"Wir hassen uns nicht, weil wir Kikuyu oder Luo sind!"
07.01.2008: Die Ausschreitungen in Kenia nach der Präsidentschaftswahl. Ein Artikel von Ramona Menke.
Die Menschen in Kenia wollen keinen Krieg! Sie wollen Demokratie! Die meisten sind überrascht von den gewaltvollen Ausschreitungen, bedauern, dass sie häufig ihren Nachbarinnen nicht mehr trauen können und die Angst vor einer Ausweitung des Mordens hat sie ergriffen. "Bürgerkrieg", "Völkermord" sind Worte, die da fallen. Rwanda ist nicht lang her und nicht weit von hier. Panik machte sich breit im Laufe der vergangenen Woche und schätzungsweise eine halbe Million Menschen haben sich derzeit fluchtartig in Bewegung gesetzt. Dass sich diese Ängste bestätigen, dass es tatsächlich zu Bürgerkrieg und Völkermord kommen wird, hält Afrikanistik-Professor Schicho an der Universität Wien für unwahrscheinlich(1). Seiner Einschätzung nach spielt die Ethnizität für die Ausschreitungen der letzten Tage eine zunächst untergeordnete Rolle. Primär richte sich die Wut gegen die Anhängerinnen der jeweils anderen Partei - oder eben auch gegen jene, die für solche gehalten werden. Da zu einem großen Teil die Anhängerschaft einer Partei mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppen zusammenfällt, wird im Zorn von der aufgebrachten Bevölkerung häufig nicht mehr unterschieden zwischen tatsächlicher Parteiunterstützung und "bloßer ethnischer Herkunft".
Nach Berichten der EU-Wahlbeobachterinnen ist es zu Vertreibungen und Behinderungen während der Wahl in Kenia nicht gekommen! Doch der Wahlkampf wurde hoch emotional geführt - und auch ethnische Unterschiede blieben nicht ausgeblendet. Dennoch hält Professor Schicho eine große Enttäuschung insbesondere der ärmeren Stadtbevölkerung über die unter der Regierung Kibakis gewachsenen Korruption und die zunehmende Konzentration von Macht und Einkommen bei der verhältnismäßig kleinen Elite zunächst für die Ursache der Ausschreitungen.
Proteste gegen eine korrupte Regierung Kibakis
Die Menschen hatten sich einen Wandel unter der Regierung Kibakis erhofft, der aber ausgeblieben war. Nun wollten sie ihn und seine Regierung deshalb abwählen. Dass sie dies entgegen Kibakis Behauptungen und des bisher offiziellen Wahlergebnisses auch tatsächlich getan haben, dafür spricht zum einen, dass bei der Parlamentswahl (die parallel zur Präsidentschaftswahl stattfand und regulär verlief!) viele bisherige Parlamentarierinnen abgewählt und einer neuen Generation von Politikerinnen das Vertrauen ausgesprochen wurde. Zum anderen verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Präsidentschaftswahl zu Gunsten von Mwai Kibaki gefälscht worden sind, der nach den Umfragen, in denen Raila Odinga führte, fürchtete, sein Amt räumen zu müssen.
Die Proteste in Kenia sind in erster Linie politische Proteste gegen die korrupte Regierung, gegen das gefälschte Wahlergebnis, für Demokratie und auch für Raila Odinga, der den Luo angehört. Ob es mit einer Regierung unter Leitung Odingas zu den ersehnten Veränderungen kommen könnte, hält Afrikaexperte Schicho für zweifelhaft. Nun sind in der Woche nach der Wahl jedoch Menschen ermordet worden. Und Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen, zu denen es vermehrt in den vergangenen Tagen gekommen ist, gehören nicht zu einem politisch demokratischen Protest und es soll an dieser Stelle keinesfalls die Gewalt eine Rechtfertigung finden. Es soll aber aufgezeigt werden, dass zwar der emotionale Wahlkampf nicht unabhängig von Fragen der Ethnizität geführt wurde und das starke Bewusstsein von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe die gewalttätigen Ausschreitungen in entsprechende Richtungen leitete. Es handelt sich jedoch nicht um einen primär rassistischen Kampf, der vielleicht für manche ausgebrochen zu sein scheint. "Wir hassen uns nicht, weil wir Kikuyu oder Luo sind! Wir hassen uns allenfalls, weil die großen Führer uns gesagt haben, wir sollten uns hassen."" Sagt die kenianische Menschenrechtlerin Gladwell Otieno. (2) In diesen Sätzen klingt an, dass die Herrscher afrikanischer Staaten, welche oft aus den afrikanischen Eliten stammen, die zu Zeiten der Kolonisation von den damaligen Verhältnissen noch am ehesten profitierten (3), häufig die Strategie der Kolonialmächte übernommen haben: Sie lassen gezielt die (ehemaligen) Konflikte zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen schüren, damit diese Auseinandersetzung ihre Aufmerksamkeit und Kraft beansprucht und nicht gegen die sie oftmals vernachlässigende Regierung aufbegehren.
Die Proteste friedlich fortführen
Es ist unerlässlich, dass Kenia seine politischen Proteste weiterführt - jedoch friedlich und mit Blick auf die Demokratie. In erster Linie natürlich, damit keine weiteren Menschenleben den gewalttätigen Ausschreitungen zum Opfer fallen. Enorm wichtig ist die Stabilität Kenias aber auch für die Ostafrikanischen-Binnenländer, für dessen Waren, die im Hafen von Mombasa umgeschlagen werden, Kenia als Transitland dient. Ihre Versorgung und damit Stabilität, sowie relative Ruhe hängt also mit der Situation in Kenia unmittelbar zusammen. Auch Trittbrettfahrerinnen Nutzen ihre Gunst der Stunde im Chaos, das in weiten Teilen des Landes, vor allem in den Städten herrscht: Sie Plündern und Rauben. Dies ist nicht gutzuheißen, doch sollte bedacht werden, dass dies vielleicht für viele Menschen ein Mal die Chance ist, satt zu werden! Lebensmittel und Petroleum zum Kochen sind dieser Tage knapp und die Preise haben sich verdoppelt - berichten Bewohnerinnen aus den Slums von Nairobi (4). Dies muss sich schnell ändern, bevor es noch mehr Ausschreitungen gibt.
Ohne also die Lage beschönigen oder frühzeitig Entwarnung verkünden zu wollen, gilt es festzuhalten: Die ersten Weichen zurück zur Stabilität in Kenia sind gestellt: Sowohl Odinga als auch Kibaki lassen nach und nach Redebereitschaft erkennen, Odinga ruft seine Anhängerschaft zu friedlichen Protesten auf und andere afrikanische Staaten schauen nicht weg: Friedensnobelpreisträger Tutu aus Südafrika z.B. reiste bereits für Gespräche nach Kenia und wirbt für John Kufuor, dem Präsidenten Ghanas, als Vermittler.
Und auch der Norden (alias Westen) zeigt einmal, dass es möglich ist, sich für einen drohenden Konflikt zu interessieren, bevor er unlösbar erscheint und nur noch der Schrei nach bewaffneten UNO-Truppen das Gewissen beruhigen kann. Doch trotz US-amerikanischer Gesandte und engagierte Telefonate von Steinmeier, die vielleicht doch nur ihre Verbündeten im Anti-Terrorkampf stärken wollen oder die Interessen von sonnen- und zebrabegeisterten Touristinnen im Sinn haben, sollte allen bewusst sein, dass der Schlüssel zu Frieden und Demokratie in den Händen der Kenianerinnen selbst liegt. Die nördliche Welt darf nicht wegschauen, aber auch nicht in paternalistischer Manier rumklugscheißen. Ihr Verhalten muss jetzt erkennen lassen, dass es ihnen wirklich um die Menschen, um Frieden und Demokratie geht und nicht um eigene Interessen, von denen sie meinen, dass die eine Regierung diesen eher zugewandt ist als die andere. Die Kenianerinnen gehen auf den politischen Wegen ihres Landes. Sie haben ein Interesse daran und müssen dafür Sorge tragen, dass aus Trampelpfaden für alle Kenianerinnen erkennbare und begehbare Wege werden, damit sie diese gern und gemeinsam ausbauen.
"Früher haben die Leute nie an zwei Tagen nacheinander den selben Weg zwischen Feld und Haus benutzt. Denn dann konnte dein Feind aus dem anderen Stamm wissen, wo er dich findet und dich erschlagen." Erklären mir Obongo und Angasa. Sie engagieren sich für Demokratie in Kenia. Mit ihnen verbrachte ich viel Zeit, als ich 2005 vier Wochen in einem Dorf im Westen Kenias zu Besuch war. "Heute gehen wir auch noch oft verschiedene Wege - alle sind daran gewöhnt. Aber wir müssen das eigentlich gar nicht mehr machen. Wir gehören zu verschiedenen Stämmen, aber wir leben hier friedlich zusammen. Kenia ist ein friedliches Land und wir mögen es!" Die Menschen in Kenia, ich bin davon überzeugt, wollen keinen Rassenhass! Sie wollen Frieden!
Ramona Menke, 22, studiert in Göttingen Religionswissenschaft und Soziologie.
Quellen
(1) Interwiev mit Prof. Schicho www.tagesschau.de/ausland/kenia148.html
(2) www.stern.de/politik/ausland/:Kenia-Aufstand-Habenichtse/606811.html
(3) vgl. Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde
(4) www.tagesschau.de/ausland/kenia164.html