und immer noch - dem Terrorismus und täglichen Gefechten. Eine wirklich nachhaltige Lösung ist weiterhin nicht in Sicht, auch wenn Musharraf den pakistanischen Anspruch auf den Kaschmir sicherlich weniger vehement deutlich macht, als seine Vorgänger dies taten. Ein Anschluss an den einen oder anderen Staat würde unweigerlich zu noch mehr Terror und Gewalt führen. Die Durchführung einer Volksabstimmung wird von indischer Seite häufig kritisiert, weil bereits viele Hindus die Kaschmir-Region aus Angst vor Terror verlassen haben. Dennoch, die Einbeziehung der Kaschmiren ist ein unerlässlicher Schritt. Nur so, und wenn die indische Armee endlich ihre Menschenrechtsverletzungen konsequent aufklärt, kann eine Vertrauensbasis zur Demokratie hergestellt werden. Die freien Wahlen 2002 gingen schon in die richtige Richtung, allerdings darf auch mit den SeparatistInnen, die die Wahlen boykottieren, das Gespräch nicht gescheut werden. Und schließlich ist das Verhalten des pakistanischen Präsidenten entscheidend: Nur wenn Musharraf aufhört, FundamentalistInnen und religiösen NationalistInnen Honig um den Mund zu schmieren und den islamistischen Terror konsequent zu unterbinden sucht, kann langfristig dem Frieden eine Chance gegeben werden.
Laura Appeltshauser ist Koordinatorin des Fachforums Europa und Internationales der GRÜNEN JUGEND
Hier geht es zur Übersichtskarte der Süddeutschen Zeitung zu Internationalen Konflikten.