Ein kleines Stück Normalität

24.09.2008: SPUNK Redakteur Maximilian Pichl untersucht den Umgang mit Gefangenen in unserer Gesellschaft

Derzeit sitzen rund 65.000 Menschen in deutschen Gefängnissen. Ihr Leben ist dominiert von Langeweile, Einsamkeit und dem Frust über die eigene Situation. Manche von ihnen sitzen wegen Kleinigkeiten im Gefängnis und werden erst dort mit der "harten" Kriminalität konfrontiert. Der Entlassungstermin ist für viele die einzige Hoffnung, die sie haben. Endlich wieder in der Freiheit sein. Aber sind die Meisten überhaupt auf das Leben nach dem Gefängnis vorbereitet?

Gerade Jugendliche, die früh ins Gefängnis gekommen sind, haben erhebliche Probleme sich nach einem Gefängnisaufenthalt wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Ohne Schulabschluss kein Beruf, ohne Beruf keine Perspektive. Zwei oder drei Jahre im Gefängnis machen sich eben nicht so gut in einem Lebenslauf und schrecken verständlicherweise viele ArbeitgeberInnen ab. Eine zweite Chance im Leben erhalten leider nur sehr wenige. Gerade einmal sechs Nachsorgestellen gibt es im Land, die rund 600 ehemalige Häftlinge betreuen und in den Arbeitsmarkt integrieren sollen. Viele der Nachsorgestellen beklagen sich, dass viele der Ex-Häftlinge ihre Angebote nicht annehmen. Einige sind erst durch das Gefängnis richtig kriminell geworden, andere verfallen in Agonie und kommen mit der wiedergewonnen Freiheit nicht zurecht. Manchen erscheint das Leben enger als die Gefängniszelle.

Dies ist vielleicht auch darauf zurück zu führen, dass es nur spärliche Kooperationen zwischen den Nachsorgestellen und den Gefängnissen gibt. Die Entlassungsvorbereitung der Häftlinge sei nicht ausreichend und würde sie nicht auf ihr Leben nach dem Gefängnis vorbereiten. Lokale Projekte wie MABiS.NeT (Marktorientierte Ausbildungs- und Beschäftigungsintegration für Strafentlassene) des Chance e.V. versuchen bereits in der Entlassungsvorbereitung mit den Häftlingen in Kontakt zu kommen, um ihnen nach der Haft direkt Ausbildungsprogramme vermitteln zu können. Ein richtiger Ansatz, aber wie steht es um Gefangene, die nachhaltig durch ihren Gefängnisaufenthalt gestört sind?

"Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf […] Satzbau, Grammatik, Syntax - nicht mehr zu kontrollieren. Beim Schreiben: zwei Zeilen - man kann am Ende der zweiten Zeile den Anfang der ersten nicht behalten. […] Klares Bewusstsein, dass man keine Überlebenschance hat; völliges Scheitern, das zu vermitteln; Besuche hinterlassen nichts. Eine halbe Stunde danach kann man nur noch mechanisch rekonstruieren, ob der Besuch heute oder vorige Woche war - Einmal in der Woche baden dagegen bedeutet: einen Moment auftauen, erholen." Diese Zeilen schrieb Ulrike Meinhof aus der Isolationshaft im Jahr 1972. Viele Menschen sind durch unverhältnismäßige Haftbedingungen psychisch geschädigt und nicht mehr in der Lage ein normales Leben, auch nach der Haft, zu führen. Die psychologischen Beratungen sind leider sehr rar und so bekommen nur wenige Menschen nachhaltige Hilfe. Viele PolitikerInnen haben leider noch nicht begriffen, dass Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen wurden, nicht nur eine Lohnarbeit brauchen, sondern oftmals auch ärztliche Unterstützung und Therapien, um mit den Erlebnissen ihrer Haft fertig zu werden.

Aber nicht nur die Häftlinge müssen mit dem Leben nach der Haft klar kommen. Oftmals haben auch die Familienangehörigen Probleme, wieder ein Stück Normalität in ihr Leben zu lassen. Ein Projekt aus Leipzig, welches sich speziell an die Kinder von Gefangenen richtet, versucht neue Wege zu begehen. Sieben Leipziger Häftlinge haben ein Kinderbuch veröffentlicht. Die Idee hierzu hatte eine junge Gefängnispsychologin, die sich ein Buch wünschte, das es Kindern einfacher machen soll, die Haftzeit ihrer Väter oder Mütter zu verstehen. In dem Buch geht es um das Mädchen Alessa, die eines Tages nach Hause kommt und ihren Vater mit gepackten Sachen im Flur stehen sieht: "Dein Papa muss ins Gefängnis." Kindgerecht wird dargestellt, wie Alessa die Haftzeit versucht zu verarbeiten. Das Buch hat auch den Gefangenen sehr geholfen, denn das Schreiben ist für viele wie eine Therapie gewesen und hat sie auf ihre Entlassung vorbereitet.

Max Pichl (21) ist SPUNK Redakteur.