Privatsphäre - Ein Wort aus der Vergangenheit?
18.12.2007: Durchschnittlich 300 Kameras verfolgen jedeN britischeN BürgerIn auf dem morgendlichen Weg zum Arbeitsplatz - tagtäglich. Jenna Kowalski zeichnet in ihrem Artikel ein düsteres Szenario digitaler und genetischer Überwachungsstrategien im Mutterland der Demokratie.
| Dieser Artikel erscheint im Rahmen einer Artikelserie der GRÜNEN JUGEND zum Thema "Datenschutz". Ziel ist es, einen facettenreichen Überblick zu Entwicklungen der vergangenen Jahre sowie aktuelle Tendenzen unter der Großen Koalition zu schaffen, um die Frage zu klären: "Wie sicher sind unsere Daten?" Die Texte beinhalten dabei lediglich die Position der jeweiligen AutorInnen. |
Es ist warm, ich trage ein Sommerkleid, der Wind spielt in meinem Haar ... und so weiter, ihr wisst schon. Gerade habe ich mir ein Minzvanilleeis gekauft und schlecke es nun vergnüglich, während ich über einen Platz schlendere, der recht hübsch ist und so sauber und einige Menschen sind auch unterwegs, oder sitzen auf weißen Stühlen am Rande. Die Sonne scheint, die Pflanzen sprießen und mir fällt eine Filmszene ein, in der jemand ein Taschentuch fallen ließ, damit es aufgehoben wird und eine Romanze beginnt. Dafür ist jetzt ein schöner Augenblick, also suche ich nach einem Taschentuch und schaue mich um. Gut, da kommen Leute auf mich zu, ich warte noch .. und jetzt lass ich es fallen.
"Müll gehört in die Tonne! Bitte heben Sie ihren Unrat wieder auf und entsorgen ihn im nächsten Behälter!" Ich dreh mich um. Die Stimme war hinter mir, es war eine Kinderstimme. Aber da ist niemand. Jetzt gehen PassantInnen an mir vorbei, schauen erst auf mein Taschentuch, dann mich an und dann nach oben und gehen einfach weiter. Niemand will mein Taschentuch aufheben. Während ich noch überlege, ob ich es selbst aufheben und ob ich es noch einmal probieren soll, wieder die Stimme in meinem Rücken: "Müll gehört nicht auf den Boden! Heben Sie ihr Taschentuch auf und werfen es in einen vorgesehenen Behälter!" Diesmal reagiere ich schneller und drehe mich um. Wieder nichts. "Sie begehen eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld in Höhe von 30€ geahndet wird." Jetzt schaue auch ich nach oben.
Hah! Es spricht eine Kinderstimme aus einer Kamera mit mir! Na gut. Ich erkläre ihr, dass ich keinen Müll wegwerfe, sondern versuche, jemanden kennenzulernen. Dann hebe ich mein Taschentuch auf, warte bis FußgängerInnen in Sicht sind und versuche es noch einmal. "Da Sie nicht mit uns kooperieren, schicken wir eine Person vom Wachdienst." Aha, das finde ich gut, die wird verstehen, dass ich keinen Müll wegwerfe, denke ich und bin genervt von der Stimme in meinem Rücken. Aber da ist auch schon der Wachdienst: "Sie haben gleich zwei Mal ihren Müll auf den Boden geworfen. Das macht ein Bußgeld in Höhe von 60€." Ich setze gerade an, zu erklären, da schallt es mir auch schon entgegen: "Die persönlichen Hintergründe Ihrer Tat interessieren uns nicht. Zusammen mit der Bearbeitungsgebühr sind 100€ fällig." Erschreckt von der Uneinsicht und dieser schroffen Stimme fällt mir mein Minzvanilleeis aus der Hand. "Für Speiseeis wird eine spezielle Reinigungsgebühr in Höhe von 50€ fällig."
Natürlich habe ich keine 150€. Und deswegen muss ich die Wachperson zu ihrer Arbeitsstelle, der Wache begleiten. So langsam verstehe ich die Welt nicht mehr. Ich wollte doch nur.. ach lassen wir das. Auf der Wache versteht mich auch niemand. Stattdessen wird mir eine DNA-Probe entnommen, weil ich in Zukunft ein Verbrechen begehen könnte. Aber wenigstens muss ich nicht da bleiben, weil nebenan im Strafgefängnis die Bundeswehr einmarschiert und eine Gefangenenrevolte niederschießt.
Wer diese Geschichte gelesen hat, denkt sicherlich an Utopie, an 1984 und ähnliches. Fakt ist leider, dass es viele dieser Dinge in Großbritannien bereits gibt: Über 4 Millionen Kameras überwachen Straßen und Plätze und es kommen laufend neue hinzu, Überwachungskameras, sprechende Kameras, auch mit Kinderstimmen, weil diese die Aufmerksamkeit besser auf sich lenken und bei Erwachsenen eher Scham und damit ein Unterlassen des unerwünschten Verhaltens bewirken. (Wer ein Taschentuch fallen lässt, wird tatsächlich vor einem Bußgeld gewarnt und läuft Gefahr, dass die Überwachungsbilder veröffentlicht werden, wenn nicht freiwillig gezahlt wird!)
In einer nationalen DNA-Datenbank sind bereits 1,5 Millionen Proben erfasst, im kommenden Jahr sollen über 4 Millionen Briten genetisch erfasst sein. Dabei wird zum einen vom britischen Premierminister dazu aufgerufen, seine Daten freiwillig erfassen zu lassen; zum anderen hat die Polizei die Möglichkeit, bei Festnahmen - auch wegen Bagatelldelikten - DNA-Proben zu entnehmen. Das Argument, das zu dieser Maßnahme berechtigen soll, findet ihr auch oben: Auch Unschuldige können später ein Verbrechen begehen. (Übrigens hat es auch die Anordnung eines Innenministers, die Armee in ein Gefängnis zu schicken um eine Gefangenenrevolte zu beenden, tatsächlich gegeben! Aber das ist eine andere Geschichte.)
Deutlich wird einmal mehr, dass Aufklärung an erster Stelle steht! Eine permanente Überwachung ist keine Utopie mehr, sie ist Realität geworden! Sie darf aber nicht völlig ausufern! Dazu müssen wir das Argument nichts zu verbergen zu haben endlich entlarven! Wenn alles offen liegt, und Privatsphäre ein Wort aus der Vergangenheit ist, werden viele aufwachen und verstehen, dass es doch viele Dinge gibt, die niemanden etwas angehen. Es liegt an uns, das rechtzeitig deutlich zu machen! Diese Arbeit liegt vor uns und sie endet auch nicht an der Landesgrenze!
Jenna Kowalski ist Beisitzerin im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND.


