Ich mach mich krank, wie's mir gefällt
06.02.2009: Gesund ist relativ - über die ProtagonistInnen des eigenen Lebensstil
Mein Körper gehört mir – denkste! Gesundheit ist maßgeblich von unserem Lebensstil abhängig, aber auch von äußeren Einflüssen, Interessen und Geld. Bestimmen wir unsere Lebensweise wirklich selbst? Tricksen wir uns selbst aus? Oder Andere uns? Über die Protagonisten unseres Körpers schreibt SPUNK-Redakteurin Svenja Tidau.
Wer kennt das nicht? Ein Klassiker geradezu. Weihnachten und das neue Jahr stehen vor der Türe und klopfen mit einem Paket voller guter – gesunder – Vorsätze an. Zu Weihnachten – und an Silvester – sich noch mal richtig den Bauch voll schlagen, die letzte Zigarette, das letzte Mal die Gläschen nicht zählen. Und dann geht es los. Ab dem 1. Januar wird Sport gemacht, die Ernährung umgestellt – am besten radikal, das Immunsystem gestärkt, die work-life-balance kritisch unter die Lupe genommen und ins Gleichgewicht gebracht. Mal ehrlich: das hat jedeR schon gemacht! Und wenn nicht zum Jahreswechsel, so doch zum Geburtstag: Jetzt wird alles anders gemacht und zwar richtig! Aber wer sagt uns wie genau?
Clevere JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und UnternehmerInnen haben es raus. Die „wir verraten Ihnen wie“-Artikel haben Hochkonjunktur – wenigstens die. Und so soll mensch weniger und gesünder essen, weniger Fett und mehr Grünes, am besten bio und vegetarisch für die well- und fitness, keine Glimmstängel, kein Alkohol und Drogen schon gar nicht. Dazu viel Bewegung und Sport, am besten einmal täglich. Weniger Stress, sich Pause gönnen, gezieltes Entspannen. Wer wenig Zeit hat, sollte einen Ratgeber zur Hilfe nehmen. Oder einen Coach. Der kann einem dann vielleicht auch aus der Fülle an Kursen und Seminaren das Beste gemäß Effektivität und Effizienz raussuchen.
AkademikerInnen, Intellektuelle und Politikbewegte neigen dazu, sich hinter Laptop und wichtigen E-Mails zu verstecken, Herbst und Winter sind ja auch zum drinnen sein gemacht. Dazu kommen Sitzungen, Kongresse, Seminare und das heißt: sitzen, Essen, knabbern zumindest, wenig schlaf, abends feiern, ein Bier oder mehr... Work-life-balance und Gesundheit ade. Das sind nur die äußerlichen Erscheinungen. Denn wenn der Körper im Ungleichgewicht ist, ist es die Psyche zumeist auch. Sie bedingen sich gegenseitig. Der Körper kehrt sein Innerstes nach Außen. Blasse Haut, Augenringe, Gewichtsschwankungen. Aufgedreht oder abgedreht sein, Hauptsache, man dreht an der Welt mit.
Der immensm Stress – der reelle oder von außen und innen konstruierte – wird bekämpft, mit endlos erscheinender Energie. Immer mehr, immer schneller, immer besser, weiter, höher – bis zum „Ausgebrannt“ sein. Das Burnout-Syndrom, ein Phänomen, ein Teil dieser Zivilisation, und wie die Süddeutsche Zeitung im November kommentierte, gehöre Stress „in unserer Gesellschaft fast schon zum guten Ton“. Eine Gesellschaft, die sich über Arbeit und Leistung definiert, in der Flexibilität, Mobilität und Engagement Volkstugenden sind, die vorausgesetzt werden. Faulenzen, ein Attribut derer, die ohne Job sind, einer armen, einfachen Hartz-IV-Schicht. Denn: Stress leisten sich häufig produktive, leistungsfähige und zielorientierte Personen, so die Diagnosen. Und sie sind es, die immer mehr an psychischen Erkrankungen leiden, bedingt durch den Lebensstil. Wie hoch die Zahl genau ist, lässt sich schwer bemessen. Einigkeit herrscht aber darin, dass die Zahl der Betroffenen steigt, immer mehr.
Stress aber beginnt nicht erst am Arbeitsplatz. Wir werden immer mehr damit aufgezogen, vom Elternhaus über die Schule bis hin zur weiteren Ausbildung: Stress gehört zum Leben dazu. Umfragen bestätigen dies: immer mehr Menschen geben an, „gestresst“ zu sein. Auch wenn diese nicht immer sozialwissenschaftlich repräsentativ sind, so spiegeln sie eine allgemeine Wahrnehmung der deutschen Gesellschaft des sich-gestresst-Fühlens wider. Dabei ist Stress nicht per se schlecht. „Stress ist – stammesgeschichtlich betrachtet – dazu da, uns fit zu machen für den Kampf oder die Flucht“, so Prof. Dr. Monika Bullinger in einem Interview der Süddeutschen Zeitung. Unterschieden wird zwischen positivem und negativem Stress, die Grundlagen und wissenschaftlichen Untersuchungen dazu lieferte der ungarische Forscher Hans Seyle bereits in den 1930ern im kanadischen Exil. Stress ist ihm zu Folge ein elementarer Bestandteil des menschlichen Lebens, stimuliert den Geist durch die Ausschüttung von Neurotransmittern, die es uns ermöglichen, sich besser zu konzentrieren. Die Ausschüttung dieser Transmitter ist förderlich. „Ein bewährter kurzfristiger Schutz, aber kein dauerhafter", erklärt Bruce McEwen, Leiter des Labors für Neuroendokrinologie der Rockefeller University in New York in einem Interview mit dem GEO Magazin. Fazit: Stress für ein paar Stunden ja, nicht aber über mehrer Jahre oder gar ein Leben lang. Wird nichts gegen Dauerstress und Druck getan, so können die Folgen körperlicher und psychischer Natur sein: Organschädigungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Schlaganfall, Herzinfarkt, Nervenzusammenbruch. In den meisten Fällen steckt eine Depression oder eine andere psychische Erkrankung dahinter. Das Burnout-Syndrom ist kein eigenes, anerkanntes Krankheitsbild, sondern vielmehr ein Sammelbegriff für eine Reihe von Symptomen. Weitaus unbekannter in der Bevölkerung und mehr Rätsel gibt das Chronische Müdigkeitssyndrom auf, die Symptome sind vielfältiger und die konkreten Ursachen bei Betroffenen schwieriger zu diagnostizieren.
Gründe, dass immer mehr Menschen am Burnout- oder am Chronischen Müdigkeitssyndrom leiden, liegt zum einen daran, dass wir im Gegensatz zu früher weniger körperliche, sondern als Informations- und Dienstleistungsgesellschaft immer mehr geistige Arbeit leisten. Problematisch ist dies, wenn der körperliche und emotionale Ausgleich fehlt, abschalten schwer- oder sogar entfällt, die Warnsignale überhört werden. Und hier tut sich ein gesellschaftlicher Widerspruch auf: zum einen sollen alle fit und gesund sein, Krankheit wird tabuisiert und ist schlecht. Auf der anderen Seite weiß der Körper besser als jeder Arzt oder Ärztin, was gut für ihn ist und sendet dies auch – die Frage ist, ob wir auf lautlos stellen oder auf Empfang stehen. Letztlich schlägt hinauszögern einem später umso stärker ins Gesicht, körperlich oder psychisch.
Widersprüchlich erscheint das "Sich-krankmachenlassen“ im Angesicht des Wellness, Fitness, Gesundheitstsunamis der die Gesellschaften überrollt und diese mit den „richtigen“ Gesundheitsnormen fit machen will. Der Markt ist da, Gesungheit in aller Munde und wird von Gesundheitsmanagern rundum versorgt. Die Gesundheitsbranche ist Arbeitgeber Nummer eins in Deutschland und liefert 4,6 Millionen Menschen Arbeitsplätze. Laut der McKinsey-Studie „Deutschland 2020“ ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft, eine Million neue Jobs könnten noch geschaffen werden, so heißt es weiter.
Man würde zu gern glauben, dass Gesundheit und damit Medizin als Naturwissenschaft vor allem auf Empirie basiert. Aber was krank und was gesund bedeutet, ist ein soziales Konstrukt und variiert zwischen Kulturen wie Normen und Sitten auch. Ein Beispiel dafür ist die so genannte Female Sexual Dysfunction. Seit langem forscht Pharma- und PsychiaterInnenindustrie an Medikamenten, die die chronische nicht-Lust von Frauen zu „heilen“ helfen. Dass männliche Pendant dazu ist in seiner populärsten Form unter Viagra bekannt. Für die US-Psychotherapeutin Dr. Leonore Tiefer ist „die Pathologisierung weiblicher Lust ‚ein Lehrbuchbeispiel’ dafür, wie Krankheiten erfunden werden“, die einzig dem Ziel der weiblichen Medikalisierung dient. John Bancroft, früherer Direktor des Kinsey-Instituts, verallgemeinert dies und nennt die Kampagnen ein "klassisches Beispiel dafür, wie weibliche Sexualität mit vorgefassten, männlichen Diagnosekriterien erfasst werden soll". Den Vorgang aus alltäglichen oder normalen Syndromen und Ereignissen wie beispielsweise dem Haarausfall bei Männern eine Krankheit zu machen wird Disease Mongering genannt. Dabei geht es darum, Alltägliches nach dem Motto „ Sie sind nicht krank? Vielleicht wissen Sie es nur noch nicht!“ therapisierbar zu machen. So werden keine neuen Märkte für Pharmaindustrie und PsychiaterInnen erschlossen, sondern kreiert.
Nicht alle „Trends“ breiten sich so gezielt aus. Manchen reicht auch ein „In-sein“ aus der Glamour-Welt Hollywood um das Klischee „angestaubt“ gegen „hipp“ zu tauschen. Die ernste und verbissene Umweltbewegung war vorgestern, heute lebt LOHAS. Ein Lebensstil, der Spaß hat am Konsumieren und lebt, aber gesund und sustainable muss es sein. Hinter dem Akronym versteckt sich der Lifestyle of Health and Sustainability und, wenn man dem Zukunftsinstitut glauben möchte, der „Beginn einer neuen Ära“. Alternative heißen jetzt Avantgardisten, mit Geld vom Rand der Gesellschaft ab in die Mitte, wo sich bekanntlich schon viele tummeln. Ob dieser Lifestyle untergehen oder überleben wird...
Molieres „eingebildeter Kranker“ hat die Kurve gerade noch erwischt und auf seine Intuition und seinen Körper gehört. Ob uns das auch gelingt?
Svenja Tidau (23) ist SPUNK-Redakteurin. Sie nimmt sich vor, öfter mal einen Gang runterzuschalten und auf Intuition und Körper zuhören. Einen 'Experten' kann man ja immer noch fragen.