Fuck Gender, be yourself – Queer feministisches Manifest
28.04.2009: Manifest der Arbeitsgruppe "Geschlechter abschaffen!"
Wir leben in einer Gesellschaft, in der Geschlecht das Leben der Menschen bestimmt. Wir wollen einen queer_feministischen Aufbruch innerhalb unseres Verbandes erreichen und diesen in die Gesellschaft tragen! Feministische Theorien haben auf Geschlechterverhältnisse und Ungleichheiten aufmerksam gemacht. Queere Theorien erweitern diese Analyse um dekonstruktivistische Perspektiven und Identitätskritik. Queer ist ein aktionistischer, gesellschaftspolitischer Ansatz, der bestehende Geschlechternormierungen aufbrechen will. Ausgang dieser Theorien ist eine grundsätzliche Herrschaftskritik auf der Basis von Geschlecht und Sexualität.
Geschlecht bestimmt Leben!
Unsere Welt ist in allen Bereichen von einer tiefgreifenden Vergeschlechtlichung geprägt. Ob in Kleidungsabteilungen, in der Kosmetikindustrie oder sogar in Lebensmittelläden, überall begegnen uns vergeschlechtlichte Produkte und dazugehörige vorgefertigte Identitäten. Das Parfüm für den Mann, die Vitaminpillen für die Frau oder die jeweilige geschlechtsbezogene Kleidung, kaum ein Lebensbereich ist frei von solchen starren Geschlechterkategorien. Damit ist eine Hierarchisierung der Geschlechter verbunden, die ein emanzipatorisches Zusammenleben unmöglich macht. Wir fordern eine neue, kritische Perspektive zu diesen einengenden Rollenbildern und Machtverhältnissen und haben ihre gesellschaftliche Auflösung zum Ziel.
Smash patriarchy!!
Die Frauenbewegung hat entstandene patriarchale Machtverhältnisse aufgedeckt, auf diesen Widerstandspotentialen wollen wir aufbauen. Ein konstanter Prozess der Emanzipation von patriarchalen Herrschaftsmechanismen muss nun weiterentwickelt und neu belebt werden. Frauenpolitische Maßnahmen sind auch heute noch von großer Bedeutung für eine gleichberechtigte Frauen- und Genderpolitik. Da Weiblichkeit in unserer Gesellschaft nach wie vor abgewertet, Frauen in der Gesellschaft immer noch weitestgehend marginalisiert und diskriminiert werden. Wir schließen unsere Augen nicht vor Machtstrukturen, die am stärksten Frauen, aber im Grunde allen Menschen ein gleichberechtigtes Leben verwehren. Deshalb formulieren wir eine radikale queer_feministische Herrschaftskritik, die sowohl dekonstruieren will, aber auch Kategorien nutzt, um auf Herrschaft hinzuweisen.
Queer_feminismus als Widerstand gegen Heteronormativität und patriarchale Herrschaft!
Wir sind der Auffassung, dass Sexualität grundsätzlich die Art, wie Herrschaftsverhältnisse in unserer Gesellschaft funktionieren, bestimmt. Biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht und Begehren sind innerhalb einer sozialen Verbindung miteinander verschränkt. In unserer Gesellschaft drückt sich diese Verschränkung in Heteronormativität aus. Damit wird ein System beschrieben, welches von einer zweigeschlechtlichen Norm ausgeht, in der sich die beiden Geschlechter in ihrem Begehren wechselseitig aufeinanderbeziehen; das heißt eine Frau muss einen Mann begehren und umgekehrt. Formen sexueller Identität, die davon abweichen, werden in unserer Gesellschaft diskriminiert und teilweise politisch wie auch sozial bekämpft. Das so erzeugte Unterdrückungsverhältnis geht nicht von irgendeiner dubiosen Herrscher_innenelite aus. Wir reproduzieren diese Machtverhältnisse selbst in unserem sozialem Miteinander, indem wir uns als Mann oder Frau erkennen, von geschlechtsspezifischen Bedürfnissen ausgehen und uns dementsprechend verhalten. Diese Wirkmechanismen sind ungemein mächtig. Wir wollen nicht hilflos vor ihnen stehen, sondern ständig an deren Dekonstruktion arbeiten, um zu einer freien Gesellschaft zu gelangen. Deshalb müssen wir unsere Sexualität endlich auch politisch erfassen und auch so diskutieren! Es ist Zeit für eine neue Utopie! Für einen Aufbruch in eine queer_feministische Zeit! Wir wollen eine Gesellschaft, in der Menschen frei von starren Geschlechtszuschreibungen leben und eigene Identitäten entwickeln können. Deshalb ist unsere Zielvorstellung eine Abschaffung von staatlich und sozial festgeschriebenen Geschlechtszugehörigkeiten. Lasst uns Geschlechter aufbrechen und Menschen werden!
Unser Ziel ist eine gemeinsame Befreiung!!
Glossar:
Dekonstruktivistisch: Soziale Wirklichkeiten als historisch-kulturell gesetzte Größen erkennen und in ihrem Wahrheitsanspruch negieren. Dazu gehört, die Verhältnisse und Wirkmechanissmen, durch die diese Wirklichkeiten entstehen nachzuvollziehen und die Bewegung der Wirklichkeitsproduktion umzukehren, damit das als wahr geglaubte als fiktiv enttarnt und in seinem strukturierten Funktionieren erschüttert wird.
Reproduzieren: aktives Erhalten des Gegebenen. Das, was bereits da ist, wird immer wieder neu hergestellt, so dass es bestehen bleibt, wie es ist.
Queer: engl. Komisch, anders, von der Norm abweichend.
Frauen, Männer und andere Geschlechter: Hiermit meinen wir keine biologischen Kategorien, sondern sozial wahrgenommene Gruppen.