Der 27. Januar 2010: Gedenken.

27.01.2010: Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie des Fachforum Demokratie und Antirassismus. Heute mit einem Artikel von Alexandra Blöcker zur Gedenkkultur.

Gedenken - was bedeutet das für mich? Und für Dich? Was bedeutet es, wenn die ganze Welt gedenkt oder vielmehr gedenken soll? Was wird gedacht, wenn in einer Schweigeminute gedacht werden soll? Wem möchte ich zuhören, während ich gedenke? Und wie offiziell kann Gedenken sein?

Der internationale Holocaust-Gedenktag am 27. Januar soll zunächst einmal, so lässt das Datum vermuten, dem Tag der Auschwitz-Befreiung eine besondere Bedeutung zukommen lassen. Denken sollten wir aber vielleicht auch an die Tage vor dem 27. Januar 1945; die Tage, Wochen, Monate und Jahre vor der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau. Ja, vielleicht sogar an die Zeit danach, den Auschwitz-Prozess, gelungene und misslungene Erinnerungspolitik und -Kultur.

Zunächst einmal ließe sich festhalten, dass das Gedenken in vielen Ländern institutionalisiert wurde. In Deutschland initiiert der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Holocaust-Gedenktag im Jahre 1996. Seither versammeln sich alljährlich die Bundestagsmitglieder am 27. Januar und gedenken den Opfern des Holocaust. Neun Jahre später rufen die UN das Datum zum internationalen Gedenktag aus. In Israel wurde im Jahr 1951 der Holocaust-Gedenktag gesetzlich festgelegt, jedoch nicht auf den 27. Januar.

Individuelles und kollektives Gedenken

Vielleicht trifft in Berlin oder anderswo bereits am 26. Januar jemand auf einen Stolperstein, hält inne und gedenkt. Vielleicht sitzt am 27. Januar ein/e Schüler/in in einer der wenigen schulischen Gedenkveranstaltungen und freut sich, dass der reguläre Unterricht gerade nicht stattfindet.

Wann, wo und wie gedenken? Das musst Du selbst entscheiden. Gedenktage können eine Hilfe und einen Anlass bieten. Dort, wo sie einen Großteil der Gesellschaft erreichen, dort kann ein Gedenktag zugleich das Gefühl von Zusammenhalt und Trost bieten. Dort, wo ein Großteil das Datum eher an die noch zu bezahlende Miete erinnert, dort kann ein Gedenktag Wut und Verzweiflung auslösen. Beides ist legitim. Doch vergessen werden sollte nicht. Daran muss erinnert werden, es darf nie vergessen werden.


Wann Deutschland gedenkt

Vor 1996, also vor der Schaffung eines offiziellen Gedenktages, gab und gibt zudem der 9. November Anlass zum Gedenken. Mal mehr und im vergangenen Jahr – als der Mauerfall einen runden Geburtstag feierte - offensichtlich weniger wird an diesem Tag getrauert und erinnert: Am 9. November 1938 ergab sich durch die Novemberpogrome eine erschütternde Zäsur in der Politik der Nationalsozialisten - und im antisemitischen und gewaltbereiten Verhalten der Gesellschaft; siehe auch: [http://www.gruene-jugend.de/themen/rechtsextrem/630073.html]


Wann Israel gedenkt

Auch in Israel existiert selbstverständlich nicht ein einziges „Gedenkkonzept“, an das sich alle halten. Ich habe in Israel eine Dame besuchen dürfen, Hannah, die 1945 ins damalige Palästina einwanderte und nun insbesondere an vier Tagen im Jahr der Shoa (synonym für Holocaust, hebräisch für „Katastrophe“) gedenkt.


9. November, Novemberpogrome

Am 9. November nahmen wir gemeinsam mit vielen so genannten „Jekken“, den aus Deutschland eingewanderten Juden/Jüdinnen, an einer Gedenkzeremonie in Yad Vashem, der nationalen Shoa-Gedenkstätte teil.


Ende Dezember/Anfang Januar: 10. Tewet, Gedenktag für die Toten ohne Todesdatum

Dies ist ein religiöser Gedenktag, der früher den Familien von z.B. verstorbenen SeefahrerInnen einen Trauertag bieten sollte. Doch da bei vielen Todesopfern der Shoa ebenfalls kein Todesdatum ermittelt werden kann, wird z.B. in der Synagoge von Hannah auch für jene Menschen gebetet.


27. Januar, internationaler Holocaust-Gedenktag, Tag der Auschwitz-Befreiung

Hannah war verwundert, als ich ihr erzählte, dass dies der offizielle Gedenktag in Deutschland und der Welt sei. Für sie als Jekkin sei der 9. November viel bedeutsamer. An der Gedenkzeremonie in Yad Vashem nahm sie nicht teil, dafür viele internationale Gäste.


Im April: Yom HaShoa, der Tag des Gedenkens an die Shoa

Die Fernsehsender zeigen ununterbrochen Dokumentationen, im Radio erklingen Trauerlieder, Veranstaltungen finden im ganzen Land statt und für drei Minuten steht der sonst nie anhaltende Verkehr still. Für Menschen, die diesen Tag zum ersten Mal in Israel erleben, ist es überwältigend und vor allem unvergleichbar.

Wie kann und wie soll es weiter gehen?

Wir werden sehen, wie in diesem Jahr „erinnert“ und wie vielleicht auch vergessen wird. In Deutschland wie in Israel nehmen die Überlebenden der Shoa eine naturgemäß besondere Rolle ein - sie berichten von ihren schrecklichen Erlebnissen. In Israael wie in Deutschland ist ungeklärt, wie angemessenes Gedenken aussehen wird, wenn die erste Generation nicht mehr berichten kann. Umso stärker obliegt es dann uns, an die Bedeutung solcher Gedenktage zu erinnern.

Im Blog der GRÜNEN JUGEND gibt es zudem ein Streitgespräch zwischen Fritz Marquardt und Alexandra Blöcker.

[http://blog.gruene-jugend.de/archives/2337]

Alexandra Blöcker, Aktion Sühnezeichen Friedensdienst-Freiwillige 08/09 u.a. in Yad Vashem