Islamismus und Hedge-Fonds-Management

20.06.2010: Ein Artikel über den Zusammenhang von Konflikten und Kultur.

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt an einen ernsthaften Konflikt zwischen Christentum und Islam. Das zumindest besagt eine repräsentative Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Mai 2006. In derselben Umfrage sprachen sich auch vierzig Prozent der Befragten dafür aus, die Religionsfreiheit für Muslim_innen in Deutschland einzuschränken, um Terrorismus vorzubeugen. Inzwischen zeigen sich in der Schweiz die Auswirkungen solcher Ängste: Letzten November stimmten in einer Volksabstimmung über 57 Prozent für ein Minarettbauverbot.

Solche Befunde machen deutlich, wie groß das Potential für Konflikte zwischen verschiedenen Kulturen ist. Die weit verbreitete These, der Islam stelle nach dem Ende des Kalten Krieges die nächste große Bedrohung für die westliche Welt dar, geht auf den US-amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington zurück. Huntington, der ab 1987 als außenpolitischer Berater der US-Regierung arbeitete, schrieb 1996 ein viel diskutiertes Buch namens „The Clash of Civilisations and the Remaking of World Order“, dessen Titel im Deutschen zu „Kampf der Kulturen“ gesteigert wurde. Laut Huntington sorgen der Zusammenbruch des Ostblocks und die Globalisierung dafür, dass Menschen sich zunehmend auf kulturelle Traditionen zurückbesinnen und darin Halt suchen. Besonders die islamische Welt, so Huntington, sei dabei eine Herausforderung für den Westen, weil ihre Mitglieder auf Grund steigender Geburtenzahlen ständig mehr werden. Der Westen selbst hingegen, der unter dem Verfall seiner Werte leide, begehe „kulturellen Selbstmord“. Als Anzeichen dieses moralischen Verfalls wertet Huntington unter anderem die steigende Anzahl von Ehescheidungen und unehelichen Geburten, Drogenkonsum und Nachlassen des „Arbeitsethos“. Unter Berufung auf Huntington vertreten andere Theoretiker_innen die Meinung, internationale Konflikte seien nicht auf ökonomisches Ungleichgewicht oder gegensätzliche politische Interessen zurückzuführen, sondern ausschließlich auf eine grundlegende Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen.

Vierzig Prozent sprachen sich dafür aus, die Religionsfreiheit für Muslim_innen in Deutschland einzuschränken

Natürlich gibt es sowohl an Huntington selbst als auch an den Fans seiner Theorie eine Menge zu kritisieren. Sein Konzept ist offensichtlich konservativ und geprägt von einer diffusen Angst vor dem Islam. Außerdem beruht seine Argumentation auf einem sehr statischen Verständnis von Kultur: Werte und Traditionen erscheinen bei ihm als grundsätzlich unveränderbar, und wenn sie sich doch wandeln, nennt er das „Verfall“. Auch die enge Kopplung von Kultur an Nationalstaaten und geografische Nähe ist zweifelhaft. Die Kernaussage jedoch, dass neben ökonomischen und nationalpolitischen Zielen auch kulturelle Unterschiede einen Einfluss auf Konflikte haben, ist richtig.

Wenn Kultur für das Verständnis von Konflikten eine so große Rolle spielt, ist es sinnvoll zu klären, was „Kultur“ überhaupt bedeutet. Wer bei diesem Wort nur an Theater, Musik und Museen, die Handlungsfelder der etablierten „Kulturpolitik“ denkt, denkt zu kurz. Der Begriff lässt sich auch nicht auf Religion beschränken. Kultur beeinflusst, was du isst, wo du wohnst, welche Kleidung du trägst, welche Bücher du liest (und ob du überhaupt lesen kannst), was dich wütend macht und in wen du dich verliebst (oder ob du Liebe unwichtig findest). In der Ethnologie – der Wissenschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, Kulturen zu beschreiben, zu erklären und zu vergleichen – gilt die Arbeitsdefinition, Kultur sei alles, was Menschen denken, sagen, fühlen oder tun, weil sie Mitglied einer bestimmten Gemeinschaft sind. Jede Kultur verfügt über eigene Werte, Normen, Traditionen und Rituale. Auch die GRÜNE JUGEND kann so in ethnologischer Hinsicht als eigene Kultur angesehen werden. Dass Uneinigkeit über grundlegende Werte beim Kontakt mit anderen Kulturen zu Konflikten führen kann, liegt auf der Hand.

Doch kaum jemand würde von einem „interkulturellen Konflikt“ sprechen, wenn GRÜNE-JUGEND-Mitglieder sich mit Nazis prügeln. Oder wenn ein in Bayern aufgewachsener Fleischliebhaber in eine linke WG in Berlin zieht und sich über das vegane Essen aufregt. Oder wenn eine Ethnologiestudentin zum Ehemaligentreffen des CDU-freundlichen Internates geht, an dem sie vor Jahren Abitur gemacht hat, und entsetzt ist, weil ein ehemaliger Mitschüler aufrichtiges Interesse an Hedge-Fonds-Management bekundet. In all diesen Beispielen sind die beschriebenen Probleme durch den kulturellen Hintergrund der Beteiligten gesprägt.

Aber als „interkulturell“ gelten Konflikte in der Öffentlichkeit nur dann, wenn Menschen beteiligt sind, die aus einem anderen Nationalstaat kommen, einer nicht-christlichen Religion anhängen oder eine andere Hautfarbe haben. Plump gesagt: Wenn ein katholischer Bauer seiner Tochter Sex vor der Ehe verbietet, interessiert das kaum jemanden. Wenn ein muslimischer Gemüsehändler dasselbe tut, wird das als „interkultureller Konflikt“ und als Integrationsrückstand gewertet, den es schnellstmöglich zu beseitigen gilt. Mit einer fundierten Analyse interkultureller Unterschiede hat das wenig zu tun, mit Rassismus dafür um so mehr.

Der Punkt ist also nicht, ob Kultur einen Einfluss auf Konflikte hat. Selbstverständlich sind sich Mitglieder verschiedener Kulturen auf Grund ihres kulturellen Hintergrundes in manchen Fragen uneinig, egal ob gläubige Muslim_innen und Christ_innen oder GRÜNE-JUGEND-Mitglieder und Junge-Union-Fans. Interessant ist vielmehr die Frage, bei welchen Konflikten dieser kulturelle Einfluss öffentlich hervorgehoben wird – und bei welchen eben nicht.

Lisa Bendiek