Über welche Brücke kannst du gehn?
16.05.2007: Alle wollen CO2 einsparen, doch auch hier klaffen die Ideen weit auseinander. Von konservativer Seite werden vor allem zwei Optionen stark diskutiert, die beide dem big business zuträglich sind. Georg Kössler diskutiert sowohl den Weg des Abfangens und Speicherns von CO2 (CCS), als auch die Strategie der angeblich Emissionsfreien Energieproduktion durch Kernspaltung. Beide Technologien stehen als Alternativen zur bisherigen Kohleverbrennung, aber beide verlagern die eigentliche Problemlösung in die Zukunft. Als "Faust’scher Pakt" könnten beide Wege bezeichnet werde, da ihnen mehr kurz- als langfristiges Denken zu Grunde liegt.
Gewissenhaft und schmutzig?
AtomkraftgegnerInnen stehen häufig dem Vorwurf gegenüber, einer sauberen Technologie in Zeiten des globalen Klimawandels aus purer Ideologie zu entsagen. Doch obwohl Atomkraft keine direkten CO2-Emissionen verursacht, entstehen durch die vor- und nachgelagerte Prozesskette Treibhausgase. Besonders abhängig sind diese von den Uranfördermethoden. Ein deutsches AKW bezieht sein Uran aus einem Import-Mix, für den das Freiburger Öko-Institut Emissionen von 32 g CO2 pro Kilowattstunde errechnet hat. Das sind zwar immer noch mehr Treibhausgase als bei Solarstrom aus Spanien (27 g) oder Windkraft (23 g), jedoch verursacht Braunkohle weit über 1000 g. Vorerst ist Atomkraft fast so CO2-arm wie die Erneuerbaren und auch bei den Stromerzeugungskosten sind Erneuerbare und Atomkraft "unter günstigen Verhältnissen etwa gleich" (Öko-Institut 2007). Laut dem "Klimaschutz: Plan B" von Greenpeace kann ein Atomausstieg "bis 2015 ohne zusätzliche CO2-Emissionen mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten realisiert werden." Vor allem eine Effizienzsteigerung kann die Atomenergie kompensieren, ohne zumindest einen Zubau des Klimakillers Kohle zu verursachen. Der sofortige Ersatz von Atomenergie ist wünschenswert, doch wichtiger wäre aus Sicht des Klimaschutzes die Verhinderung von neuen Kohlekraftwerken. Im Endeffekt muss aber auch jedeR selbst entscheiden, was wichtiger für eine nachhaltige Zukunft ist: erst der Atomausstieg oder erst der Kohleausstieg?
Gewissenlos und sauber?
Der Prozess des Abtrennens und Einspeicherns von CO2 (Carbon Dioxide Capture and Storage oder einfach "CCS") erinnert stark an "Endlagerung" und tatsächlich ist die sichere Speicherung auch hier das größte Problem. Neben der geologischen Speicherung wird auch eine Einlagerung in die Weltmeere diskutiert. Erstere bedeutet eine Einlagerung in Öl- und Gasfeldern, Kohleflözen, Aquiferen oder tiefen Salzformationen. Ab 800m Tiefe gibt es unter der Erdoberfläche verschiedene physikalische und geochemische Mechanismen, welche eine Wanderung des Treibhausgases zur Oberfläche weitestgehend verhindern. Auch eine Speicherung in alten Bergwerken wird diskutiert. Generell gilt aber, dass bei besser bekannten Orten (z.B. Ölfeldern) auch die Austrittsgefahr durch die größere Anzahl der Bohrlöcher höher ist. Zudem sind nicht alle Lagerstätten direkt an den Orten der CO2- Produktion und lange Pipelines müssten gebaut werden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, dass 10- 40 Prozent mehr Energie nötig ist, um bis zu 90 Prozent des Treibhausgases abzuspalten, zu transportieren und einzulagern. Der teure Teil ist das Abscheiden und macht etwa 2/3 der gesamten Kosten aus. Der Preis für eine Tonne CO2 müsste dreistellig sein, damit sich CCS derzeit selbst unter Optimalbedingungen lohnt. Erneuerbare Energieträger sind die preiswertere Variante zur Emissionsbegrenzung und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich dies jemals ändern wird. Sollte es dennoch in Deutschland zu einem Einsatz von CCS kommen, was eigentlich nur in den Kohleindustrien der USA oder Chinas wahrscheinlich ist, müssen hohe Auflagen erfüllt werden. Da Pipelines für Unfälle und Attacken besonders empfindlich sind und ein abruptes Austreten von CO2 für die ansiedelnden Menschen und Tiere tödlich enden kann, sollten die Speicherorte unweit der Kraftwerke liegen. Wichtig ist, dass die sogenannten "Leckageraten" (die natürliche Austrittsgeschwindigkeit pro Jahr) unter 0,01 Prozent liegen; also das gesamte Gas erst nach 10.000 Jahren entwichen wäre. Eine Speicherung in den Weltmeeren ist nicht nur Massenmord an dortigen Lebewesen, sondern die Leckageraten sind so hoch, dass diese Methode wenig Sinn macht. Die verantwortlichen Firmen müssen neben den noch nötigen Forschungsprojekten auch das Monitoring der Speicher zahlen. Da Unternehmen allerdings nicht langfristig denken, wären Bonds sinnvoll, das heißt ein hoher Betrag wird für eventuell entstehende Schäden hinterlegt. Eine normale Wertpapierverzinsung entschädigt zudem die Unternehmen und schafft Akzeptanz. Die gefährdete Bevölkerung muss selbstverständlich zustimmen und der Staat sollte den ganzen Prozess kritisch begleiten. Der Wirkungsgrad muss deutlich gesteigert und der Energiemehraufwand gesenkt werden, damit CCS als "Brückentechnologie" zumindest im Ausland eine signifikante Rolle spielen könnte. Ein Investieren in die Erneuerbaren ist aber langfristig in jedem Fall vorzuziehen. Hier müssen wir achtsam die Subventionspolitik der Großen Koalition beobachten - die CO2-Lobby (Kohle, Öl, Gas) hat noch einen zu großen Einfluß. Nur ein funktionierender Emissionshandel würde offenbaren, ob CCS mehr als nur der Traum ist, den die Industrie derzeit träumt. Die beste Speicherung von CO2 wäre sowieso die Aufforstung.
Für beide Brückentechnologien gilt es als unwahrscheinlich, dass die notwendige hohe Sicherheitskultur Jahrhunderte konstant aufrecht zu erhalten ist. Probleme die sich heute lösen lassen, sollten auch gelöst werden. Faustus Fehler darf nicht wiederholt werden!
Georg P Kössler (22) ist Koordinator des Fachforums Ökologie, liest gern in Goethes Faust und strebt... nach mehr radikalem Klimaschutz.