Ausgebeutet! - Die Leiden der jungen Bewerber
24.07.2005: Früher haben wir ein Praktikum oder eine Ausbildung gemacht, um etwas zu lernen. Inzwischen sind wir immer häufiger nur noch billige HilfsarbeiterInnen, die reguläre Arbeitskräfte ersetzen.
Marina ist 24 und Photomedienlaborantin im dritten Lehrjahr. Täglich muss sie neuneinhalb Stunden arbeiten, ohne die angesammelten Überstunden jemals ausgezahlt zu bekommen. Marco ist im dritten Lehrjahr zum Gas- und Wasserinstallateur. Aber statt im Betrieb den Beruf zu lernen, muss er seit über einem Monat die neue Werkshalle alleine streichen. Clarissa ist eine 15-jährige Auszubildende, die später Zahnarzthelferin werden will. In ihrer Praxis sollen die vier Auszubildenden ein gestohlenes Gerät im Wert von 200 Euro ersetzen - obwohl es keine Anhaltspunkte dafür gibt, wer hier lange Finger gemacht hat.
Wie Marina, Marco und Clarissa geht es inzwischen immer mehr Auszubildenden unserer Generation. Seit dem Ende des Börsenbooms vor wenigen Jahren hat sich die Lage für Auszubildende und PraktikantInnen dramatisch verschlechtert. Diese drei und viele weitere Fälle hat der Jugendverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes in einem "Schwarzbuch Ausbildung" veröffentlicht. Die Fälle stammen von der eigens eingerichteten Seite www.dr-azubi.de, auf der der Verband Beratung anbietet.
Täglich kommen auf dieser Webseite neue Schilderungen hinzu. Und die Fälle gleichen sich: Chefs kürzen bei Krankheit rechtswidrig den Lohn. Urlaub fällt kürzer aus als vorgeschrieben. Azubis fallen reihenweise durch die Abschlussprüfung, weil sie im Betrieb Hilfsarbeiten erledigen müssen statt etwas zu lernen. Wir alle kennen inzwischen im Freundeskreis Auszubildende, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, vor allem in kleineren und mittelgroßen Unternehmen.
Generation Praktikum
Noch schlimmer als bei Ausbildungen sieht es bei Praktika aus. Während Auszubildende nicht ganz ohne Lohn beschäftigt werden können, ist das bei Praktikumsstellen immer häufiger die Regel. Die Stellenbörsen sind voll davon: Fujitsu Siemens, größter deutscher Computerhersteller, bietet aktuell etwa ein Praktikum in der Marketing-Abteilung in München. Dauer: sechs Monate, Vergütung: "bis zu 200 Euro". Genauso wenig gibt es bei der deutschlandweiten Unternehmensberatung Kienbaum. Die suchen gerade für drei Monate "engagierte Unterstützung für den russischen Markt. Ihre Aufgaben als Praktikant/in bei uns umfassen u.a. das Tagesgeschäft bei der Suche und Rekrutierung von Fach- und Führungskräften." Heißt: Wir machen die reguläre Arbeit, die Firma geht keine Verpflichtungen ein.
Und noch ein Beispiel: Die West LB, die mehrheitlich dem Land Nordrhein-Westfalen und den Kommunen gehört, sucht aktuell eineN PraktikantIn zur "Unterstützung der Geschäftsführung". Zu den Aufgaben gehört die "Mitarbeit bei der Erarbeitung von Lösungen für strategische und operative Fragestellungen". Wer sein Vordiplom mit guten Noten abgeschlossen und auch noch "Kommunikationsstärke, gute Englischkenntnisse, hohe soziale Kompetenz und Spaß an Teamarbeit" hat und gerne Verantwortung übernimmt, darf sich für das Praktikum mit einer Dauer von "3-6 Monaten" bewerben. Geld? Fehlanzeige.
Eigentlich sind Praktika ja nicht schlecht. Früher hießen sie oft Schnupperpraktika, weil es die Chance war, einmal in einen Betrieb hineinzuschnuppern und zu schauen, ob man wirklich DatenbankentwicklerIn werden will oder nicht doch lieber SurflehrerIn. Wir PraktikantInnen heute wissen dagegen schon häufig, was wir werden wollen, finden aber in unserem Beruf keine feste Arbeit - was die Unternehmen schamlos ausnutzen.
Nach dem Studium kommt erstmal eine Dauerpraktikantschaft. Die Wissenschaft hat bereits einen Namen für das Phänomen: floundering period - das ist die Phase, in der wir zappeln wie eine Flunder.
Immer häufiger passiert es, dass Firmen gerade für einzelne Projekte keine neuen MitarbeiterInnen einstellen oder der Auftrag an eine externe Firma geht, sondern dass ein Unternehmen sich ein paar von uns holt, als PraktikantInnen. Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte der Bundesagentur für Arbeit erkennt einen klaren Trend: "Unsere Hochschulteams melden seit 2002, dass ein nahtloser Wechsel von der Universität in den Beruf immer schwieriger wird."
Vor allem in projektlastigen Berufen, sagt Bernhard Hohn, wird statt Werk- oder Dienstverträgen lieber ein billiger PraktikantInnenvertrag abgeschlossen. Das heißt: Wo früher noch eine Internet-Agentur die Unternehmens-Webseite gestaltet, machen das jetzt Informatik-StudentInnen. Was früher eine Werbeagentur gestaltet hat, machen jetzt fertig studierte Diplom-DesignerInnen ohne festen Job. Über der Frage, welche Absatzchancen ein neues Produkt hätte, brüten jetzt BWL-AbsolventInnen statt UnternehmensberaterInnen.
Leidensfähig
Wir beschweren uns nicht über unser Schicksal. Dass die besseren Zeiten vorbei sind, das haben wir in den letzten Jahren oft genug eingetrichtert bekommen. Wir haben unsere Ansprüche zurückgefahren und sind froh, wenn wir uns erstmal durchschlagen können. Was ist auch die Alternative? Da wir noch nie fest gearbeitet haben, haben wir auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld oder auf die Starthilfe für eine Ich-AG. Die Entscheidung lautet: Praktikum oder Hartz IV?
Und wie sieht so eine Lücke im Lebenslauf aus? Wie würden wir selbst damit klar kommen, nicht gebraucht zu werden? Also kämpfen wir. In unseren Praktikumsstellen kommen wir als Erste, gehen als Letzte und sind immer ein Stück motivierter als die anderen KollegInnen im Büro, stets ein Lächeln auf den Lippen, dabei aber naturgemäß doch etwas angespannt. Vielleicht ergibt sich ja anschließend ein Folgeauftrag. Ein interessanter Kontakt. Oder sogar eine befristete Einstellung. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Bei diesem Kreislauf von einem unterbezahlten Praktikum zum nächsten sind wir Opfer und Täter zugleich. Individuell mag es nützlich sein, dieses Praktikum noch zu machen. Doch das Dumpingangebot schadet der Gruppe aller PraktikantInnen. Die ArbeitgeberInnen können uns nur ausbeuten, weil wir uns ausbeuten lassen. Wenn wir uns alle weigern würden, uns unter Wert zu verkaufen, müssten die Firmen uns zu fairen Bedingungen einstellen.
Das Problem: Wir sind kaum organisiert, es gibt keine schlagkräftige Interessensvertretung. Nur so eine PraktikantInnenvertretung könnte mit den ArbeitgeberInnen auf einer Augenhöhe über faire Bedingungen verhandeln. Erste Ansätze gibt es dazu bereits: Mit dem Fairwork e.V. hat sich ein Verein von HochschulabsolventInnen gegründet, die die Ausbeutung beklagen - bisher haben sich aber nur rund 100 MitstreiterInnen gefunden. So lange sich an der schlechten Vernetzung nichts ändert, kann nur der Gesetzgeber die Lage bessern.
Allein machen sie Dich ein
Nötig wären für alle Unternehmen vorgeschriebene Mindeststandards, um die Ausbeutung einzudämmen. Die GRÜNE JUGEND fordert: Als absolute Mindestgrenze 300 Euro im Monat für PraktikantInnen, die noch kein Studium oder eine Ausbildung abgeschlossen haben. Das reicht zwar noch nicht zum Überleben, ist aber schon viel besser als nichts. Für PraktikantInnen mit Abschluss, die bis zu drei Monate arbeiten, muss es mindestens 600 Euro netto geben, bei Praktika über drei Monaten mindestens 800 Euro netto.
Bei den Ausbildungsstellen gibt es auf den meisten Feldern bereits minimale Vorgaben durch Gesetze, etwa bei Urlaub, Arbeitszeit und Vergütung. Es braucht aber härtere Kontrollen. Und ds muss eineN zentraleN AnsprechpartnerIn geben, an die PraktikantInnen und Auszubildende sich wenden können, wenn der Betrieb die Mindeststandards nicht einhält.
Das würde die Probleme noch nicht lösen - aber wäre ein Signal in die richtige Richtung und würde uns ein Mindestmaß an Rechten und Vergütung sichern. Diese Basis brauchen wir, um dann für wirklich faire Bedingungen zu streiten - denn mit gebrochenem Rückgrat lässt sich schwer kämpfen.