Sex, Drugs & Rock'n'Rollstuhl
15.11.2009: Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung
„Es ist vieles möglich – und nichts“, antwortet Erich Hassler, wenn man ihn nach seinem Beruf fragt. Der 60-jährige Schweizer verkauft Zeiten der Begegnungen. Sein Angebot gilt vorwiegend für Menschen mit Behinderungen.
Bereits vor 18 Jahren begann der ehemalige Spitzensportler und Schweizermeister im Boxen, sich im Behindertensport zu engagieren. Die Erlebnisse und Erfahrungen waren dermaßen prägend für ihn, dass er sich entschloss, eine Ausbildung zum Sexualbegleiter anzustreben. Heute versteht er es, Menschen mit achtsamen Berührungen und Massage-Ritualen bei ihrer sinnlichen und erotischen Selbstverwirklichung zu unterstützen. „Sexualität ist so vielfältig wie die Menschen“, sagt Erich Hassler, „sie gibt Lebensfreude, Lebensenergie, ist individuell und facettenreich und gehört zum Wohlbefinden eines jeden Menschen.“ Für ihn ist es daher selbstverständlich, dass das Recht auf Sexualität auch für Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung gilt. „Die eigene Sexualität autonom leben zu dürfen, gehört in der Tat zu den Menschenrechten. Das heißt aber nicht, dass es ein Recht auf Sex gibt.“
Als Sexualbegleiter berührt er und lässt sich berühren und macht damit den eigenen und den fremden Körper in einer gemeinsamen Erfahrung von Sinnlichkeit, Erotik und sexueller Entspannung erlebbar. Diese hautnahen Erlebnisse sind für das seelische Wohlbefinden und das Erlangen einer sexuellen Sicherheit, aber auch für eine angestrebte oder vorhandene Partnerschaft der Kundin oder des Kunden von Bedeutung. Laut Erich Hassler können diese Begegnungen Hilfe zur Selbsthilfe sein, wie das erste Entdecken des eigenen Körpers und des anderen Körpers mit seinen sinnlichen Empfindungen, das Erlernen von Selbstliebe oder das Neuerleben der erogenen Zonen, wenn beispielsweise die genitale Funktion gestört ist. Zudem könne die Motorik im Umgang mit einem Sexualpartner sensibilisiert werden.
Anfragen bekommt er vor allem von jungen Männern, die mehrheitlich lern- oder geistig behindert sind. Sie suchen oft Aufklärung oder Unterstützung im Umgang mit ihrer persönlichen Sexualität. Frauen kontaktieren ihn seltener, was seiner Meinung nach daran liegt, dass ihre Bedürfnisse nicht geringer, sondern anders seien. So werde die Sexualität von Frauen weniger auf den Geschlechtsverkehr reduziert und Berührungen und Präsenz stünden im Vordergrund. Fast alle neuen KundInnen seien zu Beginn gespannt und interessiert, was sie erwarten wird. Zum Teil verhielten sie sich anfangs auch etwas zaghaft, weil sie oft schmerzliche und gravierende Verletzungen, meist psychischer Art, erfahren hätten. „Es dauert aber oft nur eine kurze Zeit, bis sie spüren, dass ich ihnen achtsam begegne und mich bemühe, eine angenehme Atmosphäre zu vermitteln“, sagt Erich Hassler.
Sexualbegleitung ist eine Dienstleistung, die offen ist für Sexualität. Sie dient der freien Entfaltung der Persönlichkeit eines Menschen und ist ein Engagement innerhalb der emanzipatorischen Behindertenbewegung in Deutschland und des internationalen Independent-Living-Movements. Im Mittelpunkt steht die Achtung der Selbstbestimmung aller Menschen. „Mitleid und Verachtung sind uns fremd“, beschreibt Erich Hassler seinen Umgang mit behinderten Menschen. Seine Arbeit sieht er als enorme Bereicherung für sein Leben: „In der Auseinandersetzung mit meiner persönlichen Sexualität habe ich bemerkt, welche Wunder liebevolle Berührungen bewirken können, wie ich dabei eine tiefe Entspannung erlebe. Dieses Mysterium möchte ich gerne anderen Menschen weitergeben und sie bei ihrem Prozess begleiten.“ Während seiner Tätigkeit als Sexualbegleiter habe er die bedeutungsvollsten, schönsten, aber manchmal auch schmerzlichsten Lebenserfahrungen sammeln können. So sei es beispielsweise nicht immer einfach, es aushalten zu können, wenn sich ein Kunde oder eine Kundin in ihn verliebt. Aber auch daran wachse er und reife seine Persönlichkeit.
Als Prostituierten will sich der zweifache Familienvater nicht bezeichnen lassen. „Ich biete Begegnungen an“, beschreibt er seine Arbeit, „Sexuelle Akte können bei mir nicht gekauft werden.“ Außerdem gebe es gravierende Unterschiede zwischen Prostitution und Sexualbegleitung, wie er bekräftigt: „Sexualbegleitung ist mehr und anders. Das Modell, in dem auf unpersönliche Weise das schnelle Geld gemacht wird, gilt bei uns nicht.“ SexualbegleiterInnen bewege das Interesse am Menschen und nicht die Absicht, ein gutes Geschäft zu machen. Dies verdeutlicht auch die Art und Weise des Zahlungsverfahrens. Denn wer Sexualbegleitung in Anspruch nehmen will, kann keine sexuellen Handlungen kaufen, sondern lediglich die Zeit der Begegnung an sich. Diese Begegnung kostet jeweils 90 Euro pro Stunde und wie sie sich letztlich konkret gestaltet, ist immer abhängig von der Kommunikation und Interaktion zwischen KundIn und SexualbegleiterIn.
Sex ist überall. Doch dass Sexualität in Zusammenhang mit Behinderung in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabu-Thema ist, kann auch Erich Hassler nicht bestreiten. Ein wichtiger Weg, um auch dieses letzte Tabu brechen, ist, die offenen Diskussionen in Institutionen und Fachverbänden verstärkt in die Öffentlichkeit zu tragen und das Thema damit zugänglich und für alle erschließbar zu machen. Denn schließlich sei auch die Sexualbegleitung kein Sonderweg für Menschen mit Behinderung, wie Erich Hassler meint: „Ich sehe da überhaupt keine Sonderstellung. Menschen ohne Behinderung nehmen dieses Angebot seit eh und je in Anspruch.“ Von daher empfindet er es nicht als Demütigung oder Degradierung behinderter Menschen, wenn es auch für sie ein Angebot für sexuelle Erfahrungen gibt.
Auch Vorurteile gegenüber seiner Tätigkeit als Sexualbegleiter bekomme er selten zu hören: „Im Gegenteil. Medien, Institutionen und Heime sind eher positiv zum Thema Behinderung und Sexualität eingestellt“, entgegnet Erich Hassler, „Viele Leute sagen: Gut und wertvoll, dass es Sexualbegleitung gibt – ich persönlich könnte dies aber nicht tun.“
Sarah Benke