Der Kampf gegen die Schwerkraft
06.11.2008: „Warum gehen die Leute auf der Straße eigentlich so langsam“ sangen Tocotronic in den 90er Jahren. Für David Belle sind die langsamen Menschen und die vollen Straßen kein Problem mehr. Er nimmt sowieso lieber eine Abkürzung. Waghalsig springt er über Treppengeländer, hangelt sich an Abflussrohren auf die höchsten Dächer und läuft von dort auf den schmalen Dachsimsen über die Stadt.
Manche Menschen könnten vermuten David Belle sei auf der Flucht, aber eigentlich geht er nur seinem Hobby nach. David Belle ist nämlich Erfinder des Parkours, einer der bemerkenswertesten Trendsportarten der letzten Jahre.
Es war in den 80er Jahren in Nordfrankreich als David Belle von seinem Vater Raymond, einem Vietnam Veteran, in den Wald mitgenommen wurde. Raymond Belle hatte im Vietnamkrieg lernen müssen, wie man mit der natürlichen Umgebung interagieren muss. Er wollte auch seinem Sohn zeigen, wie dieser sich schnell und kreativ durch den Wald bewegen kann, ohne dabei auf die natürlichen Straßen angewiesen zu sein. Die Erfahrungen die David Belle bei diesen Methoden gemacht hatte, übertrug er dann später spielerisch auf die industrialisierte Betonlandschaft des Pariser Vorortes Lisses. Der Grundstein für Parkour war gelegt.
Parkour ist nicht nur ein reiner Adrenalinkick, wie er von vielen Menschen angesehen wird. Für die Traceure (so nennen sich die Parkour Sportler) ist ihr Sport eine Art des künstlerischen Ausdrucks. Grenzen sollen überwunden, der eigene Körper in Kontrolle gehalten werden. Traceure würden sich nie waghalsigen Risiken aussetzen, sie wissen genau, wie weit sie gehen können.
Auf einer Internetseite über Parkour steht in der Philiosophie des Sports: „Parkour ist Bewegungskunst und mit dem öffentlichen (urbanen) Raum verflechtet. Der Traceur nimmt sich den öffentlichen Raum und beansprucht ihn, ohne den Raum einzuvernehmen oder gar zu missbrauchen. So kann der Traceur auch als 'Bewahrer' des 'besetzten Raumes' seinen Platz finden und im Sinne der Kunst mit dem Raum interagieren“. Parkour ist also nicht nur ein „normaler“ Sport, sondern ist auch implizit eine künstlerische-politische Ausdrucksform.
Gerade in den französischen Banlieus ist Parkour Teil der Jugendkultur geworden. Dort wo die Armut am gravierendsten in Frankreich ist, suchen sich Jugendliche bewusst Nischen, um dem Alltag zu entfliehen. Parkour ist für sie letzendlich auch eine Konfrontation mit der Urbanisierung. Sie nutzen bewusst die triste Industrielandschaft und verleihen durch ihre meisterhaften Sprünge und akrobatischen Techniken der ganzen Stadt einen Hauch von Kunst.
Parkour hat neuerdings auch seinen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. 2004 erschien der Film „Ghettogangz“ des Regisseurs Luc Besson, der in seinem Film die wachsende Armut in den Pariser Vororten behandelt. Einige der besten französischen Traceure spielten die Rollen in dem Film. Aber auch Hollywood hat Gefallen an diesem Trendsport gefunden. Im letzten James Bond Film „Casino Royale“ muss Bond am Anfang sich eine wilde Verfolgungsjagd mit einem Mittelsmann leisten. Der Verfolgte wird dabei durch Sebastian Foucan dargestellt, einer der bekanntesten Traceure.
Die Traceure sind ein bisschen wie lebendig gewordene Superhelden. Mit Spiderman könnten die meisten der Profis auf einer Augenhöhe konkurrieren. Durch Parkour wird das Außergewöhnliche zur Norm und gerade dadurch hebt sich dieser Sport wie kein anderer von den Traditionellen ab. Denn Parkour verzaubert eben auch ein kleines Stück die Welt.
| Maximilian Pichl (20) ist SPUNK Redakteur und betrachtet Parkour als die Rückeroberung des öffentlichen Raums in Zeiten grenzenloser Privatisierung. |