Arbeit, Arbeit, Arbeit...

15.11.2009: ... und wo bleibt das Vergnügen?

Ein Thema hat alle Parteien in dem inhaltsleeren Bundestagswahlkampf 2009 verbunden: der Kampf für die Arbeit. Von allen Plakaten drohten uns die Wahlversprechen der Politik. Die FDP meinte, dass sich „Arbeit wieder lohnen muss“, die NPD wollte „Arbeit zuerst für Deutsche“. Die CDU holte ihr altes Mantra aus der Mottenkiste und titelte „Sozial ist, was Arbeit schafft“, die SPD dachte, dass „Arbeit faire Löhne braucht“. Oskar Lafointaines Linkspartei wollte „Arbeit sichern“ und die Grünen gaben sich ganz lässig mit dem Slogan „Jobs, Jobs, Jobs“. Eigentlich waren sich ja alle Parteien ziemlich einig: mehr Arbeitsplätze heißt mehr Wohlstand heißt eine bessere Gesellschaft für uns alle. Oder ist an diesem Slogan nicht auch etwas faul?

In unserer Gesellschaft ist ein Arbeitsplatz die Grundlage für Konsum und das sogar in vielfacher Hinsicht. Nur wer einigermaßen gut verdient kann sich den neuen Breitbildfernseher oder den schicken Urlaub auf Mallorca leisten und nur wer jeden morgen um 7 Uhr die S-Bahn betritt, um übermüdet in die Firma zu fahren, bekommt von den anderen Menschen Respekt und Achtung verliehen. Philipp Mißfelder (JU-Bundesvorsitzender) sagte einmal „Die Erhöhung von 'Hartz IV' war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie“ und erntete dafür allerhand Kritik. Doch eigentlich sprach der tölpelhafte CDU-Bundestagsabgeordnete nur das aus, was der gutbürgerliche Deutsche ohnehin denkt. Wer keinen Arbeitsplatz hat, der ist auch nichts wert. Warum versprechen alle Parteien denn sonst das Blaue vom Himmel und zaubern vor Wahlkämpfen immer wieder dutzende Konzepte aus dem Hut, wie man die nachkriegsdeutsche Vollbeschäftigung wieder erreichen kann? Doch die These von der gerechten Gesellschaft, die nur auf der Basis von Erwerbsarbeit aufgebaut ist, wird nicht wahrer, nur weil es alle gebetsmühlenartig wiederholen. Deswegen wartet dieser Artikel mit einer ungewöhnlichen politischen Forderung auf: die Abschaffung der Arbeit!

Eine Gesellschaft, die sich lediglich auf das Faktum Arbeit konzentriert, die entwickelt eine sozialdarwinistische Tendenz, die den Sprüchen eines Guido Westerwelle kritiklos folgt: „Derjenige der arbeitet, soll am Ende des Monats mehr haben als derjenige der nicht arbeitet“. Im Sinne der unsichtbaren Hand des Marktes werden bestehende Sozialnetze abgeschafft bzw. privatisiert und stehen zukünftig nur noch den Gewinner_innen der Krisen zur Verfügung. Ein Kind, das in dieser Gesellschaft in einem Hartz-IV-Haushalt groß wird, ist schon von Anfang an vom sozialen Leben ausgeschlossen. Kein Wunder, dass einige Lehrer_innen bereits fordern, an deutschen Hauptschulen müssten die Kinder auch lernen, wie man einen Hartz-IV-Fragebogen ausfüllt. Schließlich lerne man ja in der Schule für das Leben, dann müsse man die Kinder auch auf die Realität nach der Schulzeit vorbereiten. Aber nicht nur die Arbeitslosen werden in diesem System ausgeschlossen. Gerade diejenigen, die dem neoliberalen Mantra folgen und sich fast zu Tode schuften, haben keine Chance, ein schönes Leben zu führen. Man schaue sich nur die zahllosen Menschen an, die 2-3 Jobs annehmen, damit ihre Kinder ein warmes Essen auf den Tisch bekommen. Oder die Billigstarbeiter_innen, die keinen anderen Job finden, und am Ende des Monats noch nicht mal die Miete einigermaßen bezahlen können. Diese Menschen haben Arbeit und ihr ganzes Leben besteht nur aus Arbeit - und dennoch kriegen sie nicht mal einen Krümel vom Kuchen ab. Sie dürfen ihr Leben lang durch die Fensterscheibe in die Bäckerei gucken und zuschauen, wie andere die fetten Torten mit nach Hause nehmen. Ständig wird ihnen vorgegaukelt, dass sie einfach noch mehr und besser arbeiten müssten, dann würden sie es im Leben endlich schaffen. Nur um am Ende ihres Lebens eine magere Rente zu haben und im Altersheim die Tapete anzuschauen.

Aber vielleicht schwebt der Politik ja auch ein nordkoreanisches System vor. Der asiatische Staat ist vielleicht einer der wenigen auf der Welt, wo es die Vollbeschäftigung noch gibt. Sind die Parolen der bürgerlichen Parteien also eine versteckte Botschaft durch die Hintertür, den Kommunismus einzuführen? Wohl kaum. Bill Clinton brachte es mal auf den Punkt: „Jeder Job ist besser als keiner“. Also ist es auch besser, wenn Kinder in Südostasien unter miserabelsten Bedingungen die Turnschuhe für deutsche Fußballmannschaften herstellen oder wenn osteuropäische Frauen in zwielichtigen Hinterhöfen zu was weiß ich gezwungen werden? In der neoliberalen Dogmatik ist das zumindest besser, als biersaufend zu Hause vor dem Fernsehschirm zu hängen und sich mit Talkshows zu komatisieren.

Eine linke Politik, die sich wirklich der Progressivität verschrieben hat und einen sozialen Fortschritt für diese Gesellschaft anstrebt, die muss auch endlich über den Tellerrand der Erwerbsarbeit hinausdenken und neue Konzepte entwickeln, wie ein schönes Leben in dieser Welt verwirklicht werden kann. Eigentlich müssten wir es doch begrüßen, dass der technologische Fortschritt uns dabei hilft, immer weniger zu arbeiten. Mit immer weniger Aufwand, also weniger Arbeit, könnte der Mensch sich dennoch mehr Wohlstand erarbeiten. Endlich könnten wir doch Zeit dazu haben, uns zu bilden. Wir könnten Zeit haben, um diese Welt in ihrer Gesamtheit zu erfassen, Verknüpfungen zu suchen und zu durchleuchten, wie dies alles um uns herum funktioniert. Stattdessen suchen wir uns immer neue Möglichkeiten, wie wir uns am geschicktesten von der geistigen Emanzipation abhalten können und wie wir uns weiterhin Arbeitszwängen hingeben. Freiheit heißt, sich von einem System der entfremdeten Produktion zu lösen und Nischen im gesellschaftlichen Hier zu finden, wie man sich selbst organisieren kann, um der Verstumpfung zu entfliehen. Diese These mag provokant erscheinen und gewisse Leser_innen auch verärgern, aber vielleicht ist dieser Artikel auch ein Gedankenanstoß, um sich eingehender mit diesem Gesellschaftssystem zu befassen. Allein das wäre schonmal ein Fortschritt.

Ein kommunistisches Manifest hätte heutzutage vielleicht einen anderen Anfang als noch zu den Lebzeiten von Marx und Engels. Die Zeitschrift Krisis hat 1999 in ihrem „Manifest gegen die Arbeit“ einen neuen Weg gefunden: „Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft – der Leichnam der Arbeit. Alle Mächte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit!“

Maximilian Pichl