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06.11.2008: Computerspiele sind heute aus dem Alltag von vielen Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Maximilian Pichl berichtet über die Technokratisierung des Sports.
Daddelte man früher noch alleine für sich vor dem Fernseher, kann man heute auf LAN-Partys oder im Internet virtuell mit vielen anderen Gamern zusammenspielen. Doch für die meisten ist Gaming „nur“ ein Hobby. Nicht für Frank Sliwka. Seit 2005 ist er geschäftsführender Vorsitzender des Deutschen eSport-Bund. Sein Verband will dafür sorgen, dass das digitale Gaming als professioneller Sport öffentlich wahrgenommen wird.
„Vor 10 Jahren gab es noch nicht einmal den Begriff eSport. Heute gibt es Unternehmen, die ganze Ligen und hunderte von Teams sponsoren“, sagt Sliwka. Er selber schätzt die eSport Community auf etwa 1 Million Beteiligte.
Für viele scheint es schwer vorstellbar zu sein, dass eSport offiziell als Sportart anerkannt wird. Harald Pieper, Pressesprecher des Deutschen Sportbundes, der über die Anerkennung von Sportarten in Deutschland entscheidet, will eSport nicht anerkennen lassen: „Für eine Sportart braucht man bestimmte eigenmotorische Leistungen.“
Anscheinend hat Herr Pieper noch nichts von Nintendos Konsole Wii gehört. Die Tennisfreunde Berliin wissen es besser. Nein, das doppelte „i“ in Berlin ist kein Tippfehler. Vielmehr verweist es auf die Wii-Konsole mit der die Tennisfreunde ihre Turniere durchführen. Laut eigener Aussage sind die Tennisfreunde Berliin eine Gruppe Berliner Kreativer, die sich für die Förderung des digitalen Tennisspiels im öffentlichen Raum engagieren. Anstatt nur zuhause mit Freunden zu spielen, wollen die Tennisfreunde einzigartige Spektakel inszenieren. Eine Wii Konsole, zwei Controller, ein Verstärker, ein Videosplitter, zwei Beamer und eine Leinwand verwandeln jeden Ort in eine Tennisarena. Beim letzten Turnier traten bereits 30 SpielerInnen gegeneinander an. Die Tennisfreunde wollen durch ihre Öffentlichkeitsarbeit vor allen Dingen zeigen, dass Computerspiele die Jugendlichen nicht automatisch zu willenlosen Amokläufern werden lassen. Ihrem Verständnis nach sehen sie sich aber nicht als Sportler. Lieber ist ihnen die Bezeichnung „Kulturschaffende“.
Die eSport Szene ist gut vernetzt. Vom 27. bis 28. Mai fand in Köln bereits die 5. Internationale eSport Conferenz statt (ESCONF). Dort wurde u.a. über die Gründung eines eSport Weltverbandes diskutiert. Die Idee soll bereits dieses Jahr in Seoul verwirklicht werden.
Viele Fragen werden zurzeit in der eSport Szene diskutiert. Welchen Einfluss hat die Professionalisierung des Gaming eigentlich auf die gesamte Spielebranche? Betreiben die Unternehmen eine unverhältnismäßige Lobbyarbeit? Und vor allem: Wie weit ist eSport noch vom regulären Sport entfernt?
Franz Sliwka hat hierzu eine eindeutige Position: „Ich verstehe uns schon als SportlerInnen. Gucken Sie sich doch die technischen Entwicklungen im gesamten Sportbereich an. Die Formel 1 macht riesige technische Fortschritte und wer im Speerwerfen nicht den neuesten Speer besitzt, hat meistens auch keine Chance auf den Erfolg. Der eSport ist meiner Meinung nach der konsequente Ausdruck der Technokratisierung des Sports“.
Vorurteile und politische Barrieren gibt es dennoch allzu oft. Nach jedem Amoklauf schauen die Medien zuerst in den Spieleschrank der Täter und machen Games wie „Counterstrike“ oder „Doom“ für die Gewalttaten verantwortlich. Mediziner warnen eindringlich vor der hohen Suchtgefahr und Eltern laufen Sturm gegen die Spieleindustrie. Die Debatte macht Sliwka wütend: „Natürlich werden auch im eSport vermeintlich 'böse Spiele' wie Counterstrike gespielt. Aber bei uns spielen solche Debatten eigentlich keine große Rolle. In unserer Gesellschaft gibt es einfach absolut kein Verständnis mit den Neuen Medien.“
Von den Eltern fordert Sliwka, dass diese sich endlich mit den Produkten auseinandersetzen, die ihre Kinder auch konsumieren. „Wenn ich bei einem Votrag erboste Eltern frage, welche Bücher sie ihren Kindern empfehlen würden, dann nennen die meisten sofort Karl May oder Harry Potter. Wenn ich aber frage, welche Spiele empfehlt ihr euren Kindern, sind meistens alle still. Da liegt doch das Problem!“.
Auf die Frage, ob er sich auch eSports als olympische Disziplin vorstellen könnte, muss Sliwka schmunzeln: „Das wäre natürlich wunderbar. Eine Annäherung findet aber schon statt. In Peking wird es zum Beispiel Demonstrationswettbewerbe der eSports Community geben. Vielleicht sind wir 2016 dann auch soweit professionelle Gamer zu den Spielen zu schicken.“
Weblinks:
| Maximilian Pichl (20) ist Sprecher der GJ RLP und SPUNK Redakteur. 2012 würde er gerne Mario Kart bei Olympia sehen. |