Von Amtmänninnen und BürgerInnensteigen

26.09.2004: Das Binnen-I und andere Formen sprachlicher Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Ein Artikel von Birgitta M. Schulte, zusammengestellt von Julia Seeliger

"Heutzutage sind Menschin und Mensch nicht mehr imstande, grammatisches und natürliches Geschlecht auseinanderzuhalten, und das vergällt den Menschinnen arg die Seele," höhnte im Jahre 1994 "Die Zeit". 14 Jahre zuvor waren in Deutschland nämlich die ersten Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch veröffentlicht worden und hatten gefordert, nicht länger Mensch und Mann ineins zu setzen.

Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch

Bis dahin waren Briefe mit "Sehr geehrte Herren" begonnen worden und Frauen hatten sie selbstverständlich beantwortet; bis dahin war angekündigt worden, dass "bei den Treffen der EG-Kommissare Übersetzer zur Verfügung" stünden und Dolmetscherinnen hatten selbstverständlich übersetzt; und selbstverständlich hatten auch Frauen zugehört, wenn im Fernsehen die "lieben Zuschauer" angesprochen wurden. Ende der siebziger Jahre aber waren Feministinnen aufgetreten und hatten klar gemacht, dass Frauen auch gern sichtbar wären mit ihren Leistungen, und dass es sich für sie durchaus anders anfühlt, wenn sie in weiblicher Form angesprochen werden oder wenn von anderen Frauen als von weiblichen Menschen die Rede ist.

Die Sprache - Herrschaftsinstrument oder Protestmittel?

Man brandmarkte sie deshalb wie im obigen Beispiel aus "Die Zeit" als zickig. "Frauen wissen doch, dass sie mitgemeint sind!", lautet das noch immer verbreitete Argument. Hinter dem alten Streit steht eine Grundsatzfrage: Bestimmt die Sprache die Menschen oder bestimmen die Menschen die Sprache? Wenn die Sprache bestimmt - wenn also bestimmte Ausdrucksweisen bestimmte Bilder im Kopf erzeugen - dann ist es mehr als grob unhöflich, dem natürlichen Geschlecht nicht auch das grammatische zuzuordnen. Wenn aber die Sprache abhängig ist von Verwendern und Benutzerinnen - was regen die Frauen sich so auf? "Die Sprache trägt nichts zur Gleichwertigkeit der Geschlechter bei." Die Sprache, so heißt es, sei ein neutrales Kommunikationsmittel. Die Feministische Linguistik dagegen behauptet, die Sprachteilnehmer und - teilnehmerinnen seien in ihren Gesellschafts- und Denkstrukturen abhängig von der wirkenden und leistenden Sprache.

Grammatik - ganz ohne Bedeutung?

Die Wahrheit liegt wie häufig in der Mitte. Die Sprache ist evolutionär mit den Menschen entstanden und historisch gewachsen. Sie spiegelt die Verhältnisse, in denen Menschen lebten oder leben und verändert sich mit ihnen. Deshalb betont die Soziolinguistin Suzanne Romaine, dass das grammatische Geschlecht nicht arbiträr, also beliebig sei. Es gäbe semantische Motivationen für das grammatische Geschlecht. So sei in einer Kultur, die die Frau ins Haus verwies und den Mann im Außen, im Öffentlichen sah, die Familie weiblich: la famille, und der Staat männlich geworden: l'etat, estado. Es sei eben kein Zufall, dass Hurrikane, Schiffe, Autos und Länder im Englischen weiblich seien. "Hurrikane sind destruktive und irrationale Kräfte, die ein Mann zu unterwerfen hat. Autos, Schiffe oder Flugzeuge sind wie Frauen im Besitz von Männern und von ihnen kontrolliert."

"... destruktive und irrationale Kräfte, die ein Mann zu unterwerfen hat"

"Die Sprache," so sagt Chris Weedon (1987), "ist der Ort, wo tatsächliche und mögliche Formen sozialer Organisation und ihre wahrscheinlichen sozialen und politischen Folgen definiert und ausgefochten werden." Die Sprache prägt unser Denken und damit unser Verhalten und gleichzeitig verändert unsere Art der Nutzung auch die Sprache. Sprache ist ein Gestaltungsmittel. Insofern ist die Sprache sowohl ein Herrschafts- wie auch ein Protestinstrument.

Möglich: eine Sprache für beide Geschlechter

"In den Siebzigern war es so, dass sich Studentinnen und Dozentinnen an uns Linguistinnen wandten und uns um Studien baten. Wir sollten wissenschaftlich überprüfen, was an sprachlicher Diskriminierung zuerst nur empfunden wurde," berichtet Marlis Hellinger, Anglistik-Professorin in Frankfurt am Main. So entstanden dann die Studien, die zu Richtlinien und Empfehlungen für die sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern führten.

Im Wesentlichen sind es vier Grundsätze, die sie propagierten:

  • Sichtbarmachung des Geschlechts
  • Symmetrie
  • Gleiche Chancen des Gemeintseins
  • Das Titanic-Prinzip: Frauen und Kinder zuerst! Das Femininum zuerst!

Erstens sollte also die weibliche Form genommen werden, wenn es sie gibt: Ärztin, nicht: Arzt.

Zweitens sollten Frauen und Männer formal in gleicher Weise bezeichnet werden, nicht: Oberbürgermeister Dr. Schmidt traf sich gestern mit Susi Schulze, sondern: Oberbürgermeister Dr. Schmidt traf sich mit Stadtkämmerin Dr. Schulze.

Drittens sollten sich Frauen und Männer gleichermaßen angesprochen fühlen können, also nicht: Frankfurter Bürger lieben ihren Stadtwald, sondern: die Bürgerinnen und Bürger Frankfurts lieben ihren Stadtwald und

Viertens in genau dieser Reihenfolge: die Feminina, die weiblichen Wortformen sollten den Maskulina, den männlichen Ausdrücken vorangehen.

Zur Auswahl gestellt wurden:

  • Paarform: Bürger und Bürgerinnen
  • Splitting: Anmelder/in
  • Geschlechtsneutral: Die Lehrenden

Bald schon aber wurde das unschöne Splitting, die "Sprach-Verhackstückungsvariante", durch das Binnen-I ersetzt, das erste Mal 1986 durch den Journalisten Oliver Tolmein in der "taz". Er hatte es aus der Schweizer Wochenzeitung "woz" übernommen. Von da trat es seinen Siegeszug durch Presselandschaft und Institutionen an. Und nicht lang - da wurde das Binnen-I amtlich.

Schon bald wurde das Binnen-I amtlich

Der Berliner Innensenator Erich Pätzold ordnete im Juli 1989 auf Anregung des AL-Mitglieds Anne Klein das große I für den gesamten Dienstverkehr der Stadtregierung an - ein Akt, der nicht unwidersprochen blieb, aber doch Wirkung hatte. Deutlich sichtbar waren die Wirkungen zunächst nicht, inzwischen aber sind sie wissenschaftlich nachgewiesen.

Die experimentelle Psychologie beweist es ...

Forschungsergebnisse der experimentellen Psychologie beweisen, dass es einen Unterschied macht, ob Frauen in der Sprache sichtbar sind oder "mitgemeint". Bittet man zum Beispiel eine Person, prominente Persönlichkeiten zu nennen, so sind die Antworten unterschiedlich, je nachdem, ob man nach "Politikern und Sportlern" oder nach "Politikern und Politikerinnen; Sportlern und Sportlerinnen" fragt. Sowohl männlichen als auch weiblichen Befragten fallen bei Beidnennung auch Sportlerinnen neben den Sportlern ein. Frauen haben es aber anscheinend noch schwerer als Männer, sich weibliche Wesen vorzustellen, wenn eine männliche Bezeichnung verallgemeinernd benutzt wird. Reaktionszeiten verlängern sich.

... es gibt einen Bezug zwischen der Formulierung und dem Bild im Kopf

Das beweisen inzwischen auch deutsche Untersuchungen, nachdem Forschungsergebnisse der experimentellen Psychologie in den USA schon seit langem einen Bezug zwischen der sprachlichen Formulierung und dem Bild im Kopf nahelegen. Interessanterweise erzeugt das Binnen-I, "SportlerInnen", eher ein weibliches Bild als ein männliches Bild. Dagmar Stahlberg, Psychologie-Professorin in Mannheim, hat junge Männer und Frauen schriftlich befragt, an welche Personen aus dem Fernsehen sie sich erinnern. Die Frage wurde in drei Versionen gestellt: "Nennen Sie drei Sportler!", "Nennen Sie drei Sportler oder Sportlerinnen!" und "Nennen Sie drei SportlerInnen!". Auf diese letzte Variante hin wurden mehr Frauen genannt als bei Variante 2. Anscheinend wird reflexartig doch ein Femininum aus dem Wort mit großem I, und das wohl öfter bei Frauen als bei Männern. Weibliche Befragte nannten eine höhere Anzahl weiblicher Persönlichkeiten als männliche Befragte.

Frauenzeitschriften: Geschlechtergerechtigkeit - Fehlanzeige

Diese Forschungsergebnisse sind kaum bekannt und öffentlich nicht diskutiert worden. Nicht einmal Frauenzeitschriften, die sich explizit an Frauen als ihre Leserinnen wenden, bieten den Service der Beidnennung. Unsere Sprache verstärkt meistens die Frauen diskriminierende Realitätswahrnehmug, sie könnte aber die soziale Realität, die sich in den westlichen Kulturen in den letzten 50 Jahren sehr verändert hat, mitausdrücken. Und Frauenzeitschriften, so sollte man meinen, sind sensibilisiert für die veränderte Lebenswelt der Frauen, was sich doch sicher in ihrer Sprache niederschlägt. Mit dieser These begann Bettina Stuckard ihre Forschungen und fand sie am Ende leider nicht bestätigt. Auf die Frage "Achten Sie darauf, zusammengesetzte Personenbezeichnungen anzupassen, etwa Kauffrau, Vorderfrau zu schreiben"? antworteten nur zwei Drittel der klassischen Frauenzeitschriften wie "Brigitte", "Cosmopolitan" oder "tina" mit "Ja". Auf die Frage: "Vermeiden sie Asymmetrien wie Junggeselle/alte Jungfer oder Herr/Fräulein"? wurde mit "Ja" geantwortet. Und auf herabsetzende Ausdrücke, die ein Rollenklischee beinhalten wie Betthäschen oder Weibergeschwätz werde auch verzichtet. Die Hälfte der Befragten empfand das deutsche Sprachsystem, in dem Frauen meistens mitgemeint sind, als unausgewogen, im Redaktionsalltag wird aber eher darauf geachtet, nicht so viel einfließen zu lassen, was mit dem Gewohnten bricht. "So werden das Binnen-I und andere Splittingformen nur vereinzelt eingesetzt, feststehende Redewendungen weitgehend übernommen, Komposita und Asymmetrien nur bedingt berücksichtigt."

Bundeskanzlerin Helmut Kohl?

Wenn die Medien - und die Frauenzeitschriften stehen da durchaus für die große Mehrheit der Printmedien und auch für die audiovisuellen Medien - Geschlechtergerechtigkeit nicht als ein Ziel ansehen, dann ist es um so wichtiger, dass in allen amtlichen Texten auf die Repräsentanz und die Ansprache der Frauen geachtet wird. Man muss ja nicht gleich Luise F. Pusch folgen ("Bundeskanzlerin Helmut Kohl") und eine radikale Feminisierung vornehmen. 1994 hat es ein FDP-Ratsherr in Buchholz in der Nordheide versucht: Die Ratsfrau Jürgen Kemp ließ alle amtlichen Schriftstücke in weiblicher Form abfassen. Da wurde die Frage gestellt, "ob die geschätzten Kommunalpolitikerinnen in Buchholz noch alle Tassen im Schrank - pardon, alle Tässinnen in der Schränkin haben." Dem Sprachreformer (und allen Reformerinnen) wurde "Vergewaltigung" vorgeworfen. Von der Abschaffung der Männer überhaupt war die Rede. So wurde nach der nächsten Wahl die Reform getilgt.

Es reicht durchaus, sich an die Vorschläge in der Vielzahl der Empfehlungen für die sprachliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen zu halten. Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache herzustellen, ist nicht einfach. Die Sprache hat eigene Gesetzmäßigkeiten, die kaum zu unterlaufen sind, ohne ihre Schönheit zu beschneiden. Wohlklang und Eingängigkeit sind mit gerechten Formulierungen oftmals eben nicht verbunden. Deswegen ist Phantasie gefragt, Witz und auch der Mut zu Irritationen.

Diesen Artikel, der uns freundlicherweise von der Journalistin Birgitta M. Schulte zur Verfügungs gestellt wurde, hat Julia Seeliger für Euch besorgt und für den Print-Spunk gekürzt.