We could definitely feed the world
03.11.2006: Jeden Tag werden in Deutschland und anderen Industriestaaten 20 % der Lebensmittel aus Haushalten und Supermärkten weggeworfen. Es handelt sich hierbei um Müll der gar keiner ist. Diese Lebensmittelverschwendung hat sowohl eine globale wie auch eine nationale Dimension. Ario Ebrahimpour Mirzaie stellt wichtige Akteure vor. Einige lindern das Übel, viele fördern es.
Tomaten aus der Tonne
Das Auge isst mit. Diesen Spruch kennt wohl jedeR. Doch wie ernst es Firmen und Lebensmittelanbieter nehmen ist wohl gänzlich unbekannt. Anders kann mensch sich den ignoranten Umgang mit der Entsorgung von essbarem, einwandfreien Lebensmitteln in Deutschland nicht erklären. Mal ist das Brot eingedrückt, mal die Gurke zu schief und ein anderes mal glänzt der Apfel nicht so wie er soll. Was bei ökologisch einwandfreien Produkten ein Qualitätsmerkmal ist, stört im industriell- konventionellen Lebensmittelhandel so manch eine Filialleiterin. Anweisung: "Ab in die Tonne!" Darüber freuen sich zuletzt nur die FreganerInnen. Sie leben von einwandfreien, weggeworfenen Lebensmitteln. Falls diese es denn bis in die Supermärkte schaffen und nicht schon vorher aus Nachfrage- Gründen entsorgt werden. Zu viel Angebot ist bekanntlich schlecht für das Geschäft.
Den Pseudo-Müll nutzen
Dass es auch anders geht beweisen Die Tafeln in Deutschland. Ganz ohne staatliche Hilfe, nur aus Privatgeldern und Spenden sammelt dieser eingetragene Verein Lebensmittel und gibt sie an Bedürftige weiter. "Wir sind unabhängig von politischen Strömungen," so Sabine Werth, Vorsitzende der Berliner Tafel, der ältesten von rund 660 Tafeln in ganz Deutschland. "Staatliches Geld verpflichtet, wir sind unabhängig von der Willkür der Politik," erklärt sie., und fügt lachend hinzu: "Ich kann den Politikern ans Bein pissen soviel ich will!"
Dass es genug Gründe dafür gibt beweisen die sozialen Probleme in Berlin. 220 t Lebensmittel verteilt die Berliner Tafel mit ihren 600 ehrenamtlichen Helfern an Schulen, Kirchengemeinden und in eigens eingerichteten Kinderrestaurants. 220 t einwandfreier, gespendeter Lebensmittel, pro Monat. "Die Tafeln erfüllen eine Doppelfunktion", fügt Sabine Wert hinzu, "es geht um Verschwendungsstopp und soziales Engagement".
Schlechte und mangelnde Ernährung ist kein gesundheitliches Problem, es ist ein soziales Problem welches angepackt wird. Ein staatlich gefördertes Ganztagschulsystem mit gesundem Mittagessen würde sicher auch helfen. Es fehlt an einer gerechten globalen, wie auch europäischen und deutschen Lebensmittelpolitik. Stattdessen wird der Agrarsektor weiter über subventioniert, anstatt das Geld sinnvoll anzulegen.
Subventionierte Ungerechtigkeit
Europäische Bauern sind glückliche Bauern. Mensch könnte sogar sagen es weht ein Hauch von Realsozialismus über ihre Felder zwischen Bretagne und Böhmen. Denn europäische Bauern dürfen ohne den üblichen Druck einer kapitalistischen Weltordnung produzieren, sie produzieren sehr viel lieber am Bedarf vorbei. Auf Kosten der Steuerzahlerinnen in Europa und auf Kosten jener Kinder in den Entwicklungs-ländern dieser Welt, welche alle zehn Sekunden an Hunger und Armut sterben. "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet", so hat es Jean Ziegler, UN- Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, treffend beschrieben. Das Sterben geht weiter, genauso wie die Überproduktion. Doch was passiert mit den Überschüssen? Sie werden entweder vergraben, verbrannt oder gleich nach Afrika verschifft, wo sie durch großzügige Subventionen zu einem Drittel der üblichen Markpreise verscherbelt werden. Brüssel sei Dank.
Der Begriff der Ernährungssouveränität scheint der EU und den europäischen Bauernlobbys genauso fremd zu sein wie das Leid der afrikanischen Bauernkollegen. Ja, die Nahrungsmittel kommen nach Afrika, wenn auch nicht mehr auf ganz so brüderlichem Wege wie sie produziert wurden. Sie werden verkauft. Welcher senegalesische Bauer es sich leisten kann diese käuflich zu erwerben bleibt unbeantwortet. Durchaus bekannt ist die Höhe der Agrarsubventionen der EU. Über 40 Milliarden Euro, jedes Jahr.
Ario Ebrahimpour Mirzaie studiert Politikwissenschaften in Berlin. Lebensmittelverschwendung hält er für eines der größten Konsum bedingten Probleme unserer egoistischen Welt.