Turbokuh (Foto: Florian Seiffert http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de [cc])

Patentierung von Leben - eine grausame Realität

16.04.2008: Krebsmäuse, Turbokühe - das Repertoire genmanipulierter Tierarten zeigt, in welchem Maß Wirtschaft und Forschung die Würde von Tieren mit Füßen treten. Ein radikales Umdenken ist nötig, meint Frederic Wendorf.

Massentierhaltung (Foto: Compassion in World Farming http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.de [cc])

Der Artikel ist Teil einer Serie der GRÜNEN JUGEND zum Thema „Wem gehört die Welt?“, in deren Zentrum die „Eigentumsfrage“ steht. Bis zum Bundeskongress im Mai wird es hierzu viele Kommentare und Aktionsberichte geben.

Freiheit, Selbstbestimmung? Dinge, die ein Tier wahrscheinlich niemals erlangen wird. Tiere besitzen schon lange nicht mehr das Recht, selbst zu entscheiden; auch nicht, wann und ob sie Nachwuchs zeugen wollen. Sie werden aus Profitgier dazu gezwungen: "Züchtung" nennt mensch das. Doch selbst hier macht die Menschheit nicht halt, sie möchte auch das letzte bisschen anderer Spezies besitzen, möchte bestimmen, wie diese Tiere auszusehen haben (wobei dies auch schon bei "normalen" Züchtungen passiert) und welche Eigenschaften sie besitzen. Genmanipulationen an Tieren sind nichts neues; dass die Wissenschaft genmanipulierte Tiere als eigene Erfindungen deklariert, auch nicht. Patente auf gentechnisch veränderte und somit "erfundene" Tiere wurden bereits 1992 angemeldet.

Keine Patente auf Tierarten!

Foto: notfellchen http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/deed.de [cc]

In diesem speziellen Fall handelte es sich um die so genannte "Krebsmaus". Diese "Erfindung" sollte der Krebsforschung helfen, da durch Genmanipulation eine Krebserkrankung garantiert war. Wissenschaftlich war die Krebsmaus ein Misserfolg, KrebsforscherInnen nahmen sie nicht an, weil eine Konzentration auf genetische Defekte bei einer Krebserkrankung ihrer Ansicht nach nicht ausreichend wäre. Trotzdem verhandelten bis zum Jahr 2004 Gerichte über eine Bestätigung des Patentes. Ursprünglich umfasste es nämlich sämtliche Säugetiere, die mensch genetisch verändert hat. Da hier also keine Grenze mehr gegeben worden wäre, klagten viele Organisationen. 2004 wurde es vom Europäischen Patentamt zwar auf alle "genetisch manipulierten" Mäuse beschränkt, faktisch war es dennoch die Erlaubnis, Tiere patentieren zu können.

Interessant ist, dass Tierarten laut dem Europäischen Patentübereinkommen (EPÜ) eigentlich nicht patentierbar sind, dennoch wurde selbst das Krebsmaus-Patent nicht aufgehoben. Bis zum Jahr 2007 sind bereits 200 weitere Patente auf Tiere angemeldet worden - auch hier ist bisher keine Revision in Sicht. Auch weitere Beschränkungen - genetisch veränderte Tiere sind dann nicht patentierbar, wenn sie unnötigem Leid ohne medizinischen Nutzen ausgesetzt sind - finden kaum Anwendung. Denn wo ist die Kontrollinstanz, wer ermittelt nachträglich das zugefügte Leid, wer erkennt bei einer "Neuerfindung" den medizinischen Nutzen? Ähnliche Beschränkungskriterien gelten bei anderen Tierversuchen (denn nichts anderes sind Genmanipulationen) und auch hier helfen sie den ausgenutzten und gequälten Tieren nicht.

Die Profitgier der Konzerne

Apropos medizinischer Nutzen: Das europäische Patentamt hat bereits ein Patent auf Milchkühe ausgestellt. Wo hier ein medizinischer Nutzen liegt, mag zu recht in Frage gestellt werden. Hier liegt das Augenmerk wohl eher auf einem finanziellen Nutzen, nicht mal zum Nutzen vieler, sondern einiger weniger. Diese so genannten "Turbokühe" geben und produzieren durch Züchtung und Manipulation mehr Milch als normale Kühe. Monsanto und andere erhoffen sich hierdurch, schneller und preiswerter an das Produkt Milch zu kommen. Die Kühe sind ihnen natürlich herzlich egal: Euterentzündungen, Trennung der Eltern von ihren Kindern und Massentierhaltung. Noch größeres Leid, als eh schon ihren übrigen Artgenossinnen bevorsteht.

Ein weiteres Beispiel sollen die 2005 angemeldeten Patente auf Schweinerassen sein: Monsanto wollte hier Tiere patentieren lassen, die weder genetisch manipuliert, noch durch Züchtungen verändert wurden. Monsanto führte einzig genetische Untersuchung durch, "erfand" also diese Schweinerassen erwiesenermaßen nicht neu. Der einzige Nutzen für sie: Diese Schweinerassen produzieren mehr Fett, helfen Monsanto, schneller Fleisch auf den Markt werfen zu können. Die genetische Untersuchung sollte Monsanto also den Vorteil vor anderen ZüchterInnen sichern. Kein medizinischer Nutzen, den das Patentamt immer betont, keine Erfindung, die ein Patent vielleicht noch rechtfertigen würde. Somit sind selbst natürlich geborene Lebewesen vor einer Patentierung nicht mehr sicher.

Fundamentale Bewusstseinsänderung

Mensch könnte noch lange weiter erschreckende Beispiele aufzählen, wo Leben bereits patentierbar ist und auch schon patentiert wurde, doch wichtiger finde ich den Umgang der Menschen, der KonsumentInnen mit eben dieser Erkenntnis:

Vegan und lecker (Foto: Harris Graber http://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/deed.de [cc])

In unserem Konsum muss es ein radikales Umdenken geben. Natürlich dürfen wir keine Genmanipulation durch Kauf der Produkte fördern, doch müssen wir uns zusätzlich überlegen, ob wir weiter den Konsum von Tierprodukten fördern möchten. Denn solange Tiere einzig und allein eine Produktionsstätte unserer Nahrung bleiben, solange wird es auch immer wieder Bestrebungen der Industrie und der Wissenschaft geben, durch Veränderungen schneller, billiger und gewinnbringender diese "Produkte" auf den Markt zu bringen. Es darf nicht reichen, "artgerechtere Tierhaltung" und "artgerechtere Produktion" von Tierprodukten zu fordern und zu unterstützen, denn dies stellt keine Lösung des Problems dar. Die Wirtschaft wird erst dann Ruhe geben, wenn das Interesse an Tierprodukten verschwunden ist. Ein Verzicht auf Produkte tierischen Ursprungs würde also den genetischen Missbrauch und ein Sterben der Artenvielfalt vielleicht noch früh genug stoppen.

Darf der Mensch Leben patentieren? Darf der Mensch andere Lebewesen nach eigenem Ermessen manipulieren, ihnen Leid zufügen, nur um die eigene Experimentierfreudigkeit ausleben zu können? Um schneller Fleisch und Milch für die unstillbare Gier des Menschen zu "produzieren"? Meines Erachtens ist die Zeit zum Umdenken angebracht, nicht nur zum Schutz der Einzigartigkeit von Erbgut, Pflanzen, Tieren und Menschen, auch zum Schutz des Lebens von Mensch und Tier.

Frederic Wendorf ist Koordinator des Fachforums Mensch und Tier. Er ist bei der Grünen Jugend Berlin aktiv und lebt natürlich (wohlgenährt) vegan.