Der Helle Wahn - Rassistische Realität in Deutschland
08.02.2010: Der folgende Artikel ist Teil der Artikelserie des Fachforum Demokratie und Antirassismus. Am 13. Februar findet der größte Naziaufmarsch Deutschlands in Dresden statt. Doch nicht nur durch Nazis werden in Deutschland Menschen diskriminiert. Der Alltagsrassismus trifft hierzulande viele Menschen. Ein Phänömen, über welches Christoph Müller schreibt.
Der Helle Wahn - Rassistische Realität in Deutschland
Rassismus ist der Apparat, der Menschen systematisch zu "Fremden" macht. (Mark Terkessidis)
Beim Thema „Rassismus“ denkt man hierzulande meist an jugendliche Gewalttäter und Neonazis. Zu Recht! Schließlich geht von Neonazis nach wie vor eine brutale Bedrohung aus. Seit der Wiedervereinigung wurden in Deutschland 149 Menschen aus rechtsextremen, rassistischen oder antisemitischen Gründen ermordet.[1] Aber auch zu Unrecht! Denn Nazis und ihre Gewalt bilden nur die Spitze des Eisbergs eines alltäglichen Rassismus. Die Rassistische Realität manifestiert sich in scheinbar nett gemeinten Fragen, wie „Woher kommen Sie?“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch!“.
Der alltägliche Rassismus ist kein Randphänomen in der Neonazi-Szene, sondern befindet sich in unser aller Köpfe. Sozialisiert in einer Gesellschaft, in der Schwarze Menschen ständig als „exotisch“, „fremd“ und einfach anders dargestellt werden, haben sich die rassistischen und stigmatisierenden Bilder fest in unsere Köpfe gebrannt. Dabei ist egal ob in diesen Bildern, Schwarze als sportliche Baseball-Cracks mit dem besonderen Rhythmus im Blut dargestellt werden oder als Drogendealer und Prostituierte gelten. In beiden Fällen werden Menschen nicht als Individuen behandelt, sondern als Angehörige einer Gruppe. Das Problem heißt Rassismus, wenn aus dieser Gruppenzugehörigkeit unveränderliche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Charakterzüge abgeleitet werden.
Schwarze Menschen sind als „äußerlich erkennbare Minderheit“ in Deutschland besonders häufig und in besonderem Ausmaß mit Rassismus konfrontiert. Das fängt damit an, dass sich viele weiße Deutsche scheinbar schlicht nicht vorstellen können, dass es auch Schwarze Deutsche gibt. Eben diese Vorstellung impliziert die harmlos wirkende Frage: „Woher kommst du?“, die sich Schwarze Tag ein, Tag aus von wildfremden Weißen gefallen lassen müssen. Das hinter der Frage mehr als nett gemeintes Interesse steckt, zeigt sich schon daran, dass sich die Fragenden normalerweise nicht damit zu Frieden gibt, wenn die Antwort Hannover oder Detmold lautet. In ihren Köpfen haben sie Schwarze Menschen offensichtlich fest als fremde Wesen, aus dem afrikanischem Busch abgespeichert. Dazu passend werden Schwarze immer wieder generell als „Afrikaner“ bezeichnet.[2] Das mag daran liegen, dass viele nicht wissen, dass die politisch korrekte und vor allem selbst gewählte Bezeichnung für Schwarze „Schwarze“ ist, offenbart aber vor allem die rassistische Vorstellung, dass jedeR Schwarze einE „AusländerIn“ oder gar einE „AfrikanerIn“ sein muss.
Während viele Weiße stolz sagen, für sie spiele die Hautfarbe überhaupt keine Rolle, werden Schwarze in Deutschland alltäglich und ständig damit konfrontiert, dass sie eine andere Hautfarbe als die Mehrheitsgesellschaft haben. Es ist also schon ein Privileg von Weißen in der weißen Mehrheitsgesellschaft, die eigene Hautfarbe einfach vergessen zu können. Das fällt einem Schwarzen Menschen nicht so leicht, weil sich die unzähligen undifferenzierten und stigmatisierenden Bilder der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf sein tägliches Leben auswirken. Was Schwarze das Vergessen ihrer Hautfarbe in Deutschland unmöglich macht, sind aber nicht nur die nervenden Blicke, Fragen und Handlungen anderer Menschen, sondern auch die faktische Diskriminierung in Institutionen. Sei es in der Schule, bei der Job- oder Wohnungssuche. Die Polizeikontrollen haben da in Deutschland eine besondere Qualität. „Racial Profiling“ nennt man die polizeiliche Fahndungstechnik, die der Polizei erlaubt, „verdachtsunabhängige Personenkontrollen“ durchzuführen. JedeR kennt die Szenen, in denen am Hauptbahnhof Schwarze ins Visier der Polizei geraten, während Weiße, die ja ebenso VerbrecherInnen aus dem In- und Ausland sein könnten, in der Regel unbehelligt bleiben. Fast auf der ganzen Welt wird „Racial Profiling“ bekämpft und abgeschafft, aber in Deutschland werden damit weiter für jede Person, die nicht weiß ist, grundsätzliche BürgerInnenrechte eingeschränkt. Es kommt immer wieder vor, dass PolitikerInnen demokratischer Parteien die in der Bevölkerung weit verbreiteten rassistischen Vorbehalte nutzen wollen, um Stimmen zu gewinnen. Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind die rassistischen Äußerungen des CDU-Politikers Roland Koch in Hessen zum Thema Jugendkriminalität oder die Aussage von Klaus Eckhard Walker, Kandidat der Linkspartei für das Amt des Saarbrücker Regionalverbandsdirektors, der meinte: „Die Bewohner des Asylbewerberheims sollen sich an die Gepflogenheiten des Gastlandes halten oder wieder zurück in den Kongo gehen, wo sie ums Feuer tanzen können, bis sie schwarz werden, was sie aber schon sind.“ Erschreckend, dass so oftmals gerade diejenigen rassistische Vorurteile in der Gesellschaft schüren, die politische Verantwortung übernehmen wollen. Auch die Grünen sind in dieser Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt. Spätestens seitdem die Grünen in der Kleinstadt Kaarst im Wahlkampf mit einem Plakat für sich warben, auf dem ein nackter Schwarzer Frauenhintern abgebildet ist, welcher von weißen Händen umfasst wird. Darüber stand der Slogan „Der einzige Grund Schwarz zu wählen.“ Für dieses rassistische und sexistische Plakat verlieh der Verein „Braune Mob“ dem grünen Stadtverband Kaarst und der Landesgeschäftsstelle in NRW die „Braunen Karte“.[3] Besonders bezeichnend waren damals die Reaktionen der kaarster Grünen auf die Kritik, als sie das Plakat noch wochenlang rechtfertigten, mit dem Hinweis, man haben vor der Veröffentlichung Menschen mit Migrationshintergrund [sic!] gefragt, die das Plakat in Ordnung gefunden hätten. Nach anhaltender Kritik u.a. von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland [4], beschloss man das Plakat aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, versandte aber trotzdem noch eine Postkartenkampagne mit dem rassistischen und sexistischen Motiv an ErstwählerInnen (ab 16. Jahre). Diese Geschehnisse machen klar, dass der alltägliche Rassismus auch nicht vor Personen und Gruppen halt macht, die ihrem Selbstverständnis nach antirassistisch sind. Wer dem Wort gerecht werden will, muss einsehen, dass antirassistisches Engagement nicht beim Kampf gegen Neonazis – so wichtig dieser auch ist – aufhören darf. Die Bilder und Strukturen des alltäglichen Rassismus müssen offensiv reflektiert, aufgezeigt und aufgelöst werden. Fangen wir bei uns selbst an!
Christoph Müller [5](23) ist Student der Sozialwissenschaften (Sozialpsychologie, Soziologie und Politische Wissenschaft) in Hannover und Koordinator des FaFo Nahost (Israel und Palästina) in der Grünen Jugend. Er ist weiß und reflektiert über die damit verbundenen Privilegien in einer rassistisch geprägten Gesellschaft am liebsten mit Noah Sows Buch: “Deutschland Schwarz-Weiß“ [6].
[1] www.opferfonds-cura.de/index.php?Itemid=5&id=49&option=com_content&task=view ^
[2] wiki.gruene-jugend.de/index.php/Begriffe._Antirassismus ^
[3] blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2009/08/BKarte_Erklaerg_GrueneKaarst.pdf ^
[4] www.isdonline.de/modules.php?name=News&file=print&sid=219 ^