Alkoholkonsum in Finnland

15.11.2009: Der Mythos der saufenden Finn_innen - und was da wirklich dran ist

Mitten in der Woche in einer südwestfinnischen Stadt: Alles wirkt leer, kein einziges Auto fährt, nur auf dem Marktplatz am einzigen Hamburger-Shop stehen zwei seltsame Gestalten. Diese versuchen, in ihrer Verfassung noch etwas zu Essen zu bestellen. Die zwei beiden sind weder jung noch alt, weder BettlerInnen noch StudentInnen. Es sind ganz normale, durchschnittliche finnische Männer mittleren Alters. Wenn mensch sie anspricht, kommt auch mit guten Finnischkenntnissen nicht allzu viel Sinnvolles dabei raus. Dieses Szenario kann mensch häufiger in finnischen Städten erleben. Es erhebt den Anspruch, der Normalfall zu sein.

In Finnland wird der Alkoholkonsum staatlich kontrolliert. Mensch kann Alkohol über 4,7 Promille nicht in normalen Supermärkten finden. Dazu zählt außer Leichtbier und dem französischen Apfelwein cidre faktisch alles. Seit 1932 bestehen so genannte ALKO-Märkte, die meistens in der Nähe von Supermärkten zu finden sind. Dort kann sich der Durchschnittsfinne oder die Durchschnittsfinnin an jeder Art von Alkohol bedienen.

Ohne den historischen Hintergrund kann mensch das finnische Problem mit Alkohol nicht verstehen.

Die Geschichte des Alkoholkonsums in Finnland, welche man in Ildikó Hámos' und Ilari Sohlos Buch „Kulturschock Finnland“ ausführlich nachlesen kann, ist eine lange, nicht gerade unkomplizierte und war stets mit Prohibition und Eingriffen des Staates verbunden. Alles begann im Jahre 1866 mit einem Selbstbrennungsverbot, welches die BäuerInnen vom russischen Staat auferlegt bekamen. Das hatte die erste einer Reihe von Trotzreaktionen zur Folge, mit welchen mensch die Geschichte des finnischen Alkoholkonsums am besten erklären kann. Der Alkoholkonsum unter BäuerInnen brach ein, da diese nicht wollten, dass der Staat bzw. die Industrie von der Alkoholproduktion profitierten. Mit der Urbanisierung entstand die so genannte Abstinenzbewegung. Diese richtete sich anfangs nur gegen die Oberschicht, ihre Profite vom Alkohol (in Form von Steuern) und ihre generell „besseren“ Lebensmittel. Als die Idee sich dann auch in reicheren Kreisen verbreitete, weil das „gesunde“ an der Idee bemerkt wurde, beschloss das Parlament 1907 die totale Prohibition des Alkoholkonsums. Jedoch fand in den kommenden Jahren der finnische Bürgerkrieg zwischen Weißen (reiche Oberschicht) und Roten (ArbeiterInnen) statt, sodass das Gesetz nicht in Kraft treten konnte. Da die Abstinenzbewegung das Gefühl hatte, die Prohibition begründen zu müssen und natürlich Angst um „ihr“ Gesetz hatte, war der Mythos des „finnischen Säufers“ geboren. Die Abstinenzbewegung schuf ihn mit einer Argumentationshilfe, welche z.B. besagte, dass FinnInnen zwar seltener trinken als MitteleuropäerInnen, wenn sie es denn aber tun, dann nur mit dem Ziel, betrunken zu werden. Dies ist ein Satz, den mensch heute auch noch oft hören kann. Nachdem das Prohibitionsgesetz nun endlich in Kraft war, folgte die nächste Trotzreaktion: Der Alkoholkonsum stieg rapide an. Diverse Schmuggel- und Schwarzbrennaktivitäten ließen den Alkoholismus nun zur schlimmen finnischen Volkskrankheit werden. 1931 folgte dann eine Volksabstimmung über die Prohibition, in der 70 % der Bevölkerung diese ablehnten. 1932 war die Prohibition in Finnland abgeschafft, aber der finnische Staat ließ es sich nicht nehmen, seine nun offiziell als alkoholkrank geltenden BewohnerInnen weiter zu bevormunden. Er gründete „Oy Alkoholiliike Ab“ (heute: ALKO). Nur dort konnte mensch noch Alkohol über 4,7 Promille finden, damit waren Produktion und Verkauf von Alkohol allein in den Händen des Staates. Der Mythos des „Verbotenen“ wurde aufrechterhalten. Als 1968 erste Liberalisierungswellen in der Alkoholpolitik einsetzten, die später durch Beitritt Finnlands zur EU fortgesetzt wurden, stieg der Alkoholkonsum auf 10,5 l pro Kopf im Jahr an.

Heute wird immer noch gesagt, dass der Alkohol die finnische Volksdroge Nummer Eins ist: Jährlich sterben in Finnland 2500 Menschen an diversen Alkoholkrankheiten, allerdings nur 250 aufgrund anderen Drogenmissbrauchs (nach Hámos/Sahlo). Nach einer Studie des englischen Institutes für Alkoholstudien aus dem Jahre 1995 führt Finnland die Statistik für Todesfälle in Verbindung mit Alkohol in den EU-Staaten mit 28,6 Männern und vier Frauen pro 100.000 Einwohner über 15 Jahre an. Zum Vergleich: In Deutschland starben in derselben Zeit 16,8 Männer und 4 Frauen aufgrund alkoholbedingter Todesfälle. Der Mythos des „finnischen Säufers“ ist allerdings nie soziologisch bewiesen worden, was das Argument, die FinnInnen hätten „das Saufen“ in den Genen, widerlegt. Vielmehr lassen sich bei genauerem Hinsehen verschiedene Parallelen zu „Trinkgewohnheiten“ anderer nordischer Länder finden, wie z.B. zu Alaska oder Sibirien. Immer noch geforscht wird an dem Argument, dass die Dunkelheit die Lust der FinnInnen zum Alkohol steigert. Jedenfalls steckt hinter der Geschichte Finnlands mit dem Alkohol mehr als die obige Anfangsgeschichte suggeriert. Manche sagen, Finnlands Alkoholkonsum ist immer noch ein Protest gegen die Prohibition und Einmischung des Staates. Wieder andere sagen: „Eine gute Party ist nicht mit drei Bier möglich. Eine gute Party ist nur möglich, wenn alle Partybeteiligten sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern können.“

Henning Stuhr