Der himmlische Designer

20.03.2006: Wie entstand das Leben auf der Erde? Diese Frage teilt seit Jahrhunderten die Menschheit: KreationistInnen gegen DarwinistInnen, Bibel vs. Mutation. Nun will eine Theorie die Existenz eines intelligenten Designers beweisen. SPUNK-Redakteurin Luise Neumann-Cosel über den Versuch, Schöpfungsglauben als Wissenschaft zu verkaufen.

Der Kap-Sonnentau - drosera capensis - hat eine kluge Methode, seine Nährstoffversorgung sicherzustellen. An seinen Blättern - kleinen, aus zähem, klebrigem Schleim bestehenden Kugeln - bleibt nahezu jedes Insekt hängen. Mit seinem beweglichen Fangblatt kann er das Tier fast komplett umschließen. Durch Absonderung bestimmer Enzyme wird das Opfer binnen kurzer Zeit zersetzt und verdaut.

Wie kommt der Sonnenntau zu dieser Fähigkeit? Und wie kommt es zu Sars-Viren, Tulpen und Fingernägeln? Kann das tatsächlich allein durch Evolution geschehen sein? So komplexe Systeme, beinahe perfekt und in der Lage, auf Umwelteinflüsse zu reagieren, sollen nur Aussortierung schwacher Individuen und hin und wieder ein paar Mutationen enstanden sein? Schwer zu glauben.

Seit geraumer Zeit entwickelt sich eine Theorie, die angebliche Lücken, Fehler und Unerklärlichkeiten im Darwinistischen Konzept aufzeigt. Sie will die Existenz eines "Designers” beweisen, der die Prozesse der Evolution steuere. Intelligent Design (ID) will sich als wissenschaftliches Konzept verstanden wissen und fordert eine gleichberechtigte Behandlung neben dem der Evolution ein. "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei”, zitieren ihre AnhängerInnen das Grundgesetz. Ist das eine Hypothese wie einst Gallileis Theorie des Erdballs, die unverstanden ist und zu Unrecht nur Hohn und Spott erntet? Wollen wir nicht wahr haben, dass wir jahrhundertelang auf einem Irrweg waren?

In den USA kämpfen ID-AnhängerInnen dafür, dass im Biologieunterricht der Schulen die Theorie zusätzlich zur Evolution behandelt werden muss. In fünf Bundesstaaten haben sie mittlerweile Erfolge zu verbuchen. Ein Kreuzzug der Gerechtigkeit?

Darwin selbst räumte schon zu Lebzeiten mit Vorstellungen wie der des ID auf, indem er auf eines der scheinbaren Wunderwerke des Schöpfers hinwies: das Auge. Betrachtet man die verschiedenen Sehorgane genauer, stellt man schnell fest, dass sie weit davon entfernt sind, perfekt zu sein. Das Auge einer Biene sieht bespielsweise verschiedenste farbenprächtige Verzierungen, wo wir nur schlichte weiße Blüten sehen. Libellen haben Facettenaugen mit hunderten kleiner Einzelkameras, die ihnen einen 360-Grad-Rundumblick ermöglichen, während ihnen Details verborgen bleiben. Wenn unser Auge perfekt wäre, warum brauchen wir dann Brillen, Teleskope und Mikroskope? Evolution ist nie perfekt. Ihre Ergebnisse reichen zum Überleben. Und keinen Schritt weiter. Die Komplexität und scheinbare Perfektion ergibt sich erst im Auge der staunenden Betrachterin.

Intelligent Design ID ist damit nichts mehr als christlicher Schöpfungsglaube im pseudo-wissenschaftlichen Deckmantel. Bewusst werden die Worte "Schöpfer” oder "Gott” vermieden, um ID ein wissenschaftliches Aussehen zu geben. So getarnt soll christliche Schöpfungslehre Einzug in die Schulen und Universitäten und damit in die Köpfe der AmerikanerInnen halten.

Das Bild des Menschen als zufällig aus einem Urbakterium entstandenes Wesen ist ein eher unangenehmes, verglichen mit der christlichen Vorstellung vom Menschen als Krone der Schöpfung. Der krampfhafte Wille, dieses Bild zu erhalten und die Verneinung eindeutiger Forschungsergebnisse ist der Tod der Wissenschaft.

Heute glauben 42 % der EinwohnerInnen der USA daran, dass die Erde immer in ihrer heutigen - von Gott erschaffenen - Form existierte, nur 26 % beziehen sich auf ein Entstehen von Fauna & Flora durch natürliche Selektion. Gut ein Viertel wäre dagegen, im Biologieunterricht neben dem Darwinismus auch die Schöpfungsgeschichte zu lehren. Und US-Präsident Bush ließ zum Thema Intelligent Design in der Schule verlauten: "Wenn Sie mich fragen, ob die Menschen mit den verschiedenen Ideen konfrontiert werden müssen, lautet die Antwort: Ja. Nur so können sie verstehen, worum es in der Debatte geht.”

Das Konzept Intelligent Design fällt auf fruchtbaren Boden. Ob es sprießen wird oder nicht, bleibt uns überlassen.

Luise Neumann-Cosel ist 20, studiert Geoökologie in Berlin und ist Mitglied der evangelischen Kirche. An die Schöpfung glaubt sie trotzdem nicht.

Siehe auch

Parodie auf intelligentes Design: Das fliegende Spaghettimonster