Rechte Esoterik und esoterische Rechte
01.03.2005: Esoterik ist nicht rechtsextrem und Rechtsextremismus nicht esoterisch - es gibt aber eine Schnittmenge zwischen Esoterikern und Rechtsextremisten. Ein Artikel von Marcel Raschke.
Der Begriff Esoterik wird heute als Sammelbegriff für die unterschiedlichsten weltanschaulichen Lebenssinn-Angebote gebraucht. Ende der 60er Jahre verbreitete sich mit der Hippie-Bewegung die Vorstellung von einem kommenden Zeitalter, in dem der Mensch zu höherer Spiritualität gelange - dem Wassermannzeitalter, oder auch "New Age" genannt. Über die sog. alternative Bewegung Ende der 70er Jahre entwickelt sich esoterisches Gedankengut zu einem Massenphänomen und lukrativen Marktsegment. Die Angebote dieser Gebrauchsesoterik reichen von der Astrologie bis hin zum Versprechen der Lösung vielfältiger sozialer, psychischer wie gesundheitlicher Probleme durch Geistheiler, Reinkarnation, Aromatherapie, oder gar durch "Lichtnahrung". Der jährliche Umsatz der Branche wird auf mindestens 15 Milliarden Mark geschätzt.
In der Öffentlichkeit gelten Themen wie Ökologie und Esoterik häufig als alternativ oder fortschrittlich. Dabei gibt es aber sowohl in einigen Ökologiekonzeptionen als auch in der Esoterik eine Reihe von Strömungen, die in ihrer Tendenz antiemanzipatorisch, totalitär, autoritär und menschenfeindlich sind. Diese Tendenzen haben auch viele Rechtsideologen erkannt und verbinden sie - ohne sich dabei in Widersprüche zu verwickeln - mit ihrer Ideologie.
Erschreckend ist beispielsweise der Erfolg des Autors "Jan van Helsing" in der Esoterik Szene. Seine Bücher wurden in den 90er Jahren zu Tausenden verkauft.
1993 erscheint sein erstes Buch unter dem Titel "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert oder Wie man die Welt nicht regiert: ein Wegweiser durch die Verstrickungen von Logentum mit Hochfinanz und Politik; Trilaterale Kommission, Bilderberger, VFR, UNO". Jan van Helsing ist ein Pseudonym für Jan Udo Holey.
In dem Geschichtsbild des Buches fügt sich die Behauptung ein, Juden respektive "die Illuminaten" hätten zwei Weltkriege angezettelt. Es sei eine "anerkannte Tatsache", so Helsing, alias Holey, dass Zionisten Jerusalem danach zur Verwaltungszentrale der Weltregierung machen wollten. Helsings Buch wird vor allem in esoterischen Zeitschriften beworben und geht mehr als 100.000 Mal über den Ladentisch. Über den Weg der Verschwörungstheorien, über das Motto "Glaube an Nichts", wird das Regime der Nationalsozialisten so in Frage gestellt - eine Form des esoterischen Revanchismus, es wird verharmlost, geleugnet, die üblichen Feindbilder Rechtsextremer werden bedient. Erstmals 1996 berichtet die baden-württembergische Verfassungsschutzbehörde in ihrem Jahresbericht über Holey unter der Rubrik "Rechtsextremistische Einflussnahme auf die Esoterikszene". Im März 1996 kommt es in der Bundesrepublik zu einem bundesweit wirksamen Beschlagnahmebeschluss wegen Volksverhetzung. Gegen den Verleger Klaus Dieter Ewert und Jan Udo Holey wurde Anklage erhoben.
Heute ist das Buch zum Beispiel über ausländische Versender bei Ebay zu ersteigern und erfreut sich auch als Kopie nach wie vor großer Beliebtheit.
Erschreckend ist auch, dass in alternative Kreisen gern gelesene Magazine, wie z.B. das Hanf-Magazin "Grow" in der Ausgabe 1/2000, Helsing die Möglichkeit geben, für seine weiteren Bücher im Interview zu werben und sich als politisch neutral und nur der "Wahrheit" verpflichtet darzustellen.
Als Beispiel für die Verknüpfungen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus, in Verbindung mit einer Prise "Umweltschutz" galt und gilt, wenn auch weniger aktiv, der Weltbund zum Schutz des Lebens (WSL).
Der WSL wurde als Umweltschutzverband begründet, sein langjähriger Vorsitzender war jedoch er vor kurzem verstorbene Werner Georg Haverbeck, ein überzeugter Nationalsozialist, der die kulturpolitische Abteilung der NSDAP mitaufbaute und den nationalsozialistischen Studentenbund mitgründete. Dem WSL stand das in Vlotho ansässige Collegium Humanum, eine Bildungseinrichtung nahe, die formal vom WSL unabhängig war Im Collegium Humanum fand 1984 bspw. ein Treffen zur Vorbereitung des 100 Jährigen Geburtstages des "Führers" statt. Der WSL dient auch als Schnittstelle zwischen Esoterik und Rechtsextremismus.
Im Grundsatzprogramm des WSL heißt es: "Der Verein wirkt für Erneuerung und Vertiefung des Lebens im Sinne der ewigen sittlichen Werte und der natürlichen Lebensordnung, gegen Überheblichkeit, Profitgier und Machtwahn, gegen die Mächte der Unordnung, Entartung, Ausbeutung und des Untergangs." Für den WSL war der Grund, sich in den vordersten Reihen der Anti-Atomtod-Bewegung zu engagieren, die "unabsehbaren Folgen der Radioaktivität auf das Erbgut der Deutschen"
Im Internet tummeln sich diverse Vereinigungen, wie z.B. der Verein "Germanischer Freunde" die in einem im Zeitungsstil aufgemachten Newsletter für ihren germanischen Glauben und die germanische Geschichte werben. Auch andere Vereinigungen werben für den germanischen Glauben. Jedes Jahr tummeln sich zur Sommersonnenwende Esoteriker und einige naturgläubige Rechtsextremisten an den kultischen Externsteinen in Horn bei Detmold. Auch sie propagandieren eine "Neuordnung Europas" auf ihren Webseiten.
Natürlich sind Esoteriker nicht rechtsextrem, wer sich mit Esoterik beschäftigt, sollte aber genau überprüfen, was ihm als Lese- oder Lebensempfehlung gegeben wird. Leider wird das Thema Rechtsextremismus in esoterischen Kreisen nur wenig beleuchtet, einige Versuche der Analyse oder Veröffentlichungen wurden durch zahlreiche Klagen erschwert.
Buchtipps
- "Kulte, Führer, Lichtgestalten - Esoterik als Mittel rechtsradikaler Propaganda" von Klaus Bellmund u. a.
- "Weltverschwörungstheorien - die neue Gefahr von rechts" von Eduard Gugenberger u. a.
Zum Autor
Marcel Raschke studiert Jura und ist Mitglied der Grünen Jugend Bielefeld.
Siehe auch
Bildungsoffensive gegen Rechts der GRÜNEN JUGEND