Die großen Fische fressen die kleinen

14.04.2005: Globalisierungskritik, eindringlich, aber nicht aufdringlich erzählt: "Darwins Alptraum" ist die Geschichte vom Nilbarsch und all den Schicksalen, die mit dem räuberischen Nutzfisch verknüpft sind. Der Film wurde unter anderem mit Preis für den besten Dokumentarfilm bei den "European Film Awards" ausgezeichnet und läuft bereits seit 17.März in den Kinos. Julia Seeliger hat sich die wunderbar gefilmte Dokumentation angesehen.

"Was bringen die Flugzeuge im Gegenzug nach Afrika? Nichts." Riesige Frachtflugzeuge fliegen Tag für Tag tonnenweise Viktoriasee-Fisch aus Mwanza in Tasania heraus - zurück bleibt nur Armut und Elend. Darwins Alptraum ist ein wunderbar komponierter Film im Doku-Stil, der eindrucksvoll Globalisierungskritik am Neokolonialismus in Afrika übt.

Schuld an allem scheint der Nilbarsch: In den sechziger Jahren im Viktoriasee ausgewildert, verbreitete sich diese dort bisher nicht vorkommende Art rasant. Binnen kurzer Zeit waren über 400 einheimische Fischarten ausgerottet - der Nilbarsch verdrängte sie alle. "Survival of the fittest" - der Nilbarsch hier auch als Metapher für die neoliberale Globalisierung: Darwins Alptraum.

Wunderbar gefilmte Episoden-Doku

Der Österreicher Hubert Sauper erzählt in der wunderbar gefilmten Episoden-Dokumentation von den Schicksalen der Menschen, die am Viktoriasee leben. Geradezu parabelhaft kommt der Film streckenweise daher, mit Geschichten, die sich allesamt um den Nilbarsch drehen. Da erzählt der Nachtwächter, wie er für einen Dollar die Nacht auch mal mit Giftpfeilen Einbrecher tötet. Kinder schnüffeln Gase, die sie aus den Fischverpackungen gewinnen. Und die blutjunge Prostituierte Elitza, die sich für zehn Dollar die Nacht an die ukrainischen Piloten verkauft - zu Wort kommen auch die Fabrikbesitzer und die Piloten, die den Fisch in den reichen Norden, nach Europa und Rußland, ausfliegen. "It's just Cargo", sagen sie.

In Mwanza bleibt nur der grätige Rest

Für die Menschen in Mwanza bleibt nur der grätige Rest. "Überall hier am See kann man fritierte Fischköpfe kaufen," erzählt einer. In den Fischer-Slums ist die Verwertung der Fischabfälle regelrecht zu einer Industrie geworden. Hier ist auch Aids ein großes Problem. "Den Frauen im Inland sterben die Männer weg," heisst es, "und dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als hier an den See zu kommen, um sich zu prostituieren." So breitet sich die Seuche rasch aus. Der Priester des Dorfes beklagt jede Woche 15 Tote - doch Kondome mag er immer noch nicht empfehlen. "Das ist Sünde," nennt er - nach einigem Nachbohren der InterviewerInnen - die immer noch aktuelle Position der Kirche. "Das ist gegen Gottes Gesetz."

10.000 Jobs geschaffen, 80.000 vernichtet

In den Fabriken rund um den See wird zu Bedingungen produziert die bei uns unvostellbar sind: Menschen arbeiten unter dem Einfluss giftiger Gase oder im härtesten Akkord - natürlich für einen Hungerlohn, denn Arbeit ist knapp, die Menschen müssen jeden Job annehmen, um nicht zu verhungern. Rund 10.000 Jobs wurden durch die industrielle Nutzung des Nilbarsches geschaffen, dafür aber 80.000 vernichtet. Die meisten einheimischen Fischer sind ohne Beschäftigung, die Arbeitslosenquote beträgt 95 Prozent. Allein: Die Fabrikchefs lässt das kalt. In Tansania ist eine Hungersnot? "Schauen Sie, es müsste einfach mal drei Tage regnen." Den im Überfluss vorhandenen Nilbarsch können sich die Menschen nicht leisten - der Preis ist astronomisch hoch.

Symbol für die darwinistische Handelspolitik

Daran sind die Nilbarsch-Importländer schuld. Auch diese kommen in "Darwins Alptraum" zu Wort. "Durch unsere Wirtschaftsfördermaßnahmen ist die EU die größte Handelspartnerin für die Fischerei-Industrie Tansanias." Man ist stolz auf die vermeintliche Entwicklungszusammenarbeit. Unglaublich - hier scheint Realität und Fiktion zu verschwimmen, das veröffentlichte Statement von einer Konferenz scheint Realsatire - denn die vorher erzählten Geschichten beweisen das Gegenteil. Die Ressource Nilbarsch führt zu nichts als Ausbeutung. Der Fisch ist Medium und gleichzeitig Symbol für die darwinistische Handelspolitik der EU: Der Stärkere nimmt sich ganz einfach das Recht, die Spielregeln festzulegen.

Waffen - das bringen sie nach Afrika

"Was bringen die Flugzeuge denn zurück nach Afrika?" Nichts wäre noch zu gut: Im Laufe des Films klärt sich, dass die Flugzeuge sehr wohl Waren nach Afrika bringen - Waffen, die die Bürgerkriege zum Beispiel im Nachbarland Angola lebendig halten. Allein: "It's just Cargo." Die Piloten wollen nichts von den Waffen wissen, die auf dem Drehkreuz Mwanza verschoben werden.

"Darwins Alptraum" ist absolut sehenswert. Wer jetzt noch Lust auf preisgünstigen Gefrierfisch hat, ist selbst schuld. Ansehen!

Siehe auch

Darwins Alptraum - Seite des Filmverleihers