„Wir wollen auch verstehen! Wir haben ein Recht darauf!“

13.11.2009: Qualitätssiegel Barrierefreiheit. Menschlich geprüft.

„Stellen Sie sich vor, Sie schalten den Fernseher ein und es gibt keinen Ton. Gehörlosen ergeht es immer so und deshalb fordern sie die komplette Untertitelung des Fernsehprogramms“, berichtete das ZDF am 23. August vergangenen Jahres in den heute-Nachrichten. An diesem Sommertag gingen über 7.000 Gehörlose, Ertaubte und Schwerhörige in Köln auf die Straße, um für das Recht auf 100 Prozent Untertitelung im deutschen Fernsehen zu demonstrieren. Denn von den rund 13 Millionen in Deutschland lebenden Hörgeschädigten hat in etwa die Hälfte Schwierigkeiten, dem Fernsehprogramm uneingeschränkt zu folgen. 300.000 von ihnen sind so stark in ihrem Hörvermögen beeinträchtigt, dass sie ohne Untertitel oder Gebärdenspracheinblendung vom Fernsehangebot ausgeschlossen sind. „Selten war eine Demonstration so leise. Kein Wunder – Gehörlose hören mit den Augen und deshalb sind Untertitel für sie so wichtig“, kommentierte das ZDF weiter.


Keine Verpflichtung = keine Barrierefreiheit?

Bernd Schneider, Mitglied der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten und Aktiver der Arbeitsgruppe Untertitel und GebärdensprachdolmetscherInneneinblendung, ist Fachmann für die Problematik. Seit Jahren beobachtet er den Stand der Untertitelung im Fernsehen und führt regelmäßig Statistiken durch. Er verweist darauf, dass es zuletzt im Jahr 2008 eine Erhöhung der untertitelten Sendungen um 2,3 % auf 8,4 % gab. Jedoch sind allein die öffentlich-rechtlichen Programme Zugpferde der Statistik. Bei den Privatsendern beträgt der Anteil lediglich 1,1 %, obwohl sie ihre Gewinne Jahr für Jahr deutlich steigern und die Untertitelung einer 90-Minuten-Sendung mit 2500 Euro nur einen Bruchteil der Produktionskosten für eine komplette Sendung verursacht. So verbuchte beispielsweise die RTL-Gruppe für 2008 einen Gewinn von 971 Millionen Euro. Maßgeblichen Anteil daran hatte die ohnehin wichtigste Mediengruppe RTL Deutschland, die ein Rekordergebnis einfahren und ihren Gewinn um 25,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern konnte. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Selbstverpflichtung von den Fernsehanstalten nicht ernst genommen wird. Da es in Deutschland keine gesetzliche Verpflichtung zur Untertitelung gibt, ist die Bereitschaft zur Barrierefreiheit entsprechend gering.


Mediale Barrieren betreffen alle

Doch nicht nur Gehörlose treffen täglich auf mediale Barrieren. Ältere Menschen, BrillenträgerInnen und Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik können ebenso wie Kinder, Schwerhörige oder Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten auf Hürden treffen, welche ihnen den Zugang zur Nutzung von Medien erschweren. Diese Hürden werden zu Barrieren, wenn sie als schier unüberwindbare Hindernisse die mediale Zugänglichkeit gänzlich verwehren. Solche Barrieren sind beispielsweise kleine Schriften für sehbeeinträchtigte Menschen, Bilder ohne Alternativtexte für blinde Menschen, lange Sätze und Fremdwörter für Kinder und Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten sowie kleine Schaltflächen für ältere Menschen oder Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik.

Das Europäische Konzept Zugänglichkeit (European Concept for Accessability – ECA) verdeutlicht, dass die Herstellung von Barrierefreiheit im Interesse aller Menschen ist. Das erstmals 2005 in deutschsprachiger Version erschienene Handbuch erläutert, dass die Gewährleistung von Barrierefreiheit nicht nur dringend erforderlich, sondern zugleich ausschlaggebendes Merkmal für den Grad der NutzerInnenfreundlichkeit ist: „So ist mittlerweile bekannt, dass eine barrierefrei zugängliche Umwelt für etwa 10 Prozent der Bevölkerung zwingend erforderlich, für 30 bis 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel ist und ein Qualitätsmerkmal darstellt.“


Neue Technologien – neue Möglichkeiten

Ein besonderer Stellenwert unter der Vielfalt der Medien muss – aufgrund größter Fortschritte in jüngster Vergangenheit – den neuen Technologien beigemessen werden, denn sie haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Ausgestaltung der heutigen Informationsgesellschaft. Das Internet spielt eine große Rolle bei der täglichen Kommunikation und dem Austausch von Informationen und bietet zahlreiche Vorteile für Menschen, die im Alltag oft benachteiligt werden: Es gleicht eingeschränkte Mobilität aus, ist zugänglich für sehbeeinträchtigte und blinde NutzerInnen und erleichtert Kontakt und Informationsaustausch von gehörlosen NutzerInnen. Besonders bedeutungsvoll ist die Entwicklung neuer Technologien insofern, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen physischen, mentalen oder sensorischen Fähigkeiten, dieselbe Information erhalten kann wie der Rest der Bevölkerung. JedeR kann Texte in verschiedenen Sprachen lesen und hat die Option, die Schriftgröße oder die Hintergrundfarbe zu wechseln, es gibt Braille-Tastaturen für blinde Menschen sowie Sprachsynthesizer und angepasste Browser.


Neue Medien – neue Herausforderungen

Doch neue Medien bergen auch neue Herausforderungen. Zwar bietet das Internet eine Vielzahl an Chancen zur Teilhabe, jedoch versperren wiederum neue Barrieren den Zugang zu Informationen. Zu geringe Kontraste zwischen Schriften und Hintergründen, zu helle Farben sowie Schatten und Verlaufseffekte in Grafiken, Buttons und der Navigation können erhebliche Probleme für Menschen mit Sehbeeinträchtigung bedeuten. Bei Stichwortwolken, in denen die Schriftgröße der wichtigsten Schlagworte mit häufiger Verwendung zunimmt, werden die Begriffe nur alphabetisch und nicht nach Schriftgröße oder Relevanz sortiert, was diese Schlagworte für blinde NutzerInnen unerkennbar macht. Wenn Internetseiten sogar ohne Navigationsleiste angeboten werden, fällt die Orientierung besonders schwer. Für sehbeeinträchtigte Menschen kann zudem die Eingabe von Captchas – mit verzerrten Buchstaben, Zahlen und Zeichen dargestellte Grafiken, die unterbinden sollen, dass Inhalte automatisch von Maschinen eingetragen werden – zur unüberwindbaren Hürde werden.

Aufgrund der ernst zu nehmenden sozialen Bedeutung des Internets existieren bereits zahlreiche Empfehlungen für Techniken, die die Barrierefreiheit im Internet unterstützen sollen. So gibt es bereits Alternativen zu Captchas, die verzerrte Schriften optisch oder akustisch erfassen oder Rechenaufgaben einsetzen. Für ältere Menschen mit eingeschränkter Seh- und Hörfähigkeit sind jedoch sowohl optische als auch akustische Alternativen nur mit Mühe wahrzunehmen. Mathematische Aufgaben sind wiederum für rechenschwache NutzerInnen ungeeignet. Deshalb ist das Angebot von verschiedenen Alternativen an dieser Stelle die optimale Lösung. Ein barrierefreies Internet bietet Vorteile für alle Menschen, denn allgemeine NutzerInnenfreundlichkeit stellt ein Qualitätsmerkmal dar, welches kaum jemand missen möchte. Die meisten Menschen fühlen sich durch verständliche Inhalte und eine anwendungsfreundliche Navigation angesprochen. Eine strukturierte Aufbereitung von Informationen sowie übersichtliche Darstellungen auf Handys dienen der funktionalen Anwendung. Außerdem freut sich garantiert jedeR über schnell ladbare Internetseiten.

Eine Sprache für alle!

Eine weitere Möglichkeit, um besonders viele Menschen mithilfe unterschiedlicher Medien anzusprechen, stellt die Verwendung der Einfachen Sprache dar. Diese Sprache umgeht lange Sätze und Fremdwörter und spricht vor allem Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten an. Aber auch Kinder und MigrantInnen können von ihr profitieren, da sie das Textverstehen enorm erleichtert. Die Prinzipien der Einfachen Sprache sind leicht zu überschauen: Es sollen kurze Sätze verwendet werden, die jeweils nur eine Aussage enthalten. Abstrakte Begriffe, Fremdwörter, lange Zusammensetzungen, Fachwörter, Konjunktive und Abkürzungen sollen vermieden bzw. durch anschauliche Beispiele oder Vergleiche erklärt werden. Generell helfen Bilder oder Filme, einen Text besser zu verstehen. Bei der Textgestaltung soll darauf geachtet werden, dass Wörter nicht in durchgehenden Großbuchstaben geschrieben werden und keine kursive Schrift verwendet wird. Zudem ist darauf zu achten, dass die Texte übersichtlich gestaltet werden. Diese Kriterien verdeutlichen, worauf es der Einfachen Sprache ankommt. Es ist wichtig, sie vermehrt in unterschiedlichen Medien anzubieten, um tatsächlich so viele Menschen wie möglich direkt ansprechen zu können. Vor allem für Internetpräsenzen bietet sich diese Form des Abbaus von Barrieren besonders an.

Untertitel nur für Gehörlose?

Was für die einen Barrierefreiheit bedeutet, kann für die anderen ein Qualitätsmerkmal sein: An lauten Orten wie Bahnhöfen, Gaststätten und Fußballstadien, aber auch an leisen Orten wie Bibliotheken, Museen und Ausstellungen können Untertitel auch Hörenden das Verstehen ermöglichen. Lese- und schreibschwache SchülerInnen profitieren von Untertitelungen ebenso wie MigrantInnen, die dadurch ihre Schrift- und Lautsprachkompetenz verbessern können. Wenn fremdsprachige TV-Programme und Kinofilme untertitelt anstatt synchronisiert werden, hat dies wesentlich niedrigere Produktionskosten und einen guten Beitrag zum Erlernen von Fremdsprachen zur Folge. Weiteres Potenzial liegt darin, dass Untertitel genutzt werden können, um mithilfe von Suchmaschinen bestimmte Filmszenen ausfindig zu machen. Dies zeigt, dass nicht nur Gehörlose, sondern auch hörende SchülerInnen, MigrantInnen, Lernschwache und CineastInnen von Untertiteln profitieren können. Demzufolge könnte der Appell der Gehörlosen, die im vergangenen Jahr für 100 Prozent Untertitel im deutschen Fernsehen warben, als gemeinschaftliche Universal-Forderung von Gehörlosen und Hörenden verstanden werden: „Wir wollen Untertitel! Wir haben ein Recht darauf! Wir wollen auch barrierefreies Fernsehen! Wir wollen auch verstehen!“ Damit wäre das Qualitätssiegel Barrierefreiheit menschlich geprüft.

Sarah Benke