Stoppt den Castor!

16.05.2005: Die Castoren rollen bald wieder! Hier Informationen zum Stand der Dinge, dem Hintergrund der Transporte und mit Tipps, wie man sich aktiv dem Castor widersetzen kann.

Drei Six-Packs auf Reisen. Auf Grund von Polizeidienstplänen wissen wir es jetzt ziemlich sicher: Von Ende Mai bis Mitte Juni sollen die 18 Castoren aus dem stillgelegten Forschungsreaktor Rossendorf bei Dresden ins westfälische Brennelemente"zwischen"lager Ahaus (BZA) verbracht werden. Erstmalig sind die Verantwortlichen dabei auf die wahnwitzige Idee gekommen, die strahlende Fracht nicht auf der Schiene, sondern auf der Autobahn 600 km weit durchs Land zu schicken. Da man jedoch nicht über genügend LKW-Anhänger mit Spezial-Stoßdämpfern verfügt kann die Fuhre nicht wie üblich auf einen Rutsch erledigt, sondern muss auf drei Transporte mit jeweils sechs Castoren aufgeteilt werden. Da die leeren LKWs immer wieder zurück nach Dresden pendeln müssen, ergeben sich insgesamt fünf Transporte in einem Zeitrahmen von mindestens zwei Wochen. Dadurch eröffnet sich eine ungeahnte Vielzahl an Blockade- und Protestmöglichkeiten!

Die Widerstandsstrategie

Gruppierungen aus dem ganzen Bundesgebiet mobilisieren bereits gegen die Transporte. Das Ziel ist es, diesen unverantwortlichen Atommülltourismus mit einer großen Anzahl von friedlichen, vielfältigen Aktionen in Dresden und Ahaus, sowie entlang und auf der Transportstrecke zu verhindern. Wenn es uns auch nicht gelingen mag, die Transporte gänzlich zu stoppen, so trägt doch jede Verzögerung und jede Aktion dazu bei, ihre politische Durchsetzung schwieriger zu machen. Das NRW-Innenministerium rechnet bislang allein für NRW mit Sicherungskosten von 50 Millionen Euro. Angesichts des wachsenden Unmutes über den langsamen Atomausstieg bzw. die Abkehr davon (Ausbau der Urananreicherungsanlage in Gronau!) ist mit ähnlich großen Protesten zu rechnen wie beim letzten Castortransport nach Ahaus im Jahre 1998. Damals gingen allein in Münster 10.000 Menschen auf die Straße. Das "Zwischen"lager Ahaus ist neben Gorleben das zweite Atomklo Deutschlands. Sorgen wir gemeinsam für wendländische Zustände in Westfalen!

Die Transportstrecke

Die Castoren können ab Dresden über zwei verschiedene Routen fahren, eine nördliche über Hannover oder eine südliche über Kassel. Für NRW bedeutet dies konkret:

  • Südliche Strecke: A44: Warburg - Paderborn - Soest - Unna - A1: Dortmund - Kamen - A2: Lünen -Recklinghausen - Herten - Gelsenkirchen - Gladbeck - Essen - Bottrop - A31: Dorsten - Coesfeld - Ahaus
  • Nördliche Strecke: A2: Bad Oeynhausen - Herford - Bielefeld - Gütersloh - Hamm - Kamen (weiter s. Variante 1)

Wenn die Castoren auch bei Euch zuhause vorbeifahren, überlegt Euch doch, ob ihr nicht z. Bsp. auf einer Autobahnbrücke oder einer Raststätte eine Mahnwache veranstalten oder einfach auf einer Wiese neben der Autobahn zelten wollt! Die Aufmerksamkeit einer Hundertschaft ist Euch gewiss, selbst wenn der Castor eine andere Strecke wählt.

Genauere Infos zum Streckenverlauf findet Ihr unter www.wigatom.de

Das Castor-Camp in Ahaus

Dieses zentrale Widerstandscamp wird gemeinsam von der BI Ahaus, der WigA Münster und der Grünen Jugend Münsterland organisiert. Für Essen, Toiletten, ein großes Grüne-Jugend-Zelt etc. ist also gesorgt!

Los geht´s am Samstag, den 28. Mai 2005 mit einem großen Auftaktkonzert. Wichtig ist ein starker Beginn der Proteste, damit sich über die zwei Wochen eine aufschaukelnde Dynamik entwickelt! Wir werden die ganze Zeit vor Ort sein, um eine Anlaufstelle für Junggrüne aus dem ganzen Bundesgebiet zu bieten. Also packt Eure Zelte, Instrumente, Transparente, Badehosen usw. ein, kommt nach Ahaus und lasst uns gemeinsam ein tolles, buntes Sommer-Protest-Polit-Happening aufziehen!

Während der X-Wochen wird es in Ahaus eine Hotline der BI Ahaus geben mit Infos zu Treffpunkten, Camp, Aktionen etc.: 02561-961799

Der Hintergrund

Das auf Grund des Ausstiegskonsens geänderte Atomgesetz sieht eine standortnahe Lagerung von Atommüll vor, d.h. dass Atomkraftwerke ihre strahlenden Hinterlassenschaften seitdem vor Ort lagern müssen. Eine sinnvolle Lösung, denn dadurch konnte die Zahl der gefährlichen Castortransporte stark verringert werden. Die Städte, die viel Geld mit "ihren" AKW´s verdienen, können nun nicht mehr den Atommüll nach Gorleben und Ahaus "entsorgen". Plötzlich entdeckten auch CSU-Lokalpolitiker, dass Atommüll vor der eigenen Haustür gefährlich ist. Dummerweise wurde beim Atomkonsens der Müll aus Forschungsreaktoren "vergessen" - angeblich auf Druck der SPD. Durch diese Lücke im Atomkonsens werden die Transporte aus Rossendorf erst möglich. Eigentlich wollte die sächsische CDU-Landesregierung die Rossendorf-Castoren bereits Anfang 2004 ohne viel Aufsehen und mit Billigung der rot-grünen NRW-Landesregierung nach Ahaus schaffen. Umfangreiche Protestaktionen (z. Bsp. der Autobahnaktiontag am 8.02.04., krass berichtete) und ein Aufbegehren der Münsterländer Kreisverbändemachte den Mächtigen einen Strich durch die Rechnung. Daraufhin besann sich die Düsseldorfer Koalition, entfachte einigen medialen Wind und klagte gegen die Transportgenehmigung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), welches dem grünen Bundesumweltministerium untergeordnet ist. Zwar hatte noch nie irgendeine Landesregierung einen solchen Schritt unternommen, dennoch blieb der Protest halbherzig, denn die entscheidende Klage gegen die Einlagerungsgenehmigung in Ahaus unterblieb. Stattdessen einigte man sich nach dem Scheitern der Transport-Klage mit der sächsischen Landesregierung darauf, dass die Castoren erst nach der Landtagswahl in NRW rollen sollten, um die Glaubwürdigkeit des grünen Koalitionspartners nicht mitten im Wahlkampf zu belasten.

Behilflich bei dieser Regelung war einmal mehr Bundesumweltminister Jürgen Trittin, der die Transportgenehmigung dafür problemlos um ein Jahr verlängerte. Hatte er noch 1999 den Ahausern versichert, dass er keinen Anlass für die Rossendorf-Transporte sehe, erwies er sich einmal mehr als kampfesmüder und machtloser Vollstrecker vermeintlicher juristischer Sachzwänge. Politischer Gestaltungswille, Initiative auf Grund grüner Parteitagsbeschlüsse? Fehlanzeige!

Dabei ist dieser Transport nicht nur immens teuer und unverantwortlich - es fahren in den ungetesteten Castoren ca. 2 kg Plutonium mit - sondern überdies noch so unnötig wie ein Kropf! Denn in Rossendorf lagern die Castoren in einer Halle mit unbefristeter Genehmigung, die sicherer gebaut ist als das Ahauser Zwischenlager! Zudem müssen die Castoren nach spätestens 40 Jahren zurück nach Rossendorf!

Es bleiben zwei bittere Erkenntnisse:

1. Mit diesem Atomkonsens ist der Atomausstieg noch lange nicht gesichert. Im Gegenteil, derzeit erleben wir einen Richtungswechsel, denn mit der UAA Gronau wird erstmals seit dem Regierungswechsel wieder eine Atomanlage in Deutschland ausgebaut - 15 km von Ahaus entfernt. CDU / FDP haben zudem im Falle eines Regierungswechsels 2006 den Bau neuer AKW´s angekündigt.

2. Auch grüne Spitzenpolitiker rühren sich in Sachen Atom erst dann, wenn sie Druck von unten bekommen. Für den könnt ihr im Mai in Ahaus sorgen!

Tim Rohleder (29) ist Ratsherr in Münster und Geiger der Band Fargow. Neben der Anti-Atompolitik sind seine Schwerpunkte die Sozial- und Kulturpolitik.