Drei Tage gegen Rechts
28.01.2005: Bericht vom Seminar "Rassismus? Nein danke!" der der Grünen Jugend Main-Tauber
Das mit über 40 Teilnehmern aus ganz Deutschland gut besuchte Seminar in Wertheim begann mit einem Treffen der Arbeitskreise zu den Themen Antirassismus, Tierschutz, Jugend und Drogenpolitik. Dabei wurde unter anderem das Projekt Musik gegen Rechts geplant, ein Konzert im Kulturschock in Königshofen, auf dem am 26. Februar drei regionalbekannte Bands - Dizzasta, The Oxpiks und Clumsy - gegen Rassismus, Intoleranz und rechte Gewalt auftreten werden. Ein weiteres Ergebnis ist eine Flyeraktion, die zur Aufklärung über die Skinheadbewegung und die Rechten Jugend(musik)szenen beitragen soll.
Am Samstag standen für die Teilnehmer drei Workshops zur Auswahl. Die Referenten Christos Kirizakis und Martin Guss von "Courage Baden-Württemberg" leiteten den ersten Workshop zum Thema Rechtsradikalismus. Courage ist ein von jungen Leuten gestaltetes Netzwerk zur Schaffung einer demokratischen Kultur, dessen Mitglieder auf Seminaren oder Projekttagen an Schulen über Jugendkulturen im Allgemeinen, sowie insbesondere über die Ideologie und Symbolik der Rechtsextremen aufklären. "Es wird aufgezeigt, wo Ausgrenzung stattfindet oder wo man selber ausgrenzt. Dabei sollen Ideen entwickelt werden, was man konkret am Ort tun kann, um Handlungsperspektiven zu entwickeln", so Martin Guss.
Ausgehend von persönlichen Betrachtungen zu den Themen "Was verbindest Du mit dem Begriff schwarzes Schaf?" und "Gibt es Situationen, in denen Du Dich selbst als schwarzes Schaf gefühlt hast?" gingen die Referenten mit den Teilnehmern in eine Auseinandersetzung über Rassismus, Vorurteile und Ausgrenzung. Mit Hilfe von Videofilmen, Rollenspielen und Diskussionen wurde zum Nachdenken und Handeln anregt.
Die Teilnehmer des zweiten Workshops wurden von Dr. Lutz Neitzert, Musik- und Mediensoziologe, in die Entstehung der Skinheadbewegung und die Rechten Musikszenen eingeführt. "Das Vorurteil, dass alle Skinheads Nazis sind, ist leider allgegenwärtig. Die Medien, die Gesellschaft, fast alle assoziieren mit Skinheads sofort rechte Schläger", so Neitzert. Durch einseitige und oberflächliche Berichterstattung sei ein völlig falsches Bild von dieser Kultur entstanden, die um 1965 in England aus der Bewegung der damaligen Arbeiterklasse und jamaikanisches Einwandern entstand und zum größten Teil völlig unpolitisch ist.
Auch in die Rechten Musikszenen bot Neitzert interessante und teilweise beängstigende Einblicke. Während die Öffentlichkeit hinter dem Etikett "Rechte Musik" noch immer allein die in den Medien als wohlfeiles und telegenes Bestiarium präsentierten Neonazi-Skinheadbands vermute, hätten sich darüber hinaus faschistische Musikanten längst auch andere Stile und Zuhörerkreise erobern können, so Neitzert. Beispielsweise Liedermacher, die das "Kulturprogramm" so mancher NPD-Veranstaltung bestritten, vor allem aber Bands, die extremere Musikgenres jenseits des Mainstream als gutes Nest für rechte Ideologen entdeckten. Neo-Heiden und völkische Mystiker hätten sich in der Neofolk-, Darkwave- und Esoterik-Szene breitgemacht, unappetitliche NS-Blackmetal-Satanisten zelebrierten ihre faschistoiden "Horrorshows" und selbst innerhalb der Technobewegung zeigten sich (als "Gabber"-Style) die ersten braunen Fleckchen.
Den dritten Workshop "Just say know!" leitete Maximilian Plenert, Koordinator des FachForum Drogen der Grünen Jugend. Darin wurden vor allem die Probleme angesprochen, die der Drogenkonsum mit sich bringt, beispielsweise körperliche und geistige Schäden oder die Strafverfolgung. Plenert erklärte die derzeigte Rechtslage in Deutschland in Bezug auf den Drogenbesitz und -konsum und verglich sie mit der in anderen Staaten. Die USA beispielsweise sei ein Beispiel für eine "unsoziale und rassistische Drogenpolitik", so Plenert. Während Heroin, die Droge der Reichen, in großen Mengen mitgeführt werden dürfe, wäre bei "Crack", der Droge der Armen und meist Schwarzen, die Toleranzgrenze sehr viel niedriger. Schließlich wurden verschiedene Lösungsansätze für das Drogenproblem diskutiert, etwa bessere Aufklärung an Schulen, verstärke Präventionsmaßnahmen oder staatliche kontrollierte Drogenfachgeschäfte, um die Beschaffungskriminalität zu verringern.
Am Abend stellten einzelne Teilnehmer die Workshopsergebnisse dem Plenum vor und die Referenten wurden verabschiedet.
Im Anschluss informierte der Dokumentarfilm "Die bekiffte Republik - Volksdroge Haschisch?" des Regisseurs Max von Klitzing darüber, dass jeder Dritte Deutsche im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren hat demnach Erfahrungen mit der verbotenen Droge, jedoch nahezu ohne Unrechtsbewusstsein. Während sich die Justizminister der Bundesländer nicht auf einen einheitlichen Umgang mit Kleinstmengenbesitzern einigen können, boomt derweil der Handel mit legalem Rauchzubehör und immer mehr Menschen bekennen sich zu ihrem Konsum, der Joint macht dem Feierabendbier Konkurrenz, am Betäubungsmittelgesetz vorbei. Auf dieses gern verdrängte Problem und dessen Folgen geht der Film ein, indem er auf die juristisch problematische Lage in Deutschland hinweist und Drogenberater und jugendliche Konsumenten zu Wort kommen lässt.
Die Mitgliederversammlung der Grünen Jugend Main-Tauber am Sonntag begann mit einer Präsentation von Sebastian Brux, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen Jugend, in der er zunächst auf die rechten Aktivitäten in der heutigen Gesellschaft schilderte, dann die Zuhörer mit einem kleinen Quiz zu diesem Thema miteinbezog und schließlich die "Bildungsoffensive gegen Rechts" vorstellte. Diese hat eine Vernetzung von interessierten Personen, Landesverbänden und dem Bundesverband der Grünen Jugend zum Ziel, um ein breites Bildungsangebot zu schaffen. Erreicht werden soll dies durch Fachseminare, Broschüren und Informations- sowie Linksammlungen zum Thema Rechtsextremismus auf der Homepage www.gruene-jugend.de. Des Weiteren ist in diesem Zusammenhang eine Gegenkundgebung zur "Hess-Gedenk-Demonstration" geplant. Bereits zum 18. Mal reisen dieses Jahr mehrere tausende Neonazis aus ganz Europa nach Wunsiedel, um Rudolf Hess gedenken, der bis 1941 Hitlers Stellvertreter war und 1987 als verurteilter Kriegsverbrecher starb. Anschließend fand ein Brainstorming über die ANTIRAssismus - Kampagne der Grünen Jugend Main-Tauber statt. Dabei kam die Idee auf Rechte Aufmärsche mit Konfetti zu Karnevalsumzügen zu machen, um die Neonazis und ihr Anliegen lächerlich aussehen zu lassen. Danach ging man zur inhaltlichen Debatte über die vier eingebrachten Anträge - "Rassismus? Nein Danke!", " Pelz ist peinlich!", "Die Europäische Union steht auch der Türkei offen" und "Menschenrechte gelten überall, Mr. President!" - über. Der Antrag "Rassismus? Nein Danke!", in dem Kritik am CDU- nahen Studienzentrum Weikersheim geübt wird und der einen toleranten Main-Tauber Kreis fordert, wurde von den Teilnehmern intensiv debattiert und dann einstimmig als inhaltliches Fundament der ANTIRAssismus Kampagne verabschiedet. Als nächster Tagesordnungspunkt stand die Neubesetzung einiger Ämter an. Linda Horn aus Hardheim wurde als neue Schatzmeisterin in den Vorstand gewählt, ebenso wie Jonas Stephan aus Oberlauda und Christine Friedrich aus Schweigern als Kassenprüfer.
Schließlich beschlossen die Teilnehmer, dass aus dem ehemaligen Arbeitskreis "Grüne Provinz Wertheim" eine eigene, offizielle Ortsgruppe der Grünen Jugend werden sollte, um die Präsenz im Main-Tauber-Kreis zu festigen. Der im Anschluss gewählte Vorstand besteht aus den Vorsitzenden Oliver Hildenbrand und Karolina May, der Schatzmeisterin Kristina Tangel, sowie den Beisitzern Kathrin Lermann und Surija Rattanasamay. Die Grüne Jugend Wertheim plant in naher Zukunft verschiedene Aktionen, etwa gegen Studiengebühren, gegen Menschenrechtsverletzungen auf Guantanamo Bay gemeinsam mit amnesty international oder auf kommunalpolitischer Ebene eine Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Moscheebau in Wertheim.
Tilman Versch, Vorsitzender der Grünen Jugend Main-Tauber, zeigte sich sehr zufrieden mit dem Seminar: "Das Seminar war ein voller Erfolg: Fast 40 TeilnehmerInnen, gute Workshops, eine nette Atmosphäre, inhaltliche Arbeit und die Gründung der Ortsgruppe Wertheim - damit kann die Grüne Jugend Main-Tauber voll und ganz zufrieden sein." Nähere Informationen zu der ANTIRAssismus-Kampagne oder anderen Aktionen der Grünen Jugend Main-Tauber stehen unter www.schoengruen.de.
Dieser Text ist mit freundlicher Genehmigung übernommen von www.schoengruen.de