Inhaltsleer, beliebig und massenkompatibel? - Wo steht die Grüne Jugend?
01.02.2004: Die Grüne Jugend hat seit ihrer Gründung das "Alternativ" aus ihrem Namen gestrichen und ist satzungstechnisch näher an die Grünen gerückt. Hat sie auch ihre Inhalte über Bord geworfen? Von Christian Meyer
Einmal bekam der Bundesvorstand der Grünen Jugend Post. Die Zeitschrift "Titanic? schrieb einen ihrer berüchtigten "Briefe an die Leser". Anlass war die Umbenennung des Grün-Alternativen Jugendbündnisses (GAJB) in Grüne Jugend. Einige Medien schrieben, dass die Grüne Jugend ihre Alternativität auf dem "Dachboden der Geschichte" entsorgt habe und nun in Zukunft sehr brav und realpolitisch würde. Die Titanic empfahl uns gleich, auch auf "Grüne" im Namen zu verzichten und uns einfach nur "Jugend!" zu nennen: inhaltsleer, beliebig und massenkompatibel.
Dann kam aber alles ganz anders. Die Grüne Jugend wurde durch die Namensänderung profilierter, attraktiver, schlagkräftiger und mit unseren Inhalten deutlich wahrnehmbarer gegenüber Partei und Öffentlichkeit. Wir steuern seitdem einen erfolgreichen linksintegrativen, inhaltlichen, kritischen, kampagnenorientierten Kurs mit wachsender öffentlicher Wahrnehmung (mensch denke nur an die Hanfkampagne) und übrigens auch wachsendem Einfluss in der Partei. Wir sind dabei ein immer wichtigerer innerparteilicher Machtfaktor geworden, ohne so wie Jusos und Junge Union zur Kaderschmiede oder spießigen Schleimerorganisation zu werden.
Nach meiner Einschätzung ist die Grüne Jugend im Gegensatz zu ihren Anfangszeiten weit stacheliger und inhaltlicher geworden. Aus einem breiten Sammelbecken von Umweltbewegten, LinkssozialistInnen und RealpolitikerInnen hat sie ihren Kurs mittlerweile gefunden. Die Debatten um unser auch heute noch sehr lesbares Grundsatzprogramm waren nicht immer leicht, aber führten zu einem linksintegrativen Konsens mit starken ökologischen, solidarischen, frauenpolitischen und bürgerrechtlichen Schwerpunkten. Die Frage von außen, ob wir Jugendorganisation der Grünen sind oder etwas freischwebendes Sonstwas, haben wir beantwortet und wurden Teilorganisation der Grünen. Auch dies war aber keine unterwürfige inhaltliche oder strukturelle Anpassung, sondern hat unsere Schlagkraft für unsere Ziele im grünen Rahmen verbessert. Wir haben weiterhin eine selbst gewählte Rotationsregelung, sind AnhängerInnen der Machtbegrenzung und werden auch weiterhin gegen Kriegseinsätze, Castortransporte, Abschiebungen und Sozialabbau den Mund aufmachen, die von der Führungsspitze der Grünen gebilligt werden. "Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit geht vor Koalitionsfrieden? haben wir mal in einem Grundsatzbeschluss geschrieben. Dies in kreativer, rebellischer, gut begründeter Form zu tun, wird auch weiterhin Aufgabe der Grünen Jugend sein. Und unser Antreiben hatte Erfolge. Die klare programmatische Positionierung der Partei zur Cannabis-Legalisierung, Wehrpflichtabschaffung und Wahlalterssenkung wäre ohne unser kontinuierliches Engagement nicht denkbar.
Es gab im Laufe der Zeit viele Abgesänge auf die Grüne Jugendorganisation von ganz links bis ganz realo. Aber wir sind weder in der linksmauligen Ecke stehen geblieben, noch haben wir den Kniefall vor der sogenannten "Realpolitik? gemacht. Ein Geheimnis, warum wir viele Konflikte besser als die Mutterpartei oder einzelne junggrüne Landesverbände gelöst haben, möchte ich lüften: Es war die personelle und inhaltliche Rücksichtnahme auf Minderheiten trotz klarer linker Mehrheiten. Dieser Integrationskurs grenzte niemanden aus. Anna Lührmann zum Beispiel, die inhaltlich sicher nicht die Mehrheit der Grünen Jugend repräsentiert, wurde in den Bundesvorstand gewählt.
Bei der Listenaufstellung zur Europawahl zockte die Mutterpartei dagegen bei knappen Mehrheiten stur ihre Kandidaten durch und ließ dem Kandidaten der Grünen Jugend keine Chance auf den gewünschten Listenplatz. Ein abschreckendes Beispiel, wie mensch es nicht machen soll. Während unser Kandidat Benjamin von der Ahe in der Grünen Jugend mit einer fast einstimmigen Unterstützung ausgestattet war, versuchten so genannte "Realos? in der Partei, junge Konkurrenz zu verhindern und streuten unfaire Gerüchte über Ben. Das darf uns nicht abschrecken, weiter auf Toleranz, inhaltlichen Optimismus, verrückte Kampagnen und Integration zu setzen. Wir mögen zwar älter werden, aber nicht dümmer.
Christian Meyer (28) war mehrere Jahre Vertreter der GRÜNEN JUGEND beim bündnisgrünen Länderrat und hat als Geschäftsführer des Länderausschusses wesentliche Strukturreformen begleitet