Grußwort der Heinrich-Böll-Stiftung
17.05.2008: Ein Grußwort des Vorstandes der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, zum 30. Bundeskongress der GRÜNEN JUGEND in Bonn.
"Wem gehört die Welt?" In der globalen Wissensgesellschaft, in der wir heute leben, übersetzt sich das Leitthema des diesjährigen Bundeskongresses der GRÜNEN JUGEND immer mehr in die entscheidende Frage, wem das Wissen der Welt gehört.
Wissen hat eine wunderbare Eigenschaft. Anders als gewöhnliche Güter wird Wissen durch Gebrauch und Weitergabe nicht verbraucht oder abgenutzt. Im Gegenteil: es wächst weiter an und kann immer wieder neu als Quell gesellschaftlicher und technischer Innovationen dienen. Trotz - oder gerade aufgrund - dieser Eigenschaft sind um die Wissensbestände heftige Verteilungskämpfe entbrannt. Wissen ist, wie man zu Recht sagt, Macht - und es ist eine wichtige Ressource. Den Zugang zu Wissen einzuengen und zu kontrollieren verspricht hohe Renditen. Die Felder auf den das in besonderem Maße gilt, benennt das Programm des Kongresses: das Urheberrecht, digitales geistiges Eigentum, Patente auf Gene und auf Pflanzen.
Ganz ohne den Schutz des Wissens kommen wir nicht aus. Gäbe es das zeitlich begrenzte Recht nicht, sich Gewinne aus Ideen und Erfindungen zu sichern, würden die Anreize für Künstler, Erfinder und Unternehmen fehlen, sich überhaupt an der gemeinschaftlichen Wissensproduktion und der Entwicklung von Produkten zu beteiligen. Diese Anreize schaffen - und zwar als Ausnahme von der prinzipiellen Freiheit des Wissens! - geistige Eigentumsrechte. Bei ihrer Gewährung darf das Interesse der Allgemeinheit aber nicht aus den Augen verloren gehen.
Oft gerät diese Abwägung aus der Balance: Wenn bereits vorhandenes Wissen von einzelnen monopolisiert wird, wenn Schutzrechte immer weiter verlängert werden, wenn öffentlich finanziertes Wissen privat zu Geld gemacht wird oder wenn technische Mittel eingesetzt werden, um den eigentlich freien Zugang zu Wissen zu beschränken.
Öffentliches Wissen sollte als wichtiger Teil der öffentlichen Infrastruktur betrachtet werden, genauso wie Schulen, Hochschulen und soziale Einrichtungen. Gegen eine unangemessene Verknappung öffentlichen Wissens muss sich grüne Politik wenden - und zwar nicht zuletzt weil sie die Innovationsfähigkeit von Gesellschaften herabsetzt. Und auf diese Innovationsfähigkeit können wir nicht verzichten, wenn wir die großen Herausforderungen unserer Zeit, z.B. die des Klimawandels meistern wollen. In diesem Sinne wünsche ich spannende Diskussionen und einen erfolgreichen Kongress.


