Wahn der Normalität - eine Kritik am Deutschen WM-Nationalismus
22.06.2010: Morgen ruft die GRÜNE JUGEND zu einer Demonstration gegen den § 90a StGB und den Fußball-Nationalismus auf (wegmit90a.blogsport.de/). Anlässlich der Demo gibt es diese Woche eine Artikelserie zum Thema Patriotismus und Nationalismus. Den Auftakt macht ein Artikel von Christoph Müller, Adrian Oeser und Maximilian Pichl. Dieser ist zuerst auf npd-blog.info/2010/06/21/der-wahn-der-normalitat/ erschienen.
„Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“ (Theodor W. Adorno 1972)
Wo man auch hinguckt dieser Tage in Deutschland, überall zeigt sich das gleiche Bild: An den Autos wehen die Fahnen in schwarz-rot-gelb, aus vielen Fenstern ist die Deutschlandfahne gehängt, es gibt Gummibärchen in den Farben der Nation und manche schmücken gar ihr Gesicht mit dem nationalen Kitsch. Niemanden kann es entgangen sein: Die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer hat angefangen. Aller Orts zeigen sich die Fans der deutschen Fußballmannschaft, oder sind es doch nur Fans der Nation?
Diejenigen, die dieses Abfeiern von Deutschland kritisieren wird sofort Miesmacherei vorgeworfen. Der neue deutsche Patriotismus sei unverkrampft (Horst Köhler) und hätte nichts mit Nationalismus oder Rassismus zu tun. Aber gerade weil dieser Patriotismus nett und unpolitisch daher kommt, muss er kritisiert werden. Im Mittelpunkt steht nämlich auch weiterhin: die inhaltslose Zugehörigkeit zu Deutschland als Nation und damit einhergehend das Ausgrenzen anderer.
Ein positiver Bezug auf eine Nation, egal welche, ist immer negativ. Ein nationales Wir-Gefühl braucht immer auch ein Feindbild. Die Soziologie spricht dabei von Inklusion und Exklusion, jede Bildung einer nationalen In-Group, bildet auch eine Out-Group, der Zusammenhang von Nationalismus und Rassismus ist unumstritten. Jeder positive Bezug auf eine Nation, braucht aber auch eine historische Basis und deshalb ist der deutsche Nationalismus speziell.
Dieser wird als Widerstand gegen ein vermeintliches Verbot formuliert. Aussagen wie „Wir sind wieder wer“ oder „Endlich können sich die Deutschen zu ihrem Land bekennen“ deuten auf diese Einzigartigkeit im deutschen Diskurs hin. Dabei ist der deutsche Patriotismus, auch nach 1945, nichts Neues. Im Rückblick wird die WM 1954 als eine Art „Erweckungsmoment“ für die deutsche Nation angesehen. Mit dem Sieg gegen Ungarn im Finale der WM, hätte Deutschland sich wieder in der Welt bewiesen. Einig sangen damals die Fußballfans die erste Strophe der Nationalhymne:
„Den Deutschen aber bricht das Lied aus der Brust, unwiderstehlich. Soweit ihnen die Tränen der Freude nicht die Stimme im Hals ersticken, singen sie alle, alle ohne Ausnahme, das Deutschlandlied. Niemand, auch nicht ein einziger, ist dabei der von ‘Einigkeit und Recht und Freiheit’ singt. Spontan, wie aus einem einzigen Munde kommend, erklingt es „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt. (vgl. Ortmeyer, Benjamin; Argumente gegen das Deutschlandlied, Frankfurt am Main)
Ist Nationalismus normal?
Mit der Wiedervereinigung der beiden geteilten deutschen Staaten 1990 kehrte Deutschland zu einem „Normalzustand“ zurück. Auch damals ging der deutsche Nationalismus mit Rassismus und Ausgrenzung einher. Die rassistischen Pogrome gegen AsylbewerberInnen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda wurden nicht nur von Neonazis begangen, sondern zudem von tausenden schaulustigen Deutschen beklatscht. Die Politik reagierte, inmitten der rassistisch aufgeladenen Stimmung, mit der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl.
Heutzutage versucht der deutsche Patriotismus ahistorisch und unpolitisch zu sein. Tanzend und grölend wird beim kollektiven Public Viewing „die eigene Mannschaft“ angefeuert und darauf gehofft, dass am Ende in allen Zeitungen steht: „Wir sind Weltmeister“. In diesem Jahr konnte sich der deutsche Nationalismus bereits ein paar Wochen vor der Fußball-WM seine Bahn brechen. Die Hannoveranerin Lena Meyer-Landruth gewann nach über 20 Jahren für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Bei ihrer Dankesrede am Abend des Grand Prix schrie Lena „This is absolutely awesome“ und zog sich die Deutschland-Fahne über den Kopf. In diesem Moment schien der Mensch Lena Meyer-Landruth mit der Nation Deutschland zu verschmelzen, sie hat jetzt alle Massen auf ihrer Seite und wird bei ihrer Rückkehr in Hannover von tausenden Deutschland- und Lena-Fans begrüßt. Sie begrüßt die Menschen mit: „Ich liebe Deutschland“ und meint zu den Fans „Ihr seid doch alle verrückt“. Womit sie nicht ganz unrecht hat.
Lena steht für Unbeschwertheit und einen „unverkrampften Umgang“ mit der eigenen Nation. Sie repräsentiert das neue und junge Deutschland, welches in der Welt selbstbewusst und cool daherkommen will. Der positive Bezug auf Lena kann als neues Phänomen deutscher Nationalitätseuphorie gesehen werden. Lena, als Hehrzeigeprodukt der Kulturindustrie verneint durch ihre „Natürlichkeit“ von vorneherein jede Kritik: sie ist wie sie ist, wie Deutschland ist. Dabei soll nicht die Künstlerin Lena von unserer Seite aus kritisiert werden, sondern die nationale Instrumentalisierung ihrer Person.
Auch bei der Fußball-WM schlägt dieser Nationalismus erneut durch. Die These, dass die Deutschtümelei zur Fußball-Männer-WM nichts mit Nationalismus und schon gar nichts mit Rassismus und Antisemitismus zu tun habe, widerlegt auch die Empirie.
Nationalistischer eingestellt
Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit acht Jahren die Entwicklung menschenfeindlicher Einstellungen in Deutschland. Anhand von repräsentativen Umfragen vor und nach der Fußball-WM 2006 fand er heraus, dass die Deutschen nach der Fußball-Weltmeisterschaft „nationalistischer eingestellt“ waren als vorher. Und weiter: ,,Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.“ Den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Rassismus habe der „Party-Patriotismus“ nicht aufgebrochen.
Heitmeyers Ergebnisse sind bemerkenswert und zeigen eindeutig, dass die Kritik an der Deutschtümelei nichts mit plumper „Miesmacherei“ zu tun haben, sondern extrem wichtig sind.
Dabei sind die Möglichkeiten der quantitativen Sozialforschung, wie sie Heitmeyer betreibt, begrenzt, wenn es darum geht Phänomene, wie Rassismus und Antisemitismus nachzuweisen. Denn in den Umfragen kann man nur jene Einstellungen quantifizieren, die beim Befragten bewusst an der Oberfläche sind. Rassismus und Antisemitismus zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie oftmals unbewusst und Affekt-gehemmt sind. Das heißt, dass sie latent vorhanden sind und erst durch einen Reiz an die Oberfläche gespült werden.
Schlechte Gewinner…
Wer sehen will, wie affekt-gehemmter Antisemitismus und Rassismus an die Oberfläche dringt, sollte die neuen Feste der Nation im Social Network, auf Facebook, Twitter oder youtube verfolgen.
Wie schon beim bereits erwähnten Eurovision Song Contest: Lena Meyer-Landrut liegt mit 60 Punkten Vorsprung bereits weit vorne. Dann die Wertung aus Israel – null Punkte für Lena. Die Reaktionen im Social Network lassen nicht auf sich warten. „Israel, scheiß Juden“, „Da hat Lena wohl zu viel Gas gegeben“ und „Die Juden sind immer so nachtragend“ sollen nur exemplarisch genannt sein, für hunderte Twitter-Nachrichten im antisemitischem Ausbruch.
Ähnliches war zu beobachten, nachdem bekannt wurde, dass der Mittelfeldspieler Michael Ballack nach einem Foul von Kevin-Prince-Boateng für die Fußball-WM 2010 ausfallen würde. Boateng ist Schwarz, weshalb das Foul an Ballack offensichtlich als Reiz fungierte und die gerade noch „unpolitische und unverkrampfte Vorfreude auf die Fußball-WM“ ihre rassistische Fratze zeigte. Innerhalb von Sekunden gründeten sich auf Facebook Gruppen, wie „Kevin-Prince Boateng – gib deinen deutschen Pass ab!“ und „82.000.000 gegen Boateng!!!“. Darin forderten die Mitglieder, man solle Boateng und am Besten gleich seine ganze Familie abschieben, ihn verbrennen oder ihn „unten herum alles abschneiden“.
Denkt man den unbewussten, erst durch einen Reiz an die Oberfläche dringenden, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus zu Heitmeyers quantitativen Ergebnisse hinzu, wird das destruktive Potenzial der Deutschtümelei bei Musik-Contests und Sportereignissen deutlicher.
Grüner Patriotismus?
Auch in grün-linken Diskursen scheint der Ruf nach einem neuen Patriotismus lauter zu werden. Robert Habeck, grüner Chef der Landtagsfraktion aus Schleswig-Holstein, fordert in seinem neuen Buch einen linken Patriotismus. Gegenüber der taz erklärt er:
„Man kann nicht Gesellschaft verändern, wenn man im Kern das Gefühl hat, man muss gegen die Gesellschaft sein. Daran ist unter anderem Rot-Grün gescheitert. Das Pathos ging verloren. Es geht darum, Ziele anzugeben, mit denen man ein Wir-Gefühl erzeugen kann - das nicht mit nationalstaatlichen, geografischen Grenzen zusammenfallen muss.“
Die Frage ist, wie sich Habeck diesen Patriotismus ohne nationalstaatliche und geografische Grenzen vorstellt. Er liefert dafür keine Antwort. Sein „Wir-Gefühl“ bleibt nebulös. Habeck meint, dass Patriotismus mit demokratischem Pathos gleichzusetzen sei. Aber wer entscheidet darüber, wo die Grenzen liegen zwischen einem demokratischen Pathos und der antidemokratischen Gegenthese. Die Konstruktion eines „Wir-Gefühls“ geht stets mit der Konstruktion eines „Anderen“ einher. Zudem zeigen Großveranstaltungen wie die WM, dass der „unpolitische“ Patriotismus zur Absicherung des Status Quo führt bzw. der herrschen Politik die Möglichkeit lässt unliebsame Gesetze ohne Widerstand auf den Weg zu bringen. Während der WM 2006 erhöhte die Große Koalition die Mehrwertsteuer und nun, vier Jahre später, wird just zur nächsten WM ein unsoziales Sparpaket von der schwarz-gelben Regierung auf den Weg gebracht. Aber die Fans können es sich ja mit Bier und Deutschlandfahne beim Public-Viewing gemütlich machen. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bringt es auf den Punkt. Was für den Fußball gilt, gelte auch für die Deutschen: man müsse zusammen halten, den Teamgeist spüren, um etwas zu erreichen. (Quelle: HR3). Klar, dass man dann nicht gegen Staat und seine Politik sein darf.
Während der WM 2006 beschloss die Große Koalition die Mehrwertssteuer zu erhöhen, jetzt stehen Kürzungen beim Wohngeld und Hartz IV an. Es scheint, die Regierung hat unpopuläre Entscheidungen, die massiven sozialen Kürzungen, bewusst in die Zeit der Fußball-Männer-WM gelegt, damit sie und die Proteste dagegen weniger Aufmerksamkeit erfahren. Im kollektiven Wahn des ganz normalen Nationalismus scheint diese Politik gegen die Menschen tatsächlich unterzugehen.
Christoph Müller studiert Sozialwissenschaften an der Leibniz-Universität in Hannover. Maximilian Pichl studiert Rechtswissenschaften an der Goethe-Uni Frankfurt am Main. Adrian Oeser studiert Politikwissenschaft und Pädagogik an der Goethe-Uni Frankfurt am Main.