(Pseudo-) Religion und rechter Extremismus

21.03.2006: Was haben Religion und politischer Extremismus miteinander zu tun? Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten jedoch sehr viel. Von Marcel Raschke

Wird vor allem der Terrorismus im Zusammenhang mit religiösem Fundamentalismus als Beispiel gebracht, so gibt es auch bei anderen politischen Extremen Verbindungen zur Religion. Bilder von Inszenierungen aus dem dritten Reich, etwa große Fackelmärsche, Symbole und das gezielte Einsetzen von Musik appellierten an die Emotionen der Bevölkerung. Kulte zeigten Vergleichbarkeiten zu Glaubenszeremonien auf.

Der Engländer Nicholas Goodrick-Clarke hat in seinem viel beachteten Standardwerk "The occult roots of racism" (Titel der deutschen Ausgabe: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus) aufgezeigt, welcher religiös-mystischer Elemente sich die Nationalsozialisten bedienten und welche merkwürdige esoterische Vereinigungen im Vorfeld des dritten Reichs existierten, bei denen auch Adolf Hitler selbst häufiger Gast war. Diese Organisationen predigten eine Art Glauben, aufbauend auf eigenen Interpretationen der Geschichte.

Prägende Charaktere der wichtigsten antisemitischen Glaubensform "Ariosophie" waren Jörg Lanz von Liebenfels und Guido von List. List gilt als Begründer der Ariosophie, Lanz von Liebenfels als sein Schüler. List betrachtete sich als der letzte Magier der "Armanen", die er als die früheren geistigen Führer, so eine Art Priester der "Arier" ansah. Er sprach bereits von einem rassistischen Staat und sah in einem durch die Arier selbstgewählten "Führer" die neue Herrschergestalt. Seine "Erkenntnisse" erlang List in einer Phase längerer Blindheit und Krankheit durch "göttliche Visionen". List setzte sich auch mit Runen auseinander und begründete die "Runen-Esoterik". Bedauerlicherweise finden sich noch heute von ihm Werke zur Runenkunde im Buchhandel, ohne nähere Erläuterungen den Hintergrund seiner Person betreffend.

Zur Unterstützung von List gründete dessen Schüler und Freund Lanz von Liebenfels 1905 in Wien die Guido-von-List-Gesellschaft, welche in Österreich zu einem Zentrum des rassischen Antisemitismus wurde.

Zentraler rassistischer Inhalt der sog. "Ariosophie" ist das Postulat einer "arischen Urrasse" in Nordeuropa, die als höchstentwickelte Rasse angesehen wird. Liebenfels schlug Zuchtprogramme für Arier und Sterilisationsmaßnahmen für sog. minderwertige Rassen vor.

Zwar ist im Einzelnen umstritten, welchen Einfluss die Ariosophie auf Hitler hatte, unumstritten ist jedoch, dass Hitler sich in den verschiedensten antisemitischen, völkischen Gruppen tummelte, die auch Anhänger der Theorien von List und Liebenfels waren. Hitler soll auch die von Guido von List herausgegebenen "Ostarara"-Hefte gelesen haben. Sie enthielten antisemitische Pamphlete und Aufsätze zur "Rasssenkunde". Die "Ostarara" sah sich nach Eigendefinition als die "Briefbücherei der Blonden und Mannesrechtler".

Der sog. "Thule-Bund", eine als Vorfeldorganisation der NSDAP angesehene Organisation, gründete sich inspiriert von der Ariosophie. Mitglieder des Thulebundes waren viele spätere hochrangige Nationalsozialisten, etwa Julius Streicher und Rudolf Heß, wohl auch Heinrich Himmler. Die NSDAP, zuvor als DAP bezeichnet, wurde von Mitgliedern des Thule-Bundes gegründet, Hitler trat erst später ein.

Auch in der heutigen Zeit gibt es Schnittmengen zwischen Rechtsextremismus und esoterischen Bewegungen. Beispielhaft genannt seien einige Strömungen des sog. "Naturglauben", und die noch vor kurzem im Internet vertretenen germanischen Freunde, die einen germanischen Glauben anboten. Viele solcher und ähnlicher Seiten sind jedoch in den letzten Monaten aus dem Netz verschwunden, man war wohl zu offen antisemitisch. Als geprägt von der Ariosophie des 19. Jahrhunderts gilt nach wie vor die Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft, in der der Hamburger Neonazi Jürgen Rieger aktiv ist. Rieger war oft als vehementer Verteidiger jenseits des Rechtes für rechtsextreme Gewalttäter aktiv, etwa im Prozess gegenüber denjenigen, die 1999 Asylbewerber Farid Guendoul durch Guben gehetzt und ihn in den Tod getrieben hatten.

In der Esoterik-Szene gibt es eine Reihe von fragwürdigen Angeboten, die sich an Unbedarfte richten und esoterische Inhalte mit rechtsextremem Gedankengut verknüpfen. Erschreckend war und ist etwa der Erfolg von Jan van Helsing in der Esoterik Szene. 1993 erscheint sein erstes Buch unter dem Titel "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert". In dem Buch wurden verschiedene Verschwörungstheorien mit eindeutig antisemitischen Inhalten verbreitet. Helsings Buch wurde in esoterischen Zeitschriften beworben und wurde ein Bestseller. Helsing, der mit richtigem Namen Jan Udo Holey heißt, wurde 1996 wegen Volksverhetzung verurteilt. Noch heute finden sich aber Werke von ihm in Esoterikbuchhandlungen und bei Ebay.

Marcel Raschke ist 25 und studiert in Bielefeld Jura mit dem Schwerpunkt Umweltrecht. Er ist seit 1999 bei der Grünen Jugend und den Grünen in verschiedensten Rollen aktiv und hat sich stets mit Rechtsextremismus auseinandergesetzt.

Siehe auch

Rechtsextremismusbroschüre der GRÜNEN JUGEND

Bildungsoffensive gegen Rechts der GRÜNEN JUGEND

Service: Mit dem Vortrag gegen Rechts kann man leicht andere Leute über Rechtsextremismus informieren

Analysen: NPD bundesweit, Wahlbündnisse rechtsextremer Parteien, Rechtsextreme in Hamburg, NPD im nördlichen Baden-Württemberg, Republikaner in Mainz

Artikel über Rechte Esoterik und esoterische Rechte, Rechte Musik und Symbole

Berichte von Seminaren der GRÜNEN JUGEND: Seminar zu Rassismus in Baden-Württemberg, Fahrt nach Auschwitz, Seminar in Rheinland-Pfalz