Wie wird mensch eigentlich Nazi?
19.12.2004: Bericht von einem Seminar der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz. Von Fabienne Pradella
Zu Beginn erfuhren wir über eine wirtschaftswissenschaftstheoretische Herleitung, was denn Neoliberalismus eigentlich ist. Der Neoliberalismus besteht in seinem Kern in der Umdeutung des Glücksversprechens der Moderne (Mehrung des Wohlstands - wer fleißig ist, erfährt Wohlstand): Der Wettbewerb entspricht einer Wissensverwaltung, der sich alle unterwerfen sollen. Diese Forderung macht die Mitglieder der Gesellschaft unwissend und unpolitisch, die Gesellschaft plant nichts mehr aktiv, hat weder Vision noch Ziel.
Hayeks Theorie der kulturellen Evolution drückt dies auch aus: Menschen dienen hier nur noch dadurch, dass sie etwas produzieren, wohingegen Solidarität etc. als Rückentwicklung (niederer Instinkt von Urmenschen) und Auflehnung gegen die liberalen Freiheitsrechte angesehen wird.
"Habgier ist eine Tugend, die protzende Zuschaustellung von Reichtum ein notwendiges Signal, um das Lernen von den Erfolgreichen ermöglichen” Die Individuen werden mit ihren ethischen Problemen alleine gelassen, kennen und sehen kein Ziel und können nur "Freiheit" erlangen, indem sie sich dem System unterwerfen. Der Markt wird als Glücksspiel und unpersönliche Institution angesehen. Die Sozialpolitik wird als Gegenspielerin der Egalität angesehen, denn Armut und Elend in der Gesellschaft seien verdient und sollten so belassen werden, damit sie der Gesellschaft als schlechtes Beispiel dienen können (die Armen sind schließlich arm geworden, weil sie sich gegen den Wettbewerb gestellt haben).
Hier besteht auch ein Zusammenhang zum Rassismus: Rechtsextreme Weltansichten sind den neoliberalen nämlich in dem Sinn ähnlich, als dass auch sie blinde Tatkraft, Unterwerfung und eherne Regeln befürworten.
Nationalismus, Rassismus und Neoliberalismus haben gemeinsam, dass sie sich alle eine "fiktive Ethnie" schaffen. Der Begriff "Volk" im Nationalstaat kam mit der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auf: Der Kapitalismus schafft Ungleichheit, parallel dazu wird aber durch Macht eine fiktive Gleichheit geschaffen, die Nation wird durch Vereinheitlichung und Ausgrenzung geschaffen und vor allem durch Macht und Selektion ausgedrückt.
So wird zum Beispiel die Nation über das "deutsche Blut" definiert, hierdurch wird ein Wir-Gefühl konstruiert, das dazu führt, dass man die anderen als schlechter ansieht.
Neoliberalismus und Rassismus haben nicht dieselbe Ideologie, aber es gibt Parallelen.
"Wir sind die Generation, die versucht, zu retten, was noch zu retten ist...”
In der folgenden Diskussionsrunde stellten wir fest, wie aktuell das Thema heute ist.
Auch heute wird versucht, ein gewisses Wir-Gefühl zu erlangen. Die breite Bevölkerung ist auf der Suche nach einer Identität, denn viele Leute sehen noch allein Deutschland, haben ihre Identität damit verbunden und wollen diese beibehalten. Europa kann dieses Wir-Gefühl wegen Vorurteilen etc. noch nicht erzeugen. So wird multikulturellen Gedanken entgegengetreten. Es wird wohl noch ein langer Weg hin zu einer europäischen Identität sein.
Bestehende Ängste werden ausgenutzt, aktuell zum Beispiel in der "Patriotismusdebatte" der CDU (wohl überhaupt nur angezettelt, weil sie über ihre Inhalte nicht mehr an die Menschen heran kamen), im Gegenzug wird eine große Gemeinschaft angeboten, in die sich die Menschen flüchten können.
Man darf die Identitätssuche jedoch nicht allein als negativ ansehen, kann sie doch auch sehr Positives bewirken, wenn man nur Mut hat, den Fortschritt befürwortet, ihn aber anders gestaltet. Die Suche nach der Identität müsste so ablaufen, dass wir uns die Frage stellen, was es bedeutet, "deutsch" zu sein.
Ein Problem ist, dass gegen den Neoliberalismus nicht wirtschaftlich argumentiert wird. Schon vor vielen Jahren wurde gesagt, dass die freie Marktwirtschaft sich nicht rechnet und der Staat kontrollieren muss. Auch wenn es genug Leute gibt, die gegen den Neoliberalismus sind, spielen sie in der öffentlichen Debatte keine Rolle: Sie werden nicht in Zeitungen gebracht, der Neoliberalismus hat sich schon so stark durchgesetzt, dass diese Argumente nicht mehr gehört werden.
Des weiteren sollten wir darauf achten, dass wir die Augen für alle Gesellschaftsschichten offen halten, denn sonst enstehen sehr schnell elitäre Strukturen und damit ein Demokratieproblem. Die politische Alternative, die vor Ort beginnende Demokratisierung, ist ein längerer Prozess.
Herr Neitzert erzählte uns zunächst, dass die Medien heute kein Handwerkszeug mehr für den Rechtsextremismus haben. Wissen wir überhaupt, was "rechts" ist? Schließlich ist seit 10 Jahren nur noch die Karrikatur einer "Bestie Skinhead" bekannt.
Es ist schwer, Grenzen zu setzen. Um überhaupt zu wissen, worum wir so genau Grenzen setzen wollen, erfuhren wir zuerst einiges über die Skinheadbewegung.
Die Skinheads waren ursprünglich unpolitische schwarze Musiker und bildeten eine Gegenbewegung zu den Hippies (Ende der 60er Jahre). Musik und Outfit brachten ein anti-happy-sein rüber. Von diesen schwarzen Jugendlichen haben die Skins ihr Outfit weitestgehend übernommen.
Die typischen Kleidungsstücke der Skinheads, Springerstiefel und Bomberjacke, eignete sich die Bewegung erst später (Mitte der 70er Jahre) nach dem Vorbild der Arbeiter an.
Zum Beispiel: "doc martens" (Arbeiterschuhe, clockwork orange), "lonsdale" (weil Kleidung von Berufsboxer), fred perry Polohemden (Fred Perry: 1.Tennisprofi aus Arbeiterklasse, der jemals Wimbledon gewann)
Mitte 70er Jahre ist ein Teil der Skinbewegung nach rechts abgedriftet, gelockt dadurch, dass es Spaß machen kann, Parteiveranstaltungen zu stören. Diese Randale verschafften den Rechten eine öffentliche Resonanz, dieses Bild der "Randalierenden" kam in die Köpfe der Menschen und die Rechten fingen an, Weltgeschichte zu schreiben.
Fascho- Skins gibt es heute nahezu überall außer in Schwarzafrika.
In Deutschland wird die rechtsextreme Jugendszene in den "alten" Bundesländern als eine Jugendszene von vielen angesehen, in den "neuen" Bundesländern ist die rechte Szene jedoch vor allem in ländlichen Räumen die einzige Jugendszene, die existiert bzw. funktioniert. Vor allem die NPD ist dort vor Ort aktiv (an Schulen etc.), ihr Konzept besteht darin, Jugendarbeit zu machen. Diese konkrete Jugendarbeit besteht einerseits in einem "Unterhaltungsprogramm" für Jugendliche, andererseits aber auch darin, dass den Jugendlichen Konkretes angeboten wird (Hausaufgabenhilfe etc.). Es wird gezielt geschaut, welche jungen Leute man "einfangen" kann, besonders "underdogs" werden durch Grundbegriffe in Rhetorik und Körperhaltung Erfolge im persönlichen Leben verschafft, die sie dann an die Rechten als "Retter" binden.
In der Ludwigshafener Gegend gibt es wohl viele rechte Bands, die wichtigsten Rechtsrockproduzenten sitzen im Ruhrgebiet.
In der rechten Musik gibt es zum einen die Oi-Musik, deren Etikett sehr umstritten ist. Ursprünglich kam sie von unpolitischen Urskins und vermischte sich mit Punk, war sozusagen streetpunk. Diese unpolitische "Funmusik" ging durch die Medien und die rechte Szene legte sie sich an.
Von Anfang an gab es auch eine zweite Gruppe rechter Musik, nämlich die rechten Liedermacher. Die demokratischen Ur-Songs der Deutschen (48er-Revolutionslieder) wurden umgeschrieben und so interpretiert, dass die damaligen Ereignisse nicht das Erwachen der Demokratie, sondern des deutschen Volkes gewesen seien.
Wichtig ist, dass viele Rechtsextreme heute salonfähig sein wollen und sich auch dementsprechend verhalten (sogar Ausstiege inszenieren!).
Diese faschistoideren Bereiche der Gesellschaft richten sich gegen Demokratie (diese sei unnatürlich) und Christentum (die Nächstenliebe des Christentums füttere Schwache durch und das solle nicht so sein). Diese Menschen wollen andere Leute erreichen als die NPD, über Unis etc. Es sind keine "Krawalltypen", sondern Leute, die dosiert Einfluss nehmen können (durch leicht antidemokratische Tendenzen in Vorträgen an Unis etc.). Diese Rechten sind viel gefährlicher, denn sie werden von Medien und Öffentlichkeit noch nicht wahrgenommen und können so das, was schon salonfähig ist, noch salonfähiger machen.
Rammstein stellte einen Türöffner für rechte Musik dar. In der Zeitung "Junge Freiheit" wurde ihre Musik als "harte deutschsprachige Musik mit Top-10- Potential” bezeichnet. Bezeichnend auch folgende Wertung: ”Daumen hoch für Rammstein und alles, was in ihrem Fahrtwasser jetzt auf uns zukommen mag” Die Rechtsextremen mussten es nur noch ernst meinen.
Vor 10 Jahren gab es eine rechte Musikszene, heute gibt es mehrere. Früher ging es nur darum, alte Naziparolen zu verbreiten, mittlerweile behandeln die Texte komplexe Themen. Das ist viel gefährlicher, weil es gerade darum geht, wie man an die intellektuelleren Leute herankommt. Diese gefährlichen Leute sind nicht unbedingt Nazis, aber antidemokratische Personen, die von der Überlegenheit der arischen Rasse überzeugt sind.
In unserer Gesellschaft entsteht die Sehnsucht nach Scheuklappen, deswegen werden rechte Ansätze auch oft gar nicht gesehen. Viele Jugend-Gruppierungen melden sich kaum zu Wort, die Rechten sind aber wirklich "echt". Das spüren die Jugendlichen und lassen sich von dieser authentischen Jugendkultur in den Bann ziehen.
Fabienne Pradella ist Sprecherin der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz.