Hörsaal (Foto: threedots http://creativecommons .org/licenses/by-sa/3.0/deed.de [cc])

Bologna – ja, aber ganz anders!

01.03.2010: Beschluss des Bundesausschuss vom 26.-28. Februar 2010 in Wittenberg

Was will Bologna?

Die Aktionen im Bildungsstreik haben gezeigt, dass viele StudentInnen mit der deutschen Hochschulpolitik unzufrieden sind. Dabei sind sie sich einig, dass die Umsetzung des Bologna-Prozesses in Deutschland miserabel ist. Uneins allerdings sind sich viele bei den Konsequenzen daraus. Diskutiert wird die komplette Rückabwicklung der unter dem Bologna-Deckmantel durchgeführten Reformen oder die Reform der Reform.

Um zu einer differenzierten Position zu kommen, müssen wir uns die Bologna-Erklärung genau anschauen. Für den Bologna-Prozess werden dort folgende Ziele genannt:

  • Einführung leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse
  • Einführung eines Zwei-Stufen-Systems aus undergraduate (mindestens drei Jahre Studium) als ersten Abschluss und graduate als zweiten Abschluss (genannt werden als Beispiele Master und Promotion)
  • Einführung eines Leistungspunktesystems mit der Möglichkeit auch außerhalb der Hochschule im Sinne des Lebenslangen Lernens Punkt zu sammeln.
  • Förderung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden
  • Förderung zur europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätsentwicklung

Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Ziele zu den ursprünglichen hinzu: Unter anderem auch die stärkere Beteiligung von Studierenden in den Gremien der Hochschulen und die Förderung eines lebenslangen Lernens. Doch auch die stärkere Kooperation zwischen Hochschulen und Wirtschaft steht immer mehr im Vordergrund bei der Umsetzung der Reform.

Ziel des Prozesses ist es also, einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen und in diesem Zuge auch die Qualität des Studiums europaweit zu verbessern. Vorsicht ist jedoch angebracht bei dem Schrei nach der Zusammenarbeit mit Wirtschaftsverbänden.

Wie wird Bologna in Deutschland umgesetzt?

Die deutsche Umsetzung der Bologna-Erklärung zeichnet einen europäischen Alleingang. Es erweckt den Anschein, dass die deutschen KultusministerInnen nicht in der Lage sind, die Ziele und Chancen des Bologna-Prozesses wirklich zu erkennen. Von einer Erhöhung der Mobilität, von einem Leistungspunktesystem, das lebenslanges Lernen ermöglicht, und von einer Steigerung der Qualität des Studiums fehlt jede Spur.

Stattdessen wurde auf Anregung von WirtschaftsvertrerInnen die Studienzeit der alten Magister und Diplomstudiengänge radikal auf sechs Semester gekürzt. Dies allerdings, ohne die Curricula der Verkürzung anzupassen. Jede Hochschule hat sich eigene Modelle zur Modularisierung ausgedacht und die Punktesysteme sind weder einheitlich, noch intelligent umgesetzt. Bologna bietet einige Ansätze, um das deutsche Hochschulwesen zu verbessern. Stattdessen wurden bestehende Probleme verschärft und neue geschaffen. Als Leitbild diente dabei nicht etwa die freie Entfaltung der Persönlichkeit oder die Aneignung von Wissen bei den Studierenden. Es ging in Deutschland von Beginn an um die Frage, wie Studierende so schnell wie möglich und so verwertbar wie möglich auf den Arbeitsmarkt geschickt werden können.

Die Folgen sind teilweise fatal. Um den Stoff aus vorher bis zu neun Semestern in sechs Semester zu vermitteln, wurde die Präsenszeit in der Uni nach oben geschraubt. Damit die StudentInnen auch wirklich kommen, gibt es fast überall Anwesenheitspflichten. Hier lässt sich das Missverständnis bei den Leistungspunkten erkennen. In Deutschland sind die Leistungspunkte an den belegten Semesterwochenstunden, plus Vor - und Nachbereitung, orientiert. Um diese nachzuweisen, gilt die Anwesenheitspflicht. Dies ist ein deutscher Alleingang ohne jeglichen Sinn. Eine weitere Neuerung durch Bologna sind Teilnahmeleistungen wie Hausaufgaben, Essays o.Ä., die in Seminaren und Vorlesungen abgeliefert werden müssen. Zudem steht am Ende der Veranstaltung meistens eine verpflichtende Modulabschlussprüfung, häufig Klausur oder Hausarbeit. Diesen hohen Druck halten viele StudentInnen nicht mehr aus. Die Vorstellung, dass Studierende unter mehr Druck auch mehr lernen, ist wissenschaftlich nicht haltbar und verkennt den menschlichen, persönlichkeitsbildenden Aspekt von Bildung. Sie bringt daher letztendlich auch ökonomisch keine Vorteile.

Die Modularisierung sollte die Hochschulen untereinander besser vergleichbar machen, und damit die Mobilität von Studierenden fördern. Dabei hat sie zweifach versagt: Zusammen mit der Verkürzung der Studienzeit macht das Einzwängen der Lehrinhalte in Module interdisziplinäres Studieren unmöglich. Zeitgleich wird die Mobilität aus Zeitdruck und mangelnder Vergleichbarkeit eingeschränkt anstatt gefördert!

Das Studium wird immer verschulter, denn es geht nicht darum, klüger zu werden, sondern alle verpflichtenden Module abzuhaken. Bildung zum Selbstzweck – u.A. Wahlfreiheit, ausreichend Zeit um sich tiefgründig mit Themen auseinanderzusetzen, sowie breite Angebote von Studienfächern und unterschiedlichen Seminaren – ist nicht möglich. Kaum einE StudentIn schafft es, während seines/ihres Bachelorstudiums über den Tellerrand zu schauen und auch Erfahrungen außerhalb der Uni oder auch nur des eigenen Fachbereichs zu sammeln. Engagement – sozial oder politisch – ist kaum mit den Leistungsanforderungen zu vereinen.

Module und Punktesysteme vereinheitlichen den europäischen Hochschulraum nicht – sie lassen ihn auseinander klaffen. Zu unterschiedlich haben die einzelnen Hochschulen und Länder Europas die Anforderungen umgesetzt. Viele Univerwaltungen erkennen Leistungen, die an anderen Hochschulen erbracht wurden, nicht an. Wer die Hochschule während des Studiums wechselt, läuft Gefahr, noch mal ganz von vorne beginnen zu müssen. Problematisch ist dabei auch, dass immer weniger Studierende ein Auslandssemester wahrnehmen. Vor allem der hohe Druck, aber auch das Problem der Anrechenbarkeit von Studienpunkten sind die Ursachen. Die angestrebte höhere Mobilität durch bessere Vergleichbarkeit im europäischen Hochschulraum ist also maßgeblich gescheitert! Durch das Fehlen einheitlicher Standards und die bürokratische Umsetzung des Punktesystems ohne jegliche Kulanz verfehlt die Umsetzung von Bologna ihr Ziel, Mobilität zu schaffen nicht nur knapp. Statt eine höhere europäische Mobilität zu ermöglichen, wurde schon der Wechsel der Hochschule innerhalb Deutschlands erheblich erschwert.

Die wirtschaftliche Verwertbarkeit, beruhend auf der Studienzeitverkürzung, wird vor allem in der Modularisierung und der Studienzeitverkürzung sichtbar. Der Einfluss, den Wirtschaftsunternehmen auf eine europäische Bildungsreform haben, ist erschreckend: Weniger Zeit, mehr verpflichtende Veranstaltungen, mehr Druck, mehr Vorlesungen aus wirtschaftlicher Sicht – kritisches Denken scheint nicht mehr gefragt!

Dazu kommt die Verschärfung der in Deutschland sowieso schon starken sozialen Hürden zur Aufnahme eines Studiums. Der hohe Druck, innerhalb der Regelstudienzeit zu studieren, führt dazu, dass es kaum wer schafft, nebenbei zu jobben. Gerade darum überlegen sich viele AbiturientInnen aus sozial schwächeren Familien ob sie ein Studium aufnehmen. Zusätzlich gibt es in manchen Bundesländern mittlerweile Studiengebühren. Auch der Arbeitsmarkt ist nicht auf die neuen Abschlüsse eingestellt, obwohl er sie forderte. Die AbsolventInnen mit Bachelorabschluss konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt mit Jugendlichen mit einer abgeschlossen Berufsausbildung. Trotz mangelnder Berufserfahrung gewinnen dabei oft die Studierten.

Das deutsche Hochschulsystem war bereits vor Bologna in der Krise. Die Chancen, die Bologna unter Anderem bot, blieben ungenutzt liegen. Dabei wäre es möglich gewesen, eine sinnvolle und von allen getragene Umsetzung der Bologna-Ziele zu schaffen. Aber statt die Betroffenen, also die Studentinnen und Studenten in den Prozess einzubinden, wurden ihre Warnrufe ignoriert. Das Ergebnis ist jetzt zu sehen.

Wie weiter mit Bologna?

Wir lehnen den Bologna-Prozess in seiner derzeitigen Form ab. Die GRÜNE JUGEND steht hinter der Idee eines europäischen Hochschulraumes – sie muss aber richtig umgesetzt werden! Die Probleme liegen also nicht nur an Bologna, sondern vor allem am deutschen Alleingang bei der Umsetzung, sowie bei der starken Einbeziehung wirtschaftlicher Interessen.

Wer glaubt, eine Systemumstellung, die gleichzeitig höhere Mobilität, bessere Qualität und mehr Flexibilität des Studiums bringen soll, darf nichts kosten, ist allerdings auf dem Holzweg. Leider erweckt die deutsche Umsetzung aber genau diesen Eindruck. Die Unis waren bereits vorher unterfinanziert und sind es jetzt immer noch. Um eine gute Umsetzung der Bologna-Ziele zu ermöglichen, braucht es keine Exzellenzinitiativen, die lediglich einer kleinen Elite helfen. Auch die Einführung von Studiengebühren hilft nicht weiter. Die Hochschulen brauchen mehr Geld, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Bei einer konsequenten und guten Umsetzung der Bologna-Kriterien – ohne eine wirtschaftliche Ausrichtung – bietet sich eine große Chance für die Qualität der Lehre und für eine echte Flexibilisierung des Studiums. Das Zwei-Stufenmodell ermöglicht einen den Umstieg ohne am Ende ohne Abschluss dazustehen. Auch ein verkürzter Bachelor auf sechs Semester kann gut sein. Aber in so einem Fall muss der Master der Regelabschluss und für alle zugänglich sein. So wird auch ein guter und schneller Ausstieg aus einem Studium ermöglicht, ohne das man ohne Abschluss dasteht. Es gilt die Modularisierung und die Flexibilisierung ernst zu nehmen und die Überregulierung einzuschränken. Genauso muss ein Schlussstrich unter die Mitspracherechte der Wirtschaftsverbände gezogen werden. Stattdessen müssen die Studierenden endlich mitreden können. Ziel ist es, endlich ein freies und echtes Studieren zu ermöglichen.Wir sind es Leid, seit Beginn der Bildungsproteste von den Verantwortlichen der Hochschulpolitik vertröstet zu werden. Niemand will für die Misere verantwortlich sein, aber alle versprechen immer wieder Besserung. Gehandelt wurde aber bisher nicht, es herrscht seit Jahren Stillstand. Wir fordern daher eine Reform der Reform unter Beteiligung der studentischen Gremien. Ziel der Reformen soll sein:

  • keine Orientierung des Studiums an wirtschaftlichen Gegebenheiten
  • Abkehr von den sechs Semestern Regelstudienzeit für den Bachelor
  • Mehr Mitbestimmung durch Studierende durch eine paritätische Besetzung aller relevanten Gremien
  • Abkehr der Bindung von Leistungspunkten an Semesterwochenstunden
  • Reservierung von mindestens 1/3 der zu erbringenden Leistungspunkte zur freien Auswahl durch die Studierenden (ähnlich dem System in den Niederlanden), also ein bis zwei Semester Studium Generale
  • Master als Regelabschluss etablieren und damit die zusätzlichen Hürden zur Aufnahme eines Masterstudiengangs abschaffen
  • Erhöhung des Anteils für Bildungsausgaben auf mindestens 7% der Wirtschaftskraft
  • Zusätzliche fünf Milliarden Euro für die Lehre an Hochschulen zur Verbesserung der Qualität und für eine konsequente Umsetzung des Bologna-Prozesses
  • Abschaffung aller Studien- und Bildungsgebühren
  • Weniger Bürokratie an den Hochschulen durch flexiblere Regelungen und mehr Personal in der Verwaltung
  • Flexibilisierung der Hochschulzugangsberechtigung