Nachhaltige Forstwirtschaft? (Foto: fatboyke http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de [cc])

FSC und PEFC - Rettet diese Zertifizierung unsere Wälder?

26.04.2008: Laut Umfrage des Emnid-Instituts von 1999 würden knapp 87 Prozent der VerbraucherInnen zu Holzprodukten mit einem Siegel für umweltverträgliche Waldwirtschaft greifen, wenn sie die Wahl hätten. Sind FSC- und PEFC- zertifizierte Produkte eine gute Alternative? Nein, meint Ann-Morla Meyer.

Die Waldwoche der GRÜNEN JUGEND ist dieses Jahr vom 21. bis zum 27. April. Die Idee, jährlich eine Waldwoche zu veranstalten, kam einigen AktivistInnen auf einer Veranstaltung der Federation of Young European Greens in Tschechien im Jahre 2004.

Seit den 90er Jahren gibt es drei Holzzertifizierungsstandards für nachhaltige Forstwirtschaft. Weltweit sind FSC (Forest Stewardship Council, 1993), PEFC (Programme for Endorsement of Forest Certification Schemes, 1999) und in Deutschland das deutlich kleinere Siegel von Naturland (1998) am Start. Insgesamt zertifizieren sie 290 Mio. ha - ungefähr 7 % - des weltweiten Waldbestandes. Aber von ihrem Ziel mit ihren Siegeln nachhaltige Forstwirtschaft zu garantieren, sind FSC und PEFC weit entfernt.

FSC

FSC wurde u.a. vom WWF und Greenpeace gegründet, weil bei der Rio-Konferenz 92 keine Regelungen zu nachhaltiger Forstnutzung zu Stande gekommen waren. Schon die Struktur von FSC sollte zeigen, wie wichtig ökologische und soziale Standards für ein funktionierendes Siegel waren: 1/3 der Vorstandsmitglieder kommt aus Umwelt-NGOs, 1/3 aus sozialen NGOs und 1/3 aus der Wirtschaft. Möchte ein Forstbetrieb sein Holz mit dem FSC-Siegel versehen, muss er einen immensen bürokratischen Aufwand betreiben. Es werden eine Menge Dokumente über die Ausgangssituation im Wald eingefordert, die Mindestanforderungen genügen muss. Nach der Erfüllung der Mindestanforderungen werden Bedingungen für eine nachhaltige Waldentwicklung gestellt. Zu den Zertifizierungskriterien gehört u.a. der Verzicht auf Kahlschlag und Pestizide sowie Gewährleistung von Biodiversität, Schutzfunktionen des Waldes und Landschaftsschutz.

Waldsterben in Deutschland (Foto: mwboeckmann http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/deed.de [cc])

Der FSC ist hierbei ziemlich nett: es werden konkrete Maßnahmen, die innerhalb von 1-2 Jahren umzusetzen sind, beschrieben und schließlich überprüft. Es können auch Empfehlungen gegeben werden, um die Wirtschaftsweise eines Betriebes zu verbessern. Werden die gestellten Bedingungen nicht erfüllt oder schwerwiegende Versäumnisse bei den jährlichen Kontrollen festgestellt, kommt es zum Zertifikatsentzug. Die FSC-Zertifizierung wird jedes Jahr im Rahmen eines Folgeaudits überprüft.

PEFC

Das ursprüngliche Programm zur "Pan European Forest Certification” wurde von europäischen privaten WaldbesitzerInnen als Alternative zum FSC gegründet. Der Aufwand für die FSC-Zertifizierung war den Betrieben viel zu hoch und ihre Minderheit im FSC-Rat ein Dorn im Auge. Die PEFC-Zertifizierung fußt auf einem Waldbericht, der eine Region anhand von 121 Nachhaltigkeitskriterien bewertet und dann einen fünf Jahresplan ausarbeitet, dem sich die teilnehmenden Forstbetriebe verpflichten müssen. Der einzelne Betrieb wird vor der Zertifizierung nicht überprüft, die Einhaltung des Waldentwicklungsplanes wird in jährlichen Stichproben (!) kontrolliert. Interessante Randbedingung: Wird der Waldbericht negativ bewertet, verlieren alle Forste der Region ihr Zertifikat. Allerdings kommt es dazu meistens nicht: wenn ein Betrieb gegen Leitlinien verstößt, wird er je nach Schwere des Verstoßes aufgeklärt; es werden Korrekturmaßnahmen vereinbart, die dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit (!) eine Stichprobe in den folgenden Jahren mit sich ziehen. Ein tatsächlicher Entzug des Siegels folgt erst, wenn auch dann keine Besserung zu sehen ist. Negativ: Kahlschläge und Pestizideinsatz sind nicht grundsätzlich verboten! Entsprechend bekam PEFC beim Ökotest 2002 nur die Note "Ausreichend", während Naturland und FSC mit "Sehr gut" glänzen durften. Die Wirtschaft, und vor allem viele kleine PrivatforstbesitzerInnen, schätzen allerdings das Siegel. In Deutschland sind 2/3 des Holzbestandes mit dem PEFC-Siegel ausgezeichnet!

Naturland

Naturland ist eine seit 1982 bestehende Organisation für ökologischen Landbau, die Lebensmittel, Fischbestände und - seit 1998 - Forstwirtschaft zertifiziert. Allerdings fallen sie mit ihrem rund 50.000 ha zertifizierten Wald in Deutschland (das sind 0,05 %) kaum ins Gewicht. Ihre Richtlinien lesen sich dafür um so schöner: Annäherung des Waldes an die natürliche regionale Waldgesellschaft, keine gentechnisch veränderten Pflanzen, kein flächiges Befahren oder Waldbodenentwässerung, kein Ausbringen waldfremder Stoffe, Erhalt von Sonderbiotopen und Anreicherung von Biotopholz auf 10 % des Holzvorrates. Ihre Richtlinien sind aber nur für den Klimabereich Mitteleuropa geschrieben und die Zertifizierung läuft genau so wie bei FSC über eine Zertifizierungsstelle, die direkt bezahlt wird. Also vor allem global gesehen auch keine Alternative.

Wo liegt das Problem?

Zurzeit werden jedes Jahr weltweit 30.000 ha Wald vernichtet. In der konventionellen Forstwirtschaft werden Monokulturen angebaut und dadurch die Artenvielfalt vermindert, Pestizide werden ausgebracht und flächendeckende Kahlschläge machen Waldflächen zu ökologischen Wüsten. Und auch nachhaltig zertifizierte Wälder bieten keine Lösung für die laufende Wertminderung der globalen Artenvielfalt des Lebensraumes Wald. Im März ist der schwedische Naturschutzverein (SSNC), MitbegründerIn des nationalen Rates, aus der FSC-Organisation ausgetreten. Damit verliert die drittgrößte nationale Organisation nach Kanada und Russland ihre Glaubwürdigkeit! Der SSNC war in den 90ern Mitbegründer von FSC Schweden und machte seitdem immer wieder auf unzureichende Nachhaltigkeitslevel, Beziehungen zwischen ZertifiziererInnen und den Forstunternehmen aufmerksam und gab auch Vorschläge zur Verbesserung. Ohne Erfolg. Jetzt will SSNC seine Ressourcen nutzen, um die Forstwirtschaft allgemein zu kontrollieren und anzuprangern, weil er sich hiervon einen größeren Nutzen für die Bewahrung der Waldbestände erhofft.

Ein Resumee von FSC-Watch, einer Internetplattform für die Begleitung der FSC-Zertifizierung: "Bei weiteren erwarteten Rückzügen von unterstützenden NGOs läuft die Zeit von FSC ab.” In den vergangenen Jahren bekamen einige Unternehmen das FSC-Siegel, deren Forste von Umweltverbänden als unökologische Monokulturplantagen geoutet wurden: Eukalyptusplantagen von Veracel wurden im März zertifiziert. Veracel ist ein Joint Venture zwischen dem schwedisch-finnischen Stora Enso und dem norwegisch-brasilianischen Aracruz Cellulose. Letzterer ist bekannt für Klopapier, das aus Regenwaldholz hergestellt wird. KundInnen sind u.a. Kimberly Clarke (z.B. Haakle, Kleenex) und Procter&Gamble (z.B. Tempo, Charmin, Pampers). Solche Missstände will fsc-watch.com aufzeigen. Auf ihrer Homepage sind Bilder von FSC-Wäldern in Swaziland, Kanada, Irland und mehr zu sehen, die Kahlschläge und Gifthinweisschilder zeigen.

Rauschen in den Blättern der Zukunft

Simon Counsell, Regenwald Stiftung Großbritannien und Gründungsmitglied des FSC, sagt, was der FSC tun muss um seine Vertrauenswürdigkeit zurück zu gewinnen:

  • die direkte ökonomische Verbindung zwischen ZertifiziererInnen und den Forstbetrieben muss aufgehoben werden
  • die Sanktionen für unrechtmäßiges Zertifizieren müssen stärker ausfallen
  • es muss Wettbewerb zwischen den ZertifiziererInnen herrschen um den höchsten technischen Stand bei der Kontrolle zu garantieren
  • Zertifikate, die nicht in Übereinstimmung mit lokalen InteressenvertreterInnen (z.B. indigene Völker) sind, müssen gelöscht werden

Auch an VerbraucherInnen gibt es Empfehlungen. Anstatt die derzeitigen Zertifizierungssysteme zu unterstützen, lieber weniger Holz verwenden. Dort, wo es geht, recycelte oder Second-Hand-Produkte verwenden. Und sich dafür einsetzen, dass klare staatliche Regelungen getroffen werden, damit der verbleibende Waldbestand garantiert nachhaltig bewirtschaftet, Kahlschläge wieder aufgeforstet werden und wichtige Biotope unberührt bleiben.

Der passende Rahmen hierfür bietet sich schon im Mai bei der COP9. Im politischen Zentrum der COP 9 stehen der Schutz und die nachhaltige Nutzung der Wälder und der Meeresökosysteme. In den Arbeitsbereichen "Biologische Vielfalt", "Nachhaltige Waldbewirtschaftung und Holznutzung" sowie "Umwelt- und Naturschutz" kann die Grundlage für eine wirklich nachhaltige Forstwirtschaft gelegt werden. Also lasst uns hinfahren und ansagen wie wichtig uns der Wald als Lunge, Lebensraum für unzählige endemische Arten und beeindruckende Baumriesen ist.

Ann-Morla Meyer ist Koordinatorin des Fachformus Ökologie der GRÜNEN JUGEND.

Achtung: Datendiebstahl

Eine unbekannte Person oder Personengruppe hat sich durch den kriminellen Zugriff auf die Mailverwaltung der GRÜNEN JUGEND alle Emails der Bundesgeschäftsstelle und einiger Vorstandsmitglieder seit März 2011 an eine Emailadresse im Ausland weiterleiten lassen. Wir wissen nicht, wer hinter diesem Datendiebstahl steckt oder mit welcher Intention er durchgeführt wurde. Die Emails wurden samt Text, Anhang und Signaturen weitergeleitet.

Werde aktiv!

Weitere Nachrichten

  • Der Holocaust in Film und Buch

    02.02.2012 Welche Bedeutung haben Buch und Film für die Beschäftigung mit dem Holocaust, für das Erinnern, für das Gedenken an das Leid? Ein Artikel von Jacob Hildebrand ... weiterlesen

  • Aller guten Dinge sind drei!

    01.02.2012 BLOCK DRESDEN 2012 – Blockieren, bis der Naziaufmarsch Geschichte ist
    Dieses Jahr werden am 13. Februar und am 18. Februar wieder mehrere Tausend Nazis nach Dresden kommen - wir müssen sie gemeinsam blockieren nd zeigen dass es keinen Platz für Nazis und deren rechte Ideologien gibt!!! ... weiterlesen

...alle Nachrichten

Link der Woche

  • Adopt a revolution
    16.01.2012 | Das Projekt Adopt a Revolution wurde im Herbst 2011 angesichts der anhaltenden brutalen Verfolgung des friedlichen Aufstands gegen das Regime von Bashar Al-Assad von syrischen und deutschen AktivstInnen ins Leben gerufen. ...weiterlesen