"Ich muss bei Problemen den Kopf hinhalten"

20.10.2005: Jürgen Trittin spricht im Interview über die neue Verantwortung für gleich zwei Ministerien, über die Aufgaben der Grünen in der Opposition und seine fehlgeschlagene Kandidatur als Fraktionsvorsitzender.

Jürgen, du hast nach dem Rücktritt von Renate Künast als Ministerin ihr Ressort bis zur Wahl der neuen Regierung mit übernommen und jetzt einiges zu tun. Wie kommst du klar mit deiner Rolle als Superminister für Umwelt, Naturschutz, Reaktorsicherheit, Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft?

Dass die Grünen Häuser gut geführt wurden, ist inzwischen allgemein bekannt: In beiden Ministerien arbeiten eingespielte Teams. Auf das Team von Renate Künast kann ich mich genauso verlassen, wie auf mein eigenes. Ich übernehme deshalb Verantwortung nur in dem Sinne, dass ich in der Öffentlichkeit stehe und bei eventuellen Problemen meinen Kopf hinhalten muss.

Lange wirst du aber nicht mehr Superminister sein. Der nächste Umweltminister wird wohl Sigmar Gabriel, der bislang nicht durch umweltpolitisches Engagement aufgefallen ist. Hältst du ihn persönlich für das Amt geeignet und was erwartest du allgemein von der schwarz-roten "Albaner-Koalition"?

Eines habe ich mir fest vorgenommen: Ich werde die Arbeit dieser schwarz-roten Koalition erst kommentieren, wenn vorliegt was sie erreichen wollen. Das gebietet die politische Fairness und Seriosität. Auch jemand der wie Sigmar Gabriel neu in ein solches Amt kommt hat das Recht und den Anspruch darauf, erst im Lichte der Koalitionsvereinbarungen und einer Schonfrist von 100 Tagen beurteilt zu werden.

Wir Grüne haben als Opposition jetzt drei Aufgaben zu erfüllen: Als erstes müssen wir verhindern, dass es eine Rückentwicklung gibt. Dies gilt besonders für den Verbraucherschutz und im Hinblick auf die geplante Stilllegung von Atomkraftwerken. Die zweite Herausforderung ist es, Antworten auf die dringenden Zukunftsfragen zu finden und drittens diese in die politische Debatte einzubringen und mehrheitsfähig zu machen. Da wir unsere Aufgaben ernst nehmen werden, verspreche ich der schwarz-roten Koalition eine muntere, grüne Opposition.

Sven Kindler im Gespräch mit Jürgen Trittin

Rot-Grün, Jamaika, Schwarz-Grün, Rot-Rot-Grün. Für Grüne ergeben sich, wie mensch auch auf dieser BDK hört, anscheinend unzählige Möglichkeiten. Aber welche Möglichkeiten für Regierungsbeteiligungen sind denn langfristig überhaupt realisierbar und sinnvoll, um grüne Politik durchzusetzen?

Im Grunde handelt es sich dabei nur um rechnerische Beispiele, bei denen man Farben wie bei einem Kartenspiel nebeneinander legt. Das hat mit Politik wenig zu tun. Wir Grüne werden die Koalitionsmöglichkeiten danach zu beurteilen haben, mit welchen Partnern es möglich ist, für die Länge einer Legislaturperiode stabile Mehrheiten zu Fragen zu organisieren, bei denen Grüne auch Mehrheiten in der Bevölkerung haben.

Das heißt folgerichtig auch, dass wir mit einer Partei, die sich die Positionen der Deutschen Industrie und Handelskammertages zur Abschaffung des Umweltschutzes in Deutschland zu Eigen macht, wie es die FDP tut, keine Koalition eingehen können. Inhalt geht vor. Das ist unser Grundsatz für Koalitionsoptionen. Wer mit uns für eine gerechte Globalisierung, eine Strategie "Weg vom Öl", für mehr Bildung und soziale Gerechtigkeit streiten will, der ist für uns ein potentieller Koalitionspartner. Im Ergebnis heißt das, dass wir aufgrund mehrerer Aspekte bei den anstehenden Landtagswahlen eher mit den Sozialdemokraten als mit anderen Parteien zusammenarbeiten werden, wenn sich Koalitionsmöglichkeiten ergeben. Ich betone noch einmal, bei grüner Politik geht es um Inhalte und nicht um Farben. Farben sind sowieso nur eine Frage des jeweiligen Modesommers.

Jürgen, du hast dich ja für das Amt des Fraktionsvorsitzenden in der Bundestagsfraktion beworben. Dafür hat es nicht ganz gereicht. Fühlst du dich trotzdem geehrt, dass unser Bundessprecher Stephan Schilling dich als "Lieblingskandidat der Grünen Jugend" bezeichnet hat?

Ich habe bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden ein Angebot gemacht. Wir haben dazu eine Entscheidung getroffen und haben jetzt eine sehr gute Fraktionsführung, die den Anspruch hat dass das Team dahinter loyal mit ihr zusammenarbeitet. Das werden wir auch machen, denn wir haben in den letzten sieben Jahren, glaube ich, eines gelernt: Grüne sind dann am erfolgreichsten, wenn sie miteinander und nicht gegeneinander gegen den politischen Gegner vorgehen.

Dieses Interview führte Sven Kindler. Er studiert BWL im dualen System in Hannover und ist Koordinator des IGELs, der Zeitung der Grünen Jugend Niedersachsen.

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