Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
21.03.2006: Mittlerweile leben in der EU mehr Muslime und Muslimas als belgische StaatsbürgerInnen. Diese Realitäten wollen viele weiterhin verkennen. Dabei könnte eine entsprechende Integration unseren Kontinent davor bewahren, zum Schauplatz eines bitteren Kulturkampfes zu werden. Ario Ebrahimpour Mirzaie schreibt über Vorurteile und Herausforderungen.
Xenophobie ist laut virtuellem Nachschlagewerk "eine ablehnende Einstellung und Verhaltensweise gegenüber anderen Menschen und Gruppen, die vermeintlich oder real fremd sind". Es sind immer wieder historische Ereignisse und Entwicklungen, die xenophobe Tendenzen fördern. Der 11. September 2001 war auch solch ein Ereignis. Mistrauen und Angst vor dem Islam und all denjenigen, welche nach den Geboten des Propheten Mohammed und ihres Gottes Allah leben: eine so genannte "islamophobe" Haltung.
Problem Islam
Diese äußert sich auf europäischer Ebene bei den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, die seit ihrer Gründung 1923 eine Phase der Säkularisierung durchgemacht hat. Gerade diesem guten Beispiel einer Verbindung islamisch geprägter Kultur und funktionierender Demokratie ist der Westen etwa nicht ausschließlich deshalb kritisch gegenüber eingestellt, weil die Menschenrechte nicht uneingeschränkt umgesetzt werden, sondern weil eine "Inkompatibilität mit der christlich-abendländischen Kultur" befürchtet wird. Eine Furcht, die ihre Wurzeln nicht zuletzt in einer undifferenzierten Auseinandersetzung wiederfindet. Oftmals wird hier der Islam mit Terror und Menschenrechtsmissachtungen gleichgesetzt. Natürlich muss dem Islam vorgehalten werden, dass in vielen Bereichen noch massiver Handlungsbedarf besteht: Die Gleichberechtigung der Frau, die Achtung von Menschenrechten und Pressefreiheit und die Wahrung der Rechtssicherheit in Verfassung und Gesetzen ist in vielen Ländern und Gemeinden des Islams erst teilweise oder noch nicht vollständig angekommen. Es lohnt sich allerdings, die unterschiedlichen politischen und muslimischen Milieus von Marokko bis Indonesien genauer und weniger "stereotyp" zu betrachten. Denn allein hier wird schon deutlich, dass es "den Islam" an sich gar nicht gibt. Es existieren Hunderte unterschiedlicher Interpretationen des Koran. Dies hängt vor allem mit dem Fehlen einer religiösen Zentralinstanz zusammen.
Es gibt Lösungen
Auch in Deutschland wird oft Misstrauen eher gesät als bekämpft. Vielerorts wird eine deutsche oder gar europäische Leitkultur in Abgrenzung zur anarchisch-patriarchalen Parallelkultur des Islam propagiert. Doch solche Schnellschüsse wie etwa ein "Gesinnungstest", der den Islam unter den Generalverdacht der Verfassungsfeindlichkeit stellt, fördern eher Ablehnung und Desintegration als Akzeptanz. Vielmehr sollten die muslimischen Glaubensgemeinschaften an einen Tisch geholt werden, um gemeinsam an der Integration des Islam in Europa mitzuwirken. Die zahlreichen aufklärerischen Kräfte, die sich überall in Deutschland befinden, haben einen Anspruch darauf, endlich gesellschaftliches Gehör zu bekommen, um auf fortschrittliche Organisationsformen einer muslimischen Gemeinschaft hinzuwirken und die Stellung einer gleichberechtigten Glaubensgemeinschaft in Deutschland und Europa zu erreichen. Kern dieses europäischen Modells muss dabei die Förderung religiöser Aktivitäten im Austausch für Rechtstaatlichkeit, Demokratietreue, sowie die Achtung der Menschenrechte sein. Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass das Gemeinwesen in Europa politisch verfasst und von religiösen Vorraussetzungen getrennt wird. Hier müssen endlich die christlich-abendländischen Ressentiments abgeschafft und ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Weltanschauungen geschaffen werden.
In Zukunft darf es keine kulturell oder wie auch immer geartete "Festung Europa" geben, bei der eine faktische Ausgrenzung stattfindet. Es müssen endlich Ängste und Vorurteile gegenüber dem Islam abgebaut und deren aufgeklärten Kräften die Möglichkeit gegeben werden, an einer verfassungstreuen europäischen Glaubensgemeinschaft zu arbeiten. Denn Glaube und Religion sind oftmals etwas Gutes und deswegen frei. So lange die Ausübung sich im rechtlich anerkannten Rahmen bewegt, sollte sie daher gleichberechtigt gegenüber allen anderen verlaufen. So können wir einen Kulturkampf in Europa verhindern und ein Beispiel für die restliche Welt sein.
Ario (20) ist SPUNK- Redakteur und studiert in Berlin Politikwissenschaften. Für das Thema interessierte er sich, nachdem er hörte, dass viele Menschen heutzutage, obwohl sie es besser wissen, Terror und Fundamentalismus assoziieren wenn sie einen gläubigen Muslim in der U-Bahn oder andernorts sehen.