Konzeption einer besseren Bildungspolitik: Die Basisschule

27.05.2008: Beschluss der GRÜNEN JUGEND auf dem 30. Bundeskongress in Bonn.

Grundstein des Schulsystems der GRÜNEN JUGEND wird eine Basisschule sein, die in der Regel alle Kinder ab einem Alter von spätestens sieben Jahren besuchen. Sie ist, wie ihr Name schon sagt, Basis jeder lebenslangen Bildungsbiografie - daher ist ihr Besuch obligatorisch. In der Basisschule erlangen SchülerInnen ausreichend Kompetenzen und Kenntnisse, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ihren weiteren Bildungsweg selbst zu organisieren und mit einer breiten und soliden Allgemeinbildung am öffentlichen Leben teilzuhaben. Die Basisschule ist als Ganztagsschule organisiert, alle Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen und durch ihre größtmögliche Autonomie von staatlichen Organen entsteht ein hoher Grad von Selbstregulation und Eigenverantwortlichkeit. Jedes Kind wird in eine Schule dieses Typs eingeschult, es darf keine Separation nach sozialer Herkunft, Leistung oder anderen Eigenschaften geben. Dadurch ergibt sich an den Basisschulen eine radikale Heterogenität der Schülerschaft, so dass Mädchen mit Jungen, Behinderte mit Nichtbehinderten, MigrantInnen mit NichtmigrantInnen und Kinder sozial besser gestellter Eltern mit denen von Arbeitslosen lernen. Am Ende der Basisschulzeit steht der Basisschulabschluss. Ihn erhält jedes Kind, es wird keinerlei Gefahr mehr geben, dass jemand die Schule ohne Abschluss verlässt.
Die "Schulpflicht" wird durch eine "Bildungspflicht" ersetzt. Sie ist demnach nicht mehr reine Anwesenheitspflicht sondern verpflichtet zur aktiven Bildung. Sie dauert über neun Jahre, diese beginnen mit dem siebten Lebensjahr, in begründeten Einzelfällen und in Absprache mit dem PädagogInnenteam vor Ort auch früher oder später. In dieser Zeit wird jedes Kind von einer PädagogIn betreut und ist demnach einer Basisschule zugeordnet. Zusammen mit der PädagogIn plant es seinen Bildungsweg, in dem sowohl schulische als auch außerschulische Lernformen vorkommen und alle Lebensumstände der SchülerIn Berücksichtigung finden.
Mit dem Basisschulabschluss ergeben sich folgende Optionen im weiteren Lebensweg: Der direkte Einstieg in die Berufstätigkeit, das Erlernen eines Lehrberufs, der Besuch einer "studienvorbereitenden Schule" oder die direkte Bewerbung an einer Universität. Generell ist der Zugang zur Universität nicht mehr an bestimmte höherwertige Schulabschlüsse geknüpft: Jede und jeder kann sich - egal ob nach Besuch einer "studienvorbereitenden Schule", nach dem Absolvieren einer Berufsausbildung oder sofort nach dem Abschluss der Basisschule - direkt bewerben und wird nach dem Bestehen von fachspezifischen Eingangsprüfungen immatrikuliert.

Zeit für mehr! Ganztagsschulen braucht das Land.


"Zeit für mehr" bedeutet nicht nur, den Unterricht auf den Nachmittag auszuweiten oder lediglich ein nachmittägliches Freizeitangebot zu schaffen: "Zeit für mehr" bedeutet vor allem, mehr Zeit für moderne Pädagogik, für gute Diagnostik, für eine echte individuelle Förderung und für gute und durchdachte Öffnung der Schule nach außen.

Grundlage einer GRÜNEN Ganztagsschule ist der rhythmisierte, an den natürlichen Biorhythmus angepassten Unterricht. Nur so kann die gewonnene Zeit auch sinnvoll genutzt werden. Formelle wechseln sich mit informellen Lernphasen oder mit Freizeitangeboten ab. So kann effektiver und vor allem kindgerechter gelernt werden. Offene, neue Lernformen, in denen mehr eigenständig an Lernprojekten gearbeitet wird, brauchen Zeit. Diese Zeit kann der rhythmisierte Tagesablauf anbieten.

Eine Ganztagsschule, die nicht nach dem Motto "Schüler quälen, Ganztag wählen!" funktioniert, muss als Lebensraum gestaltet werden. Sowohl Schülerinnen und Schüler als auch die Angestellten der Schule müssen sich dort wohl fühlen. Bereits heute ist die Motivation der an Schulen beteiligten Menschen nicht besonders hoch, in einer Ganztagsschule, die nur eine verlängerte Halbtagsschule ist, wird das nicht besser.

Die Ganztagsschule der GRÜNEN JUGEND basiert auf dem Grundsatz "SchülerInnen im Zentrum". Grundlage ist eine Pädagogik, die Stärken fördert und Schwächen frühzeitig erkennt und versucht, diese durch geeignete Methoden zu neuen Stärken zu machen. Die GRÜNE JUGEND fordert eine Ganztagsschule die auf Beschämung, Bloßstellung und Erniedrigung verzichtet!

Für uns ist eine Ganztagsschule nicht nur eine Entlastung für die Eltern - durch die Ganztagsschule ist es beiden Erziehungsberechtigten möglich, Vollzeit zu arbeiten - sondern viel mehr. Die Ganztagsschule ist eine pädagogische Chance. Nur Ganztagsschulen können eine individuelle Förderung richtig umsetzen, ohne sie zu einer politischen Phrase verkommen zu lassen. Durch die Implementierung eines ganzheitlichen Bildungskonzepts, dass sich nicht nur auf formales Lernen stützt, ist es möglich, sowohl die viel zu oft beschworene Hochbegabtenförderung als auch die Förderung von SchülerInnen mit Lernproblemen bis hin zu so genannten "Lernbehinderungen" effektiv in einem Haus umzusetzen.

Schule als Lebensraum


In der Ganztagsschule muss der Satz "Schule muss Lebensraum werden" tatsächlich mit Inhalt gefüllt werden. In keiner anderen Institution verbringen Jugendliche mehr Zeit als in der Ganztagsschule. Deswegen ist es dringend notwendig dass die Ganztagsschule zu einem angenehmen Lebensraum für Schülerinnen und Schüler wird, in dem sie sich wohl fühlen und der ihre geistige, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung fördert.

Schulräume müssen angenehm und vor allem nach den Wünschen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler eingerichtet und gestaltet werden. Dabei geht es nicht nur um Wandfarben oder Pflanzen im Schulgebäude, sondern auch um die Schulmöbel, den Schulhof und bestimmte Sonderräume. Es muss in der Ganztagsschule auch Rückzugsräume geben, in denen auch mal unbeaufsichtigt für sich gearbeitet, entspannt oder eben nur vor sich hin geträumt werden kann.

Zum Lebensraum Schule gehört aber nicht nur die räumliche Gestaltung, sondern auch das Essen. Gesunde, ökologische und regionale Ernährung ist ein wichtiger Grundstein für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Deswegen müssen gerade hier die AnbieterInnen sorgfältig überprüft werden. Das Angebot sollte regelmäßige wechseln, vegetarisches und veganes Essen muss immer im Angebot sein. Wohlfühlen kann ich mich nur an einem Ort, an dem ich auch gerne und gesund esse.

Kooperation mit außerschulischen Partnerinnen und Partnern


Um ein umfassendes Angebot, das fächerübergreifendes und praktisches Lernen garantiert und um zudem ein umfassendes Freizeitangebot zu schaffen, muss eine gute Ganztagsschule mit außerschulischen PartnerInnen kooperieren. Darunter fallen TrägerInnen der Jugendhilfe wie Sportvereine oder Vereine der Stadtjugendringe genauso wie das Metallwarenfachgeschäft oder das Krankenhaus in direkter Umgebung der Schule.


Die Ganztagsschule muss mit dem Stadtteil verwachsen sein. Das bedeutet eine Öffnung der Ganztagsschule für alle in der Umgebung. Als öffentliches Gebäude bietet die Schule eine Chance, kultureller Mittelpunkt eines Stadtteils zu werden. Die Schulen müssen beginnen, sich nach außen zu öffnen.

Sportvereine, Musikschulen, Tanzclubs usw. sind nötige KooperationspartnerInnen für eine funktionierende Ganztagsschule. Sie sind dringend notwendig, um ein ausgeglichenes und attraktives Freizeitangebot zu schaffen. Allerdings profitiert nicht nur die Ganztagsschule davon. Auch die Vereine, die bisher große Bedenken gegenüber der Ganztagsschule hatten, können so gewinnen. Die Ganztagsschule ist dann nicht mehr Konkurrentin auf klassischen Vereinsfeldern, sondern Kooperationspartnerin.

Wichtig ist allerdings, dass die Schule ihr eigenes Profil nicht verliert. Kooperationen mit wirtschaftlichen Unternehmen sind zwar grundsätzlich sinnvoll als Ergänzung zum sonstigen Angebot der Schule, aber mit großer Vorsicht zu genießen. Wirtschaftliche Interessen dürfen in der Schule keine Rolle spielen. Schulsponsoring ist keine geeignete Kooperationsform für Schulen, da sie damit Gefahr laufen, in Abhängigkeitsverhältnisse zu Unternehmen zu geraten, die dann immer mehr Einfluss auf die Schule nehmen. Finanzierung und Ausstattung von Schulen ist eine originäre Aufgabe der öffentlichen Hand.

Individuelle Förderung und Integration


Ganztagsschulen bieten den Raum und die Zeit für individuelle Förderung. Durch den Zeitgewinn haben LehrerInnen mehr Möglichkeiten, diagnostisch zu arbeiten und diagnostizierte Lernschwächen mit gezielter Förderung auszugleichen.

Individuelle Förderung funktioniert nur, wenn Schülerinnen und Schüler als Individuen erkannt und homogene Lerngruppen zu Märchen aus alte Zeiten werden. Unsere Ganztagsschule ist nicht nur eine Schule, die individuelle Förderung ermöglicht, sondern auch mit inklusiver Pädagogik arbeitet. Das gemeinsame Lernen aller sozialen Milieus und Bildungsschichten ermöglicht neue pädagogische Wege und senkt die gegenseitige Abhängigkeit zwischen sozialem Hintergrund und Bildungsabschluss erheblich.

SchülerInnen mit unterschiedlichem Leistungs- und Wissensstand können sich gegenseitig helfen. Das fördert soziale Kompetenzen und hilft bei der Vertiefung bereits gelernten Stoffes. Lernen durch Lehren ist in anderen Schulsystemen ein wichtiges Standbein des Unterrichts. MitschülerInnen können oft schwierigen Stoff besser untereinander Vermitteln, als es eine Lehrerin oder ein Lehrer könnte.
Die Ganztagsschule der GRÜNEN JUGEND ist eine Schule, die:

- aus Individualität Gewinn zieht,
- ihre SchülerInnen auf Augenhöhe an Entwicklungsprozessen beteiligt,
- sich nach Außen öffnet,
- ihren Unterricht rhythmisiert,
- einen Lebensraum schafft,
- mit inklusiver Pädagogik arbeitet.

Demokratische Schulen - wir entscheiden mit!


Die GRÜNE JUGEND fordert eine Schule, in der das Kind im Zentrum steht. Eine Schule in einer Demokratie muss auch eine demokratische Schule sein. Deshalb ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler gleichberechtigt in Entscheidungsprozesse einzubinden.

Autonome Schulen


Damit Schulen demokratisch organisiert sein können, Demokratie also ermöglicht und sinnvoll umgesetzt werden kann, brauchen sie eine größtmögliche Autonomie. Unter dem Begriff der "Autonomen Schule" verstehen wir eine Schule, die auf den Grundlagen des Konzeptes der Basisschule ohne den Einfluss von Schulbehörden und lästigem Verwaltungsapparat frei agieren und flexibel im SchülerInneninteresse handeln kann. Das heißt konkret, dass die Schulen in Zukunft frei über ihr pädagogisches Konzept, Lernzeiten, Einstellungen von LehrerInnen, PädagogInnen und sonstigem Personal, Finanzen- und Mittelverteilung, ebenso wie Kooperationen mit außerschulischen PartnerInnen und anderen Schulen entscheiden dürfen.

Keine Schulautonomie ohne Demokratie!


Demokratie wird in dem heutigen Schulsystem eher klein geschrieben und findet kaum Anwendung. In dem autoritären System Schule finden die Bedürfnisse aller Beteiligten keine Berücksichtigung. Die GRÜNE JUGEND setzt sich deshalb für eine demokratische Schule ein.

Wichtige Entscheidungen, die alle am Schulleben beteiligten Gruppen betreffen, sollen in einer durch Arbeitsgruppen gut vorbereiteten Vollversammlung diskutiert und beschlossen werden. In der Vollversammlung hat jedeR eine Stimme, egal ob SchülerIn, LehrerIn, HausmeisterIn oder SozialpädagogIn. Auf dieser Vollversammlung werden die pädagogischen Leitlinien wie beispielsweise altersübergreifendes und interdisziplinäres Lernen, eine Schulordnung, die die grundlegenden Verhaltensregeln festlegt, und die Verteilung vorhandener Ressourcen wie die Verteilung der Finanzen, die Raumgestaltung oder aber auch die Einstellungen und Entlassungen von Lehrerinnen und Lehrern abgestimmt. Auch über die Zusammenarbeit mit außerschulischen PartnerInnen und anderen Schulen entscheidet die Vollversammlung.

Zur Vorbereitung der Vollversammlung werden Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen gebildet, die aus VertreterInnen der einzelnen Interessensgruppen bestehen, aber grundsätzlich für alle offen sind.

Grundsätzlich soll an unseren Schulen ein Subsidiaritätsprinzip gelten, nach dem von Entscheidungen Betroffene über ihre eigenen Belange entscheiden. So sollen zum Beispiel Lerngruppen die Möglichkeit haben, selbst über Lerninhalte und Methoden zu bestimmen. Es hat auch keinen Sinn, das Schülerinnen und Schüler über die Stühle im LehrerInnenzimmer entscheiden.

Zukunftswerkstätten und Open-Space-Phasen bieten eine gute Möglichkeit, alle SchülerInnen an richtungsweisenden Entscheidungen zu beteiligen und diese im Sinne aller vorzubereiten. Gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern sollte auf eine angemessene Betreuung und altersgemäße Beteiligungsmethoden geachtet werden.

Gerade aktive ElternvertreterInnen leisten einen großen Beitrag zu einer funktionierenden Schule. Dennoch sind sie nicht direkt von der Ausgestaltung der Schule betroffen, sondern nehmen eher unterstützend am Schulentwicklungsprozess teil. Deshalb räumen wir Eltern die Möglichkeit einer eindeutigen Votenvergabe zu Anträgen der Vollversammlung ein, damit sie ihre Positionen in die Debatten einbringen können.

Vielfalt als Chance begreifen


Für die GRÜNE JUGEND müssen Akzeptanz und Respekt Grundelemente jeder Schule sein. Jede Form der Diskriminierung muss langfristig bekämpft werden. Nur in einem von Akzeptanz und Offenheit geprägten Raum kann sich individuelle Vielfalt entwickeln. Denn diese ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben, von der jedeR Einzelne und die Umgebung profitiert. Dieser gesamtgesellschaftliche Vorteil muss in der Schule wertgeschätzt und realisiert werden.

Dafür fordern wir die Einführung des Diversity-Konzepts in Schulen. Dieses beruht auf den Prinzipien der Förderung der unterschiedlichen persönlichen Eigenschaften, deren TrägerInnen oftmals als 'Randgruppen' dargestellt werden. Dadurch sollen sich diese Eigenschaften positiv auf die Bildung und die persönliche Entwicklung aller SchülerInnen auswirken, und das Potenzial der Kreativität für das schulische Umfeld genutzt werden. Es geht insbesondere um Aspekte wie Geschlechtsidentität, Behinderung, sexuelle Orientierung sowie kulturellen und sozialen Hintergrund. Traditionell als positiv wie negativ gesehene individuelle Charakteristika müssen in der Schule diskutiert und die aus ihnen resultierende Vielfalt verständlich gemacht werden. Zudem sollen umfangreiche Förderprojekte zur Anti-Diskriminierungsarbeit gefördert und aktiv von den SchülerInnen mitgestaltet werden.

Um Gleichberechtigung und radikale Heterogenität zu erreichen, fordert die GRÜNE JUGEND eine inklusive Schule, in der jedes Individuum nach seinen persönlichen Talenten und Interessen gefördert und bei seinen Schwächen unterstützt wird. Inklusion ist nicht die Integration von bestimmten 'Randgruppen' in die Mehrheitsgruppe, sondern steht gedanklich darüber. Die SchülerInnen sollen nicht nach unterschiedlichen Merkmalen in bestimmte Gruppen unterschieden, sondern als eigenständige Individuen angesehen werden. Die diskriminierungsfreie Schule, die Diversity ermöglicht und Inklusion lebt, bildet den Überbau der autonomen und demokratischen Basisschule.

Heterogenität schaffen


Wir wollen eine Schule, die offen ist für Alle, in der Heterogenität zum Alltag gehört! In unserer Schule lernen z.B. SchülerInnen unterschiedlichster sozialer Milieus und SchülerInnen mit und ohne körperlicher und geistiger Behinderungen gemeinsam. Wir wollen keine Abschiebung von Kindern in Sonder- oder Förderschulen! Jede Schule und jede Kommune muss für eine Infrastruktur sorgen, die es jedem Kind und jedem Jugendlichen ermöglicht, die Schule der eigenen Wahl zu besuchen. Unter dieser Infrastruktur verstehen wir einerseits einen kostenlosen ÖPNV, ebenso wie eine kostenlose, ökologische Ernährung und die Bezahlung von Klassenfahrten für alle SchülerInnen sowie die Einrichtung von Rampen und weiteren behinderten gerechten Einrichtungen an Schulen. Wenn aus medizinischen, (sonder-)pädagogischen und psychologischen Gründen überhaupt keine Integration in den normalen Unterricht möglich ist, müssen spezielle pädagogische und räumliche Schutzräume zur Verfügung gestellt werden. Neben der Schaffung einer Infrastruktur liegt die Verantwortung zur Herstellung einer möglichst großen Heterogenität bei der Schule und den Kommunen. Wir halten das Modell eines Sozialschlüssels beispielsweise für eine sinnvolle Möglichkeit zur Schaffung von Vielfalt an Schulen. Als positives Beispiel sehen wir hier das Oberstufenkolleg Bielefeld.

Allgemeinbildende Schule


Bildung definiert sich unserer Ansicht nach nicht durch Bedürfnisse und Wünsche der Wirtschaft. Sie ist Selbstzweck und soll als Ideal von allen gelebt werden - ignoriert aber nicht die Mechanismen in Gesellschaft und Arbeitswelt.

Wir wollen die strikte Unterteilung in Schulfächer abschaffen. So soll zum Beispiel der Schulablauf nicht mehr in Schulstunden wie Deutsch- oder Matheunterricht unterteilt werden, stattdessen soll individuell betreute und projektorientierte Gruppenarbeit im Vordergrund stehen. Dabei wird der Schwerpunkt nicht mehr auf Faktenwissen sondern vielmehr auf die Vermittlung von Arbeitsmethoden, Lerntechniken und vor allem eines überblicksartigen Zusammenhangsverständnisses gelegt.

Ziel einer Basisschule soll die Vermittlung eines fachbereichsübergreifenden Wissensspektrums in den drei Kompetenzbereichen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften sein.

Unter Naturwissenschaften verstehen wir weit über den klassischen Kanon Mathematik, Physik, Chemie hinausgehend ganz klar die Vermittlung von praktischen Bezügen z.B. die Anwendung und Funktion eines Computers oder das Zusammenwirken eines Ökosystems. Dabei können LehrerInnen den Zugang je nach Interesse der SchülerInnen einerseits über biologische als auch über die mathematisch-physikalischen Zusammenhänge schaffen.

Geisteswissenschaften beinhalten für uns nicht nur Fremdsprach-, Geschichts- und Literaturunterricht sondern auch praxisnahe Fragen wie "Wie wollen wir leben?", kulturelle Interaktion und kreatives Arbeiten. So sollte das Augenmerk beispielsweise in Musik mehr auf einen Überblick gelegt werden - spezifische Werke können je nach Interesse der SchülerInnen ausgewählt werden. Entscheidet sich einE SchülerIn für die Auseinandersetzung mit einem literarischen Werk, so kann in diesem Zusammenhang auch den geschichtlichen Kontext mit erarbeiten werden.

Sozialwissenschaften sind für uns nicht nur der sozialwissenschaftliche Kanon wie Politik, Soziologie und Ökonomie sondern behandelt auch politische Partizipationsmöglichkeiten, Praktikum in einer Pflegeeinrichtung und das Kennenlernen unterschiedlichster Lebenskonzepte. So kann und soll auch fachbereichsübergreifend gearbeitet werden: Demographische Zusammenhänge in Indien können sowohl unter dem naturwissenschaftlichen-, geisteswissenschaftlichen als auch sozialwissenschaftlichen Aspekt betrachtet werden. Allen drei Bereichen liegt ein reflektierter und vielfältiger Umgang mit den Mutter- und Fremdsprachen zu Grunde. In allen Bereichen sollen sowohl theoretische Grundlagen als auch praxisnahe Kompetenzen vermittelt werden.

SchülerInnen, die in die 1. Klasse einer Basisschule eingeschult werden, werden sich vielleicht zu Anfang mit Autospielen beschäftigen wollen. Darauf aufbauend können PädagogInnen sie darauf sensibilisieren, aus welchen Teilen ein Auto zusammengebaut ist und zudem kann der gesellschaftliche Faktor eines Autos anhand von eigenem Geschichtenerzählen erarbeitet werden. Überleitend kann das Kind anhand dieses Beispiels auch eine Fremdsprache und Aspekte anderer Fachbereiche erlernen.

Die Verantwortung für die Umsetzung dieser Ziele obliegt dem Team vor Ort. PädagogInnen, LehrerInnen und Fachpersonal der Schule sind jedeR SchülerIn zur optimalen und individuellen Förderung verpflichtet. Dabei sind LehrerInnen und PädagogInnen aufgrund ihrer fundierten Ausbildung dafür geschult, ein Auge für die individuellen Bedürfnissen eines/einer SchülerIn zu haben und diese während der gesamten Basisschulzeit vertrauensvoll zu begleiten. Verantwortung zeigt sich z.B. darin, dass sowohl LehrerIn als auch SchülerIn mit ihrer Unterschrift unter dem Abschlussbericht versichern, gemeinsam optimale Lernwege gesucht und gefunden zu haben. "9 Jahre Bildungspflicht" meint nicht ausschließlich das Absitzen auf der Basisschulbank. Auch beispielsweise weiterbildende Praktika sehen wir als Bereicherung und gleichwertige Wissensvermittlung wie Projektarbeiten an Schulen. Auch hierbei müssen SchülerInnen individuell beraten werden und eigene Entscheidungen treffen.

Leistungsbewertung


Die GRÜNE JUGEND lehnt eine klassische Leistungsbewertung ab. Ziffernoten, wie wir sie in der Schule kennen, dienen lediglich der Absicherung der Machtpositionen der LehrerInnen. Zudem vermitteln sie eine scheinbare, objektive Vergleichbarkeit der SchülerInnen.

Die GRÜNE JUGEND fordert deshalb die Abschaffung des derzeitigen Notensystems und die Einrichtung von Lernberichten, die die individuellen Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler beschreiben. Die Berichte zum Lernvorgang sieht die GRÜNE JUGEND als das adäquate Instrument der Leistungsbeschreibung unserer Basisschule. Sie erlauben, im Gegensatz zu normierenden Bewertungssystemen, SchülerInnen als Individuen zu würdigen und ihre Leistungen als Bestandteil und Ergebnis eines Entwicklungsprozesses unter verschiedenen Aspekten (dem des individuellen Lernvorgangs, dem des Lernens in der Gruppe und dem der jeweiligen Sache) in den Blick zu nehmen.

Die Lernberichte der Basisschule erfüllen mehrere Funktionen. Sie dokumentieren, was die Schülerinnen oder der Schüler in diesem Lernabschnitt gelernt oder geleistet hat, sie informieren zugleich die Eltern, sie würdigen die Leistung und sie stellen somit ein Mittel und eine besondere Form der Kommunikation zwischen den beteiligten Personen dar.

Der/Die AdressatIn der Berichte sollen die SchülerInnen sein. Sie richten sich unmittelbar an das Kind und sind in einer dem Kind gerechten Sprache abgefasst. Die Eltern werden also mittelbar informiert.

Die Berichte sind ein wichtiger Bestandteil der gesamten pädagogischen Arbeit der Schule und nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Das heißt, dass diese Berichte nichts wesentlich Neues enthalten, sondern dokumentieren und zusammenfassen, was den SchülerInnen bereits bekannt ist. Sie beschreiben, was und wie sie gearbeitet haben. Sie beschreiben SchülerInnen und ihre Leistungen vor dem Hintergrund der jeweiligen Entwicklung. Sie beziehen sich auf das, was war und sind auch auf die Zukunft gerichtet. Zudem beschreiben und bewerten sie nicht nur, sondern geben auch Beratung, 'Unterstützung, Hilfe und Ermutigung. Sie dürfen nie verurteilen, also nichts festschreiben, was das Kind als unabänderlich verstehen muss, z. B. Charaktereigenschaften. Sie beschreiben und würdigen vielmehr einen Lern- und Entwicklungsprozess.

Sie sind Bestandteil und Ergebnis eines kommunikativen Prozesses zwischen Erwachsenen und Kindern und können als solche auch veränderbar sein. Als gutes Beispiel dieser Bewertungsmethodik sehen wir die Laborschule Bielefeld, die dieses unter wissenschaftlicher Betreuung der Universität Bielefeld bereits seit Jahren erfolgreich anwendet. Anstatt auf Abschlusszeugnisse setzt die Basisschule auch hier auf Abschlussberichte, die den gesamten Schulverlauf der SchülerInnen dokumentieren und Stärken herausarbeiten. Die Abschlussberichte geben Auskunft über ein differenziertes und nachvollziehbares Profil der SchülerInnen. Deshalb sieht die GRÜNE JUGEND in diesen auch eine bessere Grundlage für Einstellungen als herkömmliche Zeugnisse mit intransparenter, subjektiver Notenvergabe.

Kontrolle und Evaluation


Evaluation und Kontrolle der Schulen sollen klar getrennt werden. Staatliche Kontrolle überprüft regelmässig, ob gesetzlicheVorgaben eingehalten werden. Entsprechend des Ansatzes, Schulen Autonomie in ihren Entscheidungen zu bieten, wird diese Kontrolle nur Rahmenbedingungen in den Blick nehmen und ist nicht mit den derzeit üblichen, stark hierarchisch organisierten, Reglementierungen zu vergleichen. Nur wenn LehrerInnen oder PädagogInnen ihre Verantwortungs- und Fürsorgepflicht massiv vernachlässigen, gibt es staatliche Interventionen.

Schulerfolg hingegen wird von wissenschafltichen Einrichtungen evaluiert. Diese dient der Verbesserung der Lehr- und Lernqualität und darf daher, um offene, produktive Arbeit zu ermöglichen, in keinem direkten Zusammenhang mit staatlicher Kontrolle stehen. Evaluiert werden sollen nicht nur die vermittelten fachlichen Kompetenzen, sondern das gesamte Spektrum der pädagogischen Arbeit vor Ort. Dazu gehören z.B. auch Wohlbefinden der SchülerInnen, soziale Kompetenzen, kritische Betrachtungsmethoden und Selbstreflexionsvermögen. Durch einen öffentlichen Bericht über die Evaluationsergebnisse soll sichergestellt werden, dass grundlegende Lerninhalte der Basisschule allen SchülerInnen garantiert sind. Dieser Bericht soll nicht als Ranking dienen und Schulen einem wirtschaftlichen Konkurrenzdruck aussetzen sondern das Einhalten der Bildungsziele der Basisschule sichern. Generell werden schulische Prozesse transparent gemacht.

Lerninhalte


Die GRÜNE JUGEND fordert zur besseren Vergleichbarkeit und zu einer guten Zielbestimmung des autonomen Lernprozesses die Abschaffung von Lehrplänen und die Einführung von nationalen Bildungsstandards. Diese sind aber keine Festschreibung von reinem Faktenwissen, so genannten "Hard Skills", wie z.B. das Lesen von Effi Briest, sondern sie setzen viel mehr auf die Festschreibung von Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, so genannten "Soft Skills", die einE SchülerIn nach dem Abschluss der Basisschule haben sollte. Darunter gehören Dinge wie die Fähigkeit, einen Text selbstständig zu bearbeiten und mathematische Probleme zu erfassen genauso wie Rhetorik, Moderation und Teamarbeit.

Bildung ist Bundessache!


Bildungspolitik ist nicht länger Ländersache. Der Bund schafft einheitliche Rahmenbedingungen, garantiert die Einhaltung der Bildungsziele und stellt die Mittel zur Verfügung. Kommunen organisieren die Infrastruktur vor Ort (Gebäude, ÖPNV) und führen Schul- und Stadtplanung zusammen. Ein gutes Bildungssystem benötigt deutlich mehr Mittel als bisher zur Verfügung gestellt werden. Eine radikale Erhöhung des Etats für Bildung ist deshalb zentrale, mit der Einführung des Basisschulsystems verbundende Forderung der GRÜNEN JUGEND.

Lebenslanges Lernen auch über die Basisschule hinaus


berufliche Ausbildung

Für die GRÜNE JUGEND sollen Ausbildung und Praktikum nicht mehr als Ausbeutung der Lernenden verstanden werden. Die GRÜNE JUGEND sieht in der Betreuung ebenso wie im Lernprozess die Grundlage einer jeden Ausbildung. Die GRÜNE JUGEND hält am dualen Ausbildungssystem fest, sieht aber keine Notwendigkeit mehr für einen allgemeinbildenden Lernkanon an Berufsbildenden Schulen. BerufsschülerInnen werden dafür Möglichkeiten eröffnet, an Volkshochschulen oder den Studienvorbereitenden Schulen sich weiterhin allgemein und breit gefächert zu bilden.
Studienvorbereitende Schule
Die GRÜNE JUGEND sieht in den Studienvorbereitenden Schulen die Möglichkeit, sich in einem schulischen Rahmen kostenfrei auf ein Hochschulstudium vorzubereiten. Die Studienvorbereitende Schule tritt dabei an die Stelle der heutigen Sekundarstufe II ("Oberstufe"). Hier werden unterschiedliche Kurse weit über den heute üblichen Fächerkanon hinaus angeboten. Wissenschaftliches Arbeiten soll eingeübt und erprobt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Oberstufenkolleg Bielefeld. Die Grundsätze der Basisschule gelten auch in der Studienvorbereitenden Schule, sie baut auf der Basisschule auf und kann auch an eine solche angegliedert sein.
Studium

Die GRÜNE JUGEND sieht die Hochschulbildung als originäre staatliche Aufgabe und fordert deswegen ein gebührenfreies Studium (egal ob Erst -, Zweit-, oder Drittstudium). Studentische Mitbestimmung muss ausgebaut werden, analog zum Demokratiesierungsprozess an Schulen. Hochschulbildung muss unabhängig vom Interesse und Einfluss wirtschaftlicher Unternehmenen und Interessensverbänden stattfinden.

Die Bewerbung an einer Hochschule erfolgt in der Regel mit dem Abschlussbericht der Studienvorbereitenden Schule, welcher wie der Abschlussbericht der Basisschule auch keine Ziffernnoten enthält. Auf dieser Basis entscheidet die Hochschule individuell über Zulassung und Eignung zu einem Studiengang. Um das Schulsystem aber durchlässiger zu machen und nach der Basisschule auch individuelle Bildungswege zu ermöglichen, sollen sich auch Menschen mit einem Berufsausbildungsabschluss oder nur mit dem Basisschulabschluss an einer Hochschule bewerben können. Für diese BewerberInnen müssen die Hochschulen fachgerechte Eingangsprüfungen anbieten.
Volkshochschulen

Die GRÜNE JUGEND fordert kostenlose Volkshochschulen für alle. Hier können sich Berufstätige genauso wie BerufschülerInnen entsprechend ihrer Interessen fortbilden.

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